25. Dezember 2007, 08:12 Uhr

Wissen für alle

Das Ziel des kostenlosen Online-Lexikons Wikipedia: Wissen für alle. Fast 700.000 Schlagwörter werden allein in der deutschen Ausgabe erklärt - von einem Heer Freiwilliger. Funktioniert dieses Prinzip? Kann so Qualität entstehen? Der stern erzählt die Geschichte eines gigantischen Erfolges und hat 50 Artikel prüfen lassen. Von Horst Güntheroth und Ulf Schönert

Jimmy Wales, der amerikanische Gründer der Internetenzyklopädie, mit deren Logo - der Puzzle-Globus steht für die weltweite Kooperation, die den Wissensfundus entstehen lässt©

Die "Schachnovelle". Die wohl bekannteste Erzählung von Stefan Zweig war Thema im Deutschunterricht der neunten Klasse am Potsdamer Hermann-von-Helmholtz-Gymnasium. Erst mal wollte Lehrerin Bettina Kondrjakow checken, ob die Schüler das Stück zu Hause wirklich gelesen hatten. Auf einem Bogen Papier sollten die Jugendlichen Fragen zum Inhalt beantworten.

Nach einer Viertelstunde sammelte die Lehrerin ein. Das Ergebnis: Fünf der 25 Schüler konnten zwar irgendwie "mitreden", aber den Text hatten sie nie gelesen. Dank eines Tricks war Kondrjakow den Faulpelzen auf die Schliche gekommen: "Ich hatte mir vorher auf meinem PC angeguckt, was das Online-Lexikon Wikipedia zur 'Schachnovelle' schreibt. Und dann habe ich ein paar Fragen gestellt, auf die man dort keine Antworten findet." Genau bei diesen kamen die fünf Schummler ins Straucheln. Klarer Fall: Anstatt stundenlang die 109 Seiten des Taschenbuchs zu schmökern, hatten sie vermutlich schnell die Zusammenfassung bei www.wikipedia.de durchgesehen.

Schüler lieben Wikipedia

"So haben sie sich nicht nur um ein großes Lesevergnügen gebracht, sondern auch um eine gute Note", sagt Kondrjakow. Dabei bescheinigt die Lehrerin dem Eintrag "Schachnovelle" in Wikipedia viel Gutes: "Ordentlich gemacht, vielschichtig." Lob spendet sie dem Nachschlagewerk auch im Allgemeinen. "Ich arbeite selbst ganz gerne damit, es ist prima, um sich aufs Erste zu informieren und zu orientieren." Genauso handhaben das auch schlaue Schüler. Doch für manchen ist es eben auch eine große Verführung: Hier findet man blitzschnell, faktenreich, auf aktuellstem Stand, übersichtlich gegliedert und meist ansprechend geschrieben zu jedem Schlagwort, was Herz oder Lehrer begehren. Das spart für Referate und Hausarbeiten langes Suchen und mühsames Zusammenstellen aus anderen Quellen. Schüler lieben Wikipedia. Alle lieben Wikipedia.

Professor Gerhard Ertl (Chemie-Nobelpreisträger) über "Ammoniaksynthese": "Der Artikel fasst knapp und im Wesentlichen korrekt die wichtigen Fakten zusammen. Dass der Mechanismus von uns aufgeklärt wurde, könnte vielleicht noch Erwähnung finden"©

Die Rede ist vom universellen Lexikon der Neuzeit, dem größten Wissensprojekt aller Zeiten, einer weltweiten virtuellen Faktensammlung. Der Name setzt sich zusammen aus "Wiki", dem hawaiianischen Wort für "schnell", und dem englischen "Encyclopedia" für Enzyklopädie. Wer immer auf dem Globus einen Internetanschluss hat, sei es in einem Büro des Empire State Building oder im arabischen Beduinenzelt, kann sie kostenlos nutzen. Nie war es einfacher, an Informationen zu kommen.

Studenten und Redakteure, Pressesprecher und Redenschreiber, Werbetexter und Buchautoren bedienen sich bei dem globalen Wissensschatz. Patienten informieren sich über Krankheiten, Theaterbesucher suchen Infos zu Dramen und Komödien, Musikfans finden Persönliches zu jedem Mitglied einer Band, Touristen studieren Urlaubsländer und Sehenswürdigkeiten, Tierfreunde stöbern nach Hunde oder Katzenrassen, Jobsuchende beschaffen sich Verwertbares über die Firma fürs Vorstellungsgespräch. Wikipedia brummt: Mehr als vier Milliarden Mal am Tag wird auf die Server zu gegriffen; längst hat sich das Angebot einen festen Platz unter den Top Ten der meistbesuchten Internetadressen erobert, fast auf Augenhöhe mit den Netzgiganten Google, Ebay oder Amazon. Mittlerweile gibt es die Online-Enzyklopädie in mehr als 250 Sprachen, sogar in Cherokee und Esperanto. Die englische Version hat derzeit über zwei Millionen Artikel; die deutschsprachige, zweitgrößte, inzwischen einen Umfang von fast 700.000 Schlagwörtern, mehr als doppelt so viele wie der gedruckte große "Brockhaus". Und täglich wächst das kosmische Kompendium weiter. Allein 500 deutsche Neueinträge kommen jeden Tag hinzu, ungezählte Artikel werden ergänzt oder korrigiert.

Das Ziel: alles Wissen kostenlos verfügbar machen

Wer leistet diese Riesenarbeit? Die Antwort: alle! Das ist der Clou von Wikipedia: Jeder, der will, kann an jedem Artikel mitschreiben. Und ein Heer von Nutzern tut es, legt neue Beiträge an, korrigiert und erweitert Existierendes. So entstehen Schlagwörter und Informationen wie am Fließband. Das hehre Ziel der vielen Freiwilligen: alles Wissen dieser Welt kostenlos für jeden verfügbar machen. Denn hinter dem Online-Lexikon steckt keine Firma, es gibt weder Nutzungsgebühren noch Werbung. Eine gemeinnützige Stiftung, finanziert allein durch Spenden von Privatleuten und Firmen, bezahlt den Betrieb der weltweit drei Rechenzentren.

Weil sich die vielen Autoren gegenseitig kontrollieren, weil jeder jeden verbessern kann, so die Theorie, sind die Artikel am Ende sachlich korrekt. Andererseits: Wenn Hinz und Kunz mitwurschteln, so die schwerwiegenden Bedenken, kann das für die Qualität nur üble Folgen haben. "Wiki- Fehlia" titulierte denn auch "Bild" und prangerte mit diversen Beispielen die "Unzuverlässigkeit" des Internetlexikons an. Andere Kritiker, wie der ehemalige Chefredakteur der berühmten "Encyclopaedia Britannica", Robert McHenry, vergleichen die unliebsame Online-Konkurrenz mit einer öffentlichen Toilette. In beiden Fällen habe der Nutzer keine Ahnung, wer zuvor dort war und welchen Dreck er hinterlassen hat.

Moderator Ranga Yogeshwar über "Quarks": "Die Artikel haben eine gute Qualität, auch der über Quarks . Aber: Weil Wissen nun so leicht verfügbar ist, glauben viele, sie müssten nichts mehr lernen. Echtes Wissen muss man sich aber mühsam erarbeiten!"©

Doch diese Befürchtungen verblassen im Licht der Realität. Der stern hat jetzt in einem Test 50 Schlagwörter aus allen Themenfeldern geprüft: Sind sie inhaltlich korrekt, vollständig, verständlich und aktuell? Können sie im Vergleich zur kostenpflichtigen Online-Ausgabe des renommierten "Brockhaus" (siehe Tabelle Seite 38) bestehen? Das Ergebnis ist ein eindeutiger Erfolg für Wikipedia: 1,7 lautet die Schulnote für die Einträge dort im Durchschnitt. 43 der 50 getesteten Artikel wurden besser bewertet als die zu den gleichen Themen im "Brockhaus". Allenfalls ein wenig zu ausschweifend und zu lang fanden die Tester einige Beiträge - man merkt wohl, wenn mehrere Autoren dahinterstecken. Beim "Brockhaus" dagegen war etwa beim Startenor Luciano Pavarotti am Testtag, dem 2. Dezember, noch immer nicht vermerkt, dass dieser schon am 6. September gestorben war. Zu unvollständig und zu wenig aktuell, so lautete die Kritik der Experten - 2,7 war die Durchschnittsnote. Dabei war ursprünglich das traditionelle Lexikonprinzip genau das, was der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales im Jahr 2000 vor Augen hatte. Der Ex-Börsenhändler, Internetbusinessmann und Millionär aus Huntsville im US-Bundesstaat Alabama hatte wieder mal eine neue Geschäftsidee: Unter dem Namen "Nupedia" gründete er ein Lexikon, das es zwar ausschließlich im Internet geben sollte, aber eine normale Redaktion hatte und von Fachautoren verfasst wurde. Als die allerdings nach mehr als einem Jahr noch nicht mal 100 Artikel fertig hatten, wollte Wales "Nupedia" wieder beerdigen. Da schlug sein Mitarbeiter Larry Sanger vor, das Konzept völlig umzubauen: Fortan sollte jeder Internetsurfer mitschreiben dürfen. Aus der Not heraus entstand die Wikipedia- Idee.

Auch die wichtigste juristische Frage wurde geklärt: Wem gehört diese Arbeit von jedermann? Alle Inhalte wurden unter eine "freie Lizenz" gestellt: Sie sind niemandes Eigentum, jeder kann sie beliebig nutzen und kopieren. "Das war möglicherweise die dümmste Entscheidung meines Lebens - oder die klügste", erinnert sich der Gründer (siehe Interview Seite 44). Mehrere Hundert Millionen Dollar wäre Wikipedia wert, wenn man es kaufen könnte. Doch für das Online-Lexikon war die Öffnung für alle das Beste, was passieren konnte: Schon zwei Jahre später hatte es den Umfang der "Encyclopaedia Britannica" eingeholt.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 50/2007

Der große Test: 50 Stichwörter Der stern hat Wikipedia vom Wissenschaftlichen Informationsdienst WIND GmbH in Köln testen lassen. Die Einträge zu 50 breit gestreuten Stichwörtern aus verschiedenen Bereichen wurden auf Richtigkeit, Vollständigkeit, Aktualität und Verständlichkeit geprüft und mit dem entsprechenden Eintrag in der kostenpflichtigen, "permanent aktualisierten" Onlineausgabe des 15-bändigen Brockhaus (www.brockhaus.de/nachschlagen) verglichen. Das Institut erteilte Schulnoten von 1 (sehr gut) bis sechs (ungenügend). Zur Errechnung der Gesamtnoten wurde gewichtet - die Richtigkeit floss mit 40 Prozent in die Note ein, Vollständigkeit mit 30, Aktualität mit 20 und Verständlichkeit mit 10 Prozent. Ergebnis: In der überwiegenden Zahl der Fälle (43 Stichwörter) schnitt Wikipedia besser ab als der Brockhaus. Im Durchschnitt erreichte das Mitmach-Lexikon eine Schulnote von 1,7. Schwächen zeigte Wikipedia vor allem bei der Verständlichkeit der Artikel.

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