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Die mächtigste Frau des Internets

Susan Wojcicki ist die mächtigste Frau im Internet. Sie hat Google groß gemacht, jetzt kämpft die Youtube-Chefin für das Fernsehen der Zukunft. Und als Mutter von fünf Kindern für die Frauen.

Youtube-Chefin Susan Wojcicki ist die vielleicht mächtigste Frau des Internets

Youtube-Chefin Susan Wojcicki ist die vielleicht mächtigste Frau des Internets

Neulich verschickte sie ihre Botschaft mit ihrer Muttermilch. Vom Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Bergen twitterte Susan Wojcicki ein Foto: zwei Fläschchen auf einem verschneiten Hotelbalkon. "Superkaltes Wetter. Macht es leicht, Muttermilch aufzubewahren. Kühlschrank unnötig" , schrieb die 47-Jährige dazu; erst 2015 hatte sie ihr jüngstes Kind bekommen. Sie hätte so ein Bild nicht versenden müssen. Hat sie aber. Es ist Teil ihrer Story: Supermanagerin und Supermutter.

So geht das auch, wenn man sie in Kalifornien besucht, in der Youtube-Zentrale. "Sorry" , sagt ihr Pressemann, Susan komme ein paar Minuten später. "Sie managt eben eine große Firma und hat fünf Kinder. Da passiert das manchmal."

"Es gibt eben keine perfekte Welt"

Auch im Gespräch wird sie immer wieder von ihren Kindern erzählen. Wie sie Filmchen auf Youtube gucken oder Musik über Mamas Plattform hören. Wie sie auf Fehler hinweisen. Und wie schwer es ist, Familie und Beruf zu verbinden. "Es gibt Zeiten, da muss ich zu Hause etwas tun und dafür etwas anderes lassen. Es gibt eben keine perfekte Welt." Und doch wolle sie ein Vorbild sein für andere Mädchen und Frauen. "Ich möchte meine Geschichte mit ihnen teilen."

Ihre Geschichte. Das ist die der mächtigsten Frau des Internets. Als Marketingmanagerin machte sie einst aus Google eine Geldmaschine. Heute ist sie Chefin von Youtube, mit einer Milliarde Zuschauern jeden Monat die größte und faszinierendste Videoplattform der Welt.

Im Silicon Valley schauen alle auf sie. Nicht nur, weil sie sich für die Frauen einsetzt. Sondern weil sie eine entscheidende Rolle im Kampf um das Fernsehen der Zukunft spielt - und damit vielleicht sogar um das Internet der Zukunft.

Noch beherrscht das klassische Fernsehen mit klassischen Sendern die Sehgewohnheiten. Aber das ändert sich gerade. Es wird immer einfacher, Videos im Netz abzurufen. Egal, ob unterwegs über das Smartphone oder zu Hause über den Flachbildschirm im Wohnzimmer. Mehr Anbieter denn je buhlen um Zuschauer. Netflix wirbt mit hochwertigen, selbst produzierten Serien wie "House of Cards" um Abonnenten. Amazon macht das ähnlich. Selbst Facebook setzt verstärkt auf Videos, um mehr Werbung zu verkaufen. Und Google? Schickt Susan Wojcicki.

Youtube: Die Videothek des realen Lebens

Man trifft sie in San Bruno, einem seelenlosen Vorort im Süden San Franciscos, direkt neben dem Flughafen. Über die Youtube-Zentrale an der Cherry Avenue donnern Flugzeuge. Das Büro der Chefin liegt im ersten Stock, zur Straße. Neben der Tür hängt eine bunte Kinderzeichnung mit Krakelschrift an der Wand: "Susan's Office" .

Susan Wojcicki, deren Nachnamen nicht einmal alle Mitarbeiter aussprechen können, ist eine zierliche Frau mit weißer Bluse, schwarzer Hose und hohen, schwarzen Stiefeln. Sehr smart. Sie nippt an einem Glas mit Tee. Sehr gesund. Sie spricht ruhig und zugewandt. "Wir glauben, genau jetzt wird das Fernsehen neu erfunden", sagt sie. Und dabei werde Youtube ganz vorn dabei sein, natürlich.

Youtube ist längst ein Massenmedium. 400 Stunden Videomaterial werden jede Minute hochgeladen. Man brauchte 65 Jahre, um sich die Filmchen eines Tages anzusehen, und es finden sich Unmengen Trash darunter, von Katzenvideos bis Henkervideos. Wenn Netflix das exklusive Loft im Obergeschoss des Fernsehens ist, die öffentlich-rechtlichen Sender das Zwischengeschoss mit Bohnerwachs und Spießigkeit, dann ist Youtube eine Mischung aus Kinderladen und Absturzkneipe im Souterrain: laut, chaotisch, ehrlich. Die Videothek des realen Lebens.

Gerade das Ehrliche begeistert vor allem Jugendliche. Sie abonnieren die "Kanäle" ihrer Stars - und finden in den regelmäßig hochgeladenen Filmchen ihre Lebenswelt wieder. Diese Stars sind das Rückgrat von so etwas wie dem Programm. Wojcicki nennt sie "Creators". Kreative, Künstler. Um sie herum will sie das Fernsehen der Zukunft erschaffen.

Manche dieser Youtuber haben irrsinnigen Erfolg. In den USA ist PewDiePie mit seinen Computerspiele-Videos ein Superstar, er hat weltweit über 42 Millionen Abonnenten. Die Kanadierin Lilly Singh spricht auf ihrem Kanal "Superwoman" schon mal über sechs Minuten lang über Techniken, möglichst geräuschlos zu pinkeln. Man muss das nicht gucken. Aber über acht Millionen Abonnenten tun es. In Deutschland heißen die Stars LeFloid, Gronkh, Dagi Bee oder Daaruum. Teenager himmeln die neuen Helden mehr an als Hollywoodstars, so eine Umfrage des US-Magazins "Variety".

Aus solchen Erkenntnissen speist sich Wojcickis Strategie. "Die junge Generation wird Youtube als die vorrangige Unterhaltungsplattform nutzen", erklärt sie. "Bei uns können Zuschauer mitmachen und sich einbringen. Um unser Angebot herum entstehen Communitys." Wojcicki hütet einen Schatz - den will sie zu Geld machen.

Wojcicki machte Google groß

Das Geschäftsmodell ist eigentlich recht simpel. Youtube verkauft Werbung rund um die Videos. Je mehr Klicks, desto höher die Einnahmen. Wie viel Youtube heute schon verdient, wird nicht verraten, die Zahlen weist der Mutterkonzern nicht aus. Kritiker bemängeln, Youtube schaffe es noch nicht, die gigantische Reichweite in der attraktiven Zielgruppe richtig zu vermarkten.

"Es wird dauern", sagt Wojcicki dazu nur. "Aber die Fernsehwerbung wird umziehen. Die Nutzer bewegen sich sehr schnell. Die großen Marken - Coca-Cola, Gillette und all die anderen - werden ihnen mit ihrer Werbung folgen müssen. Irgendwann werden sie die Werbedollars umschichten müssen."

Spezialistin für diese Werbedollars ist: sie. Auch wenn sie weniger bekannt sein mag als Facebook-Chefin Sheryl Sandberg oder Yahoo-Boss Marissa Mayer -Susan Wojcicki hat als die für das Werbegeschäft zuständige Managerin wesentlich dazu beigetragen, dass Google zu einem der profitabelsten Konzerne der Welt wurde. "Ich habe eine Firma von Grund auf aufgebaut: Google", sagt sie selbstbewusst, "ich weiß, wie man Geld mit einer großen Werbefirma verdient." Das Fachblatt "Adweek" bezeichnete sie 2013 nicht ohne Grund als die "wichtigste Frau der Werbebranche".

Gäbe es im Silicon Valley so etwas wie Adel, Susan Wojcicki würde zum Hochadel gehören. Sie ist in diesem Tal aufgewachsen, als älteste von drei Schwestern. Der Vater lehrte Physik an der Universität Stanford, dem geistigen Zentrum der Tech-Branche. Die Mutter arbeitete als Highschool-Lehrerin. "Wir haben unsere Kindheit mit Leuten verbracht, die Einstein infrage gestellt haben", hat Wojcicki einmal erzählt. Sie studierte zunächst an der Ostküste, an der Eliteuniversität Harvard, Geschichte und Literatur. Ein paar Monate verbrachte sie als Fotografin in Indien, bevor sie sich in Kalifornien zur Ingenieurin und zur Managerin ausbilden ließ.

Zum Hochadel gehört sie, weil ihr Leben und ihre Karriere eng verwoben sind mit der Firmenlegende von Google. In der Garage von Wojcickis erstem eigenen Haus in Menlo Park, 232 Santa Margarita Avenue, gründeten Larry Page und Sergey Brin 1998 den Suchmaschinenkonzern. Wojcicki und ihr Mann Dennis Troper vermieteten den beiden ihre Garage und drei Zimmer für 1700 Dollar im Monat, Nutzung von Badewanne, Waschmaschine und Trockner inklusive. In der Auffahrt stellten Brin und Page ein Schild auf: "Google Worldwide Headquarters".

Der Charme des Ungefilterten und Rohen

Wojcicki fing bald selbst bei Google an, Mitarbeiterin Nummer 16. Zu Brin entstand sogar eine familiäre Verbindung. Ihre jüngere Schwester Anne heiratete den Google-Gründer, bevor sie die Gentestfirma 23andme gründete, sich von Brin trennte - und nun selbst eine der berühmten Frauen im Silicon Valley ist. Yahoo-Chefin Marissa Mayer war damals übrigens eine Kollegin Wojcickis und mit Larry Page zusammen. Man kennt sich, Hochadel eben.

Mitte der Nullerjahre kümmerte sich Wojcicki auch um ein besonderes Projekt: Google Video. Sie sollte Videos im Netz zugänglich machen, hatte aber wenig Erfolg. Sie empfahl damals, ein kleines Start-up zu kaufen: Youtube. Für happige 1,65 Milliarden Dollar. Seither ist Youtube im Eiltempo größer geworden. Es ist jetzt so etwas wie ein kindlicher Riese. Und Wojcicki soll diesen Riesen erwachsen machen.

Als Chefin setzt sie darauf, die Plattform sanft zu entwickeln, sie zu veredeln - ohne ihr den Charakter des Ungefilterten und Rohen zu rauben. Sie lässt Algorithmen verbessern, um Nutzern passende Filme vorzuschlagen. Sie experimentiert mit Liveübertragungen und 360-Grad-Aufnahmen, der Vorstufe der virtuellen Realität. Oder sie gliedert eine App nur für Kinderfilme aus.

Auf der Suche nach dem nächsten Star

Um die Reichweite zu erhöhen, versucht Wojcicki, immer neue Stars zu schaffen. An acht Orten weltweit - darunter Berlin, direkt am Gelände des ehemaligen Tempelhofer Flughafens - gibt es inzwischen sogenannte Youtube-Spaces, eine Mischung aus Filmschule und Profistudio. Sie bieten Youtubern Workshops in Kameraführung, Schnitträume und Kulissen für den Dreh.

Vor ein paar Monaten startete Wojcicki in den USA auch ein Abo-Modell: Youtube Red für 9,99 Dollar im Monat - Videos ohne Werbung und zum Herunterladen, Musik nun auch auf dem Smartphone im Hintergrund. Gratis obendrauf gibt es eine Musik-App. Als sei die Konkurrenz nicht ohnehin groß genug, legt sich Wojcicki zudem mit Spotify und Apple an. Noch in diesem Jahr soll das Abo auch in Deutschland verfügbar sein. Für Youtube Red lässt sie sogar eigene Sendungen produzieren, fast so wie Konkurrent Netflix.

"Unsere Kreativen", sagt sie, "sind globale Stars geworden. Wir wollen ihnen auf die nächste Ebene helfen." Allerdings orientieren sich die Produktionen in Stil und Aufwand nicht an "House of Cards" , sondern eher an der eigenen Amateur-Video-Kultur. Vier Produktionen gibt es bislang, eine rund um PewDiePie und eine um Lilly Singh.

Ob das Erfolg haben wird? Wojcicki gibt sich gelassen. "In der Tech-Branche muss man ein neues Produkt schaffen und dann schauen, was geschieht", sagt sie. Es ist der pragmatische Habitus, den viele Topmanager im Silicon Valley haben: Wir probieren es einfach, denn hey, wir wollen schließlich die Welt verändern.

Wojcicki kämpft für Frauen

Susan Wojcicki will tatsächlich Großes schaffen - und dennoch auch für ihre Kinder da sein. Sie setzt ihrem Job Grenzen, strikt und demonstrativ. Zum Abendessen ist sie zu Hause. An Wochenenden beantwortet sie E-Mails erst ab Sonntagabend. Im Vergleich mit Spitzenjobs in der Politik sei die Leistungskultur im Silicon Valley ergebnisorientierter, sagt sie. "Solange ich Resultate vorlegen konnte, war es anderen immer egal, was ich sonst so getan habe."

Ihre ungewöhnliche Karriere begreift sie inzwischen als Verpflichtung. "Ich möchte meine Position dazu nutzen, mich für Anliegen einzusetzen, die wichtig sind für Frauen - und für die sonst niemand kämpft" , sagt sie. Und so kämpft sie dafür, dass Frauen in den USA nach der Geburt bezahlten Mutterschutz bekommen und nicht sofort wieder arbeiten müssen. "Ich habe gerade erst ein Baby bekommen" , erzählt sie. "Ich wäre nach zehn Tagen nicht schon wieder fit fürs Büro gewesen." Sie brauchte die Auszeit - und nahm sie sich.

Außerdem kämpft sie dafür, dass Mädchen sich an Computer herantrauen. Der Arbeitsmarkt, schrieb sie neulich in einem Gastbeitrag, werde sich durch die neuen Techniken rasant verändern. Abgehängt würden jene, die sich nicht damit auseinandersetzen - vor allem Frauen. "Die Tech-Branche hat ein schlechtes Image", sagt Wojcicki an diesem Morgen in San Bruno. "Sie gilt als streberhaft, unsozial, hart. Darauf haben Mädchen keine Lust. Aber das ist ein falsches Bild." Ihre eigene Geschichte soll helfen, das zu ändern.

Diese Reportage ist dem aktuellen stern entnommen

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