Vor zehn Jahren bekam Jörg Rheinboldt einen Anruf, der sein Leben veränderte: Ein Freund bot ihm an, bei einem Internet-Auktionshaus mitzumachen. Aus ihrem Start-up Alando wurde bald Ebay Deutschland. Ein Gespräch über plötzlichen Reichtum, harte Arbeit und den Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern.

Jörg Rheinboldt gründete vor zehn Jahren Alando.de, das Ebay gekauft wurde© Steffen Roth
Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, es war mein Kollege Max.
Wir hatten einen Bekannten dazu überredet, seinen Ferrari bei uns anzubieten. Wir haben überall Anzeigen geschaltet: Ferrari ab 1 Mark. Das konnte sich damals keiner vorstellen. Dann ging die Auktion los - und wir haben beobachtet, wie sich der Preis für den Ferrari entwickelt, wie sich die Leute anmelden und wie sie auch andere Sachen kaufen. Als die Auktion zur Hälfte vorbei war, stand der Ferrari bei 20.000 Mark. Wir fingen langsam an, uns Sorgen zu machen, dass der Ferrari zu billig weggeht. Aber kurz vor Schluss ist dann passiert, was fast immer bei Online- Auktionen passiert - aber damals war uns das nicht klar: Der Preis ist hochgegangen bis auf 75.000 Mark.
Das war 1996 oder 1997. Allerdings nur, weil ich Freunde in Amerika hatte, die mir davon erzählt haben. Ich habe mir das angeschaut, aber nicht daran gedacht, dass ich damit irgendetwas machen könnte. Das erste Mal darüber nachgedacht, das selbst zu machen, habe ich im Januar 1999. Mein Freund Oli Samwer rief mich an und meinte: "Hey, kennst du Online-Auktionen - sollen wir so etwas nicht machen?"
Nein, gar nicht. Wir wussten, dass ein paar Leute daran arbeiteten, einen Privat-zu-privat-Marktplatz in Deutschland zu starten. Deshalb wollten wir schnell sein. Das hat auch geklappt. Wir waren zügig am Markt und kurz nach uns kamen dann die ersten echten direkten Wettbewerber.
Unser Gespräch war Ende Januar 1999. Alando gegründet haben wir Mitte Februar. Und öffentlich gestartet ist die Webseite am 1. März.
Alles Mögliche. Eine Sache, die ich intensiv gemacht habe, war, das Produkt zu bauen. Es zu designen und zu überlegen: Wie muss es funktionieren?
Nur ein halbes Jahr, im Juni 1999. Das war aber ursprünglich gar nicht unser Plan. Wir hatten überlegt, dass wir eine erste Finanzierungsrunde machen, mit der wir wohl durch das Jahr 1999 kommen würden, und Anfang 2000 eine neue Finanzrunde. Später wollten wir an die Börse.
Wir sind nie gut gewesen im Feiern. Als unsere Seite online ging, haben wir das mit Freude zur Kenntnis genommen. Aber uns war klar: Jetzt geht die Arbeit erst richtig los.
Als Erstes haben wir eine Anmeldeseite und eine Artikeleinstellseite gebaut. Dann haben wir unseren Freunden und Verwandten gesagt: "Ihr müsst bitte, bitte alle eure alten Sachen da einstellen. Was genau das ist, verraten wir euch nicht, aber es wird wirklich spannend, wenn es fertig ist." Das haben zum Glück viele gemacht, sodass wir zirka 5500 Artikel hatten, als wir live gegangen sind.
Das haben wir nie gedacht. Wir haben aber gemerkt, dass wir einen Nerv getroffen haben. Die Anmeldezahlen stiegen und stiegen. Das ging los mit 200 Leuten, die sich am Tag registriert haben, dann waren es 2000 und dann irgendwann 20.000. Da waren wir uns sicher, dass Alando erfolgreich sein wird.
Wir wussten sehr genau, was unsere Technik kann und dass sie wahrscheinlich gut laufen wird. Am Anfang gab es trotzdem immer wieder kleine Auszeiten. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, die Fehlermeldungen so zu formulieren, dass sie wenigstens etwas Vergnügen bereiten. Da stand dann: "Lieber Alando-Nutzer, Alando wird zurzeit von einem anderen Mitglied benutzt - bitte versuchen Sie es später noch einmal." Oder: "Sie versuchen, uns außerhalb unserer Kernöffnungszeiten zu erreichen."
Genau deshalb. Weil keiner von uns aus Berlin kam. Wir haben gesagt, wir machen das irgendwo, wo wir keinen kennen, damit uns keiner stört. Die Abmachung war: Von Montag bis Freitag gründen wir und haben unsere Firma. Am Wochenende kann jeder machen, was er will. Und das haben wir sehr hart durchgezogen.

Gefunden in der Frühlingsausgabe 2009 des "Ebay-Magazin"
Ich war jeden Tag von 7 bis 23 Uhr im Büro und danach noch was trinken mit den Kollegen. Die ersten Monate waren heftig. Dann haben wir gesagt: Jetzt müssen wir in den Marathon-Modus umschalten. Wir waren damals aber auch alle in der Situation, das machen zu können. Wir hatten keine Kinder. Meine Freundin war erst in Köln und ist dann nach Paris gezogen. Unter der Woche habe ich bei der Arbeit Gas gegeben, am Wochenende habe ich meine Freundin getroffen.
Es war ein entspanntes Gefühl. Aber wir haben gar nicht so darüber nachgedacht, wie viel Geld wir verdienen. Klar hat man das zur Kenntnis genommen. Und hat gesagt: Super! Ist ein Schritt mehr zur Unabhängigkeit. Aber wir haben gesagt: Jeder kann eine Quatschsache machen - der Rest wird konservativ angelegt.
Zur Person Jörg Rheinboldt, 37, gründete 1999 mit fünf Freunden das Online-Auktionshaus Alando.de in Berlin. Oliver, Marc und Alexander Samwer, Max Finger, Karel Dörner und Jörg Rheinboldt wurden bekannt, als Ebay ihr Unternehmen im gleichen Jahr für angeblich 50 Millionen Mark übernahm. Rheinboldt ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin. Er ist Partner und Gründer der Firma M 10, die Internet-Start-ups unterstützt, und betreibt die Charity-Seite betterplace.org.