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6. April 2009, 21:26 Uhr

"Wir haben einen Nerv getroffen"

Vor zehn Jahren bekam Jörg Rheinboldt einen Anruf, der sein Leben veränderte: Ein Freund bot ihm an, bei einem Internet-Auktionshaus mitzumachen. Aus ihrem Start-up Alando wurde bald Ebay Deutschland. Ein Gespräch über plötzlichen Reichtum, harte Arbeit und den Unterschied zwischen Deutschen und Amerikanern.

Ebay, Alando, Jubiläum

Jörg Rheinboldt gründete vor zehn Jahren Alando.de, das Ebay gekauft wurde© Steffen Roth

Herr Rheinboldt, wer hatte denn die Idee mit dem Ferrari?

Das weiß ich nicht mehr genau. Ich glaube, es war mein Kollege Max.

Als Alando im April 1999 gestartet ist, haben sie am ersten Tag gleich einen Ferrari für eine Mark angeboten …

Wir hatten einen Bekannten dazu überredet, seinen Ferrari bei uns anzubieten. Wir haben überall Anzeigen geschaltet: Ferrari ab 1 Mark. Das konnte sich damals keiner vorstellen. Dann ging die Auktion los - und wir haben beobachtet, wie sich der Preis für den Ferrari entwickelt, wie sich die Leute anmelden und wie sie auch andere Sachen kaufen. Als die Auktion zur Hälfte vorbei war, stand der Ferrari bei 20.000 Mark. Wir fingen langsam an, uns Sorgen zu machen, dass der Ferrari zu billig weggeht. Aber kurz vor Schluss ist dann passiert, was fast immer bei Online- Auktionen passiert - aber damals war uns das nicht klar: Der Preis ist hochgegangen bis auf 75.000 Mark.

Können Sie sich noch erinnern, wann Sie das erste Mal überhaupt von Online-Auktionen gehört haben?

Das war 1996 oder 1997. Allerdings nur, weil ich Freunde in Amerika hatte, die mir davon erzählt haben. Ich habe mir das angeschaut, aber nicht daran gedacht, dass ich damit irgendetwas machen könnte. Das erste Mal darüber nachgedacht, das selbst zu machen, habe ich im Januar 1999. Mein Freund Oli Samwer rief mich an und meinte: "Hey, kennst du Online-Auktionen - sollen wir so etwas nicht machen?"

Wollten Sie Ebay zuvorkommen, das damals in den USA schon erfolgreich war? Dachten Sie, dass Ebay auch nach Deutschland kommt?

Nein, gar nicht. Wir wussten, dass ein paar Leute daran arbeiteten, einen Privat-zu-privat-Marktplatz in Deutschland zu starten. Deshalb wollten wir schnell sein. Das hat auch geklappt. Wir waren zügig am Markt und kurz nach uns kamen dann die ersten echten direkten Wettbewerber.

Was heißt schnell?

Unser Gespräch war Ende Januar 1999. Alando gegründet haben wir Mitte Februar. Und öffentlich gestartet ist die Webseite am 1. März.

Es gab ja neben Oliver Samwer und seinen beiden Brüdern noch drei andere Gründer. Was waren Ihre Aufgaben bei Alando?

Alles Mögliche. Eine Sache, die ich intensiv gemacht habe, war, das Produkt zu bauen. Es zu designen und zu überlegen: Wie muss es funktionieren?

Wie lange hat es gedauert, bis Sie Alando an Ebay verkauft haben?

Nur ein halbes Jahr, im Juni 1999. Das war aber ursprünglich gar nicht unser Plan. Wir hatten überlegt, dass wir eine erste Finanzierungsrunde machen, mit der wir wohl durch das Jahr 1999 kommen würden, und Anfang 2000 eine neue Finanzrunde. Später wollten wir an die Börse.

Wie war das, als die erste Auktion begann? Gab es Champagner für alle?

Wir sind nie gut gewesen im Feiern. Als unsere Seite online ging, haben wir das mit Freude zur Kenntnis genommen. Aber uns war klar: Jetzt geht die Arbeit erst richtig los.

Woher kamen denn die ersten Auktionen? Haben Sie die selbst eingestellt?

Als Erstes haben wir eine Anmeldeseite und eine Artikeleinstellseite gebaut. Dann haben wir unseren Freunden und Verwandten gesagt: "Ihr müsst bitte, bitte alle eure alten Sachen da einstellen. Was genau das ist, verraten wir euch nicht, aber es wird wirklich spannend, wenn es fertig ist." Das haben zum Glück viele gemacht, sodass wir zirka 5500 Artikel hatten, als wir live gegangen sind.

Wann hatten Sie das Gefühl, dass der Marktplatz von alleine läuft?

Das haben wir nie gedacht. Wir haben aber gemerkt, dass wir einen Nerv getroffen haben. Die Anmeldezahlen stiegen und stiegen. Das ging los mit 200 Leuten, die sich am Tag registriert haben, dann waren es 2000 und dann irgendwann 20.000. Da waren wir uns sicher, dass Alando erfolgreich sein wird.

Hat die Technik immer funktioniert bei diesem Ansturm? Bei Ebay in den USA war das zu Beginn nicht immer der Fall.

Wir wussten sehr genau, was unsere Technik kann und dass sie wahrscheinlich gut laufen wird. Am Anfang gab es trotzdem immer wieder kleine Auszeiten. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, die Fehlermeldungen so zu formulieren, dass sie wenigstens etwas Vergnügen bereiten. Da stand dann: "Lieber Alando-Nutzer, Alando wird zurzeit von einem anderen Mitglied benutzt - bitte versuchen Sie es später noch einmal." Oder: "Sie versuchen, uns außerhalb unserer Kernöffnungszeiten zu erreichen."

Der Sitz von Alando war in Berlin, obwohl keiner der Gründer aus Berlin war. Wieso eigentlich?

Genau deshalb. Weil keiner von uns aus Berlin kam. Wir haben gesagt, wir machen das irgendwo, wo wir keinen kennen, damit uns keiner stört. Die Abmachung war: Von Montag bis Freitag gründen wir und haben unsere Firma. Am Wochenende kann jeder machen, was er will. Und das haben wir sehr hart durchgezogen.

Ebay, Alando, Jubiläum

Gefunden in der Frühlingsausgabe 2009 des "Ebay-Magazin"

Wie muss man sich das vorstellen?

Ich war jeden Tag von 7 bis 23 Uhr im Büro und danach noch was trinken mit den Kollegen. Die ersten Monate waren heftig. Dann haben wir gesagt: Jetzt müssen wir in den Marathon-Modus umschalten. Wir waren damals aber auch alle in der Situation, das machen zu können. Wir hatten keine Kinder. Meine Freundin war erst in Köln und ist dann nach Paris gezogen. Unter der Woche habe ich bei der Arbeit Gas gegeben, am Wochenende habe ich meine Freundin getroffen.

Was war das für ein Gefühl, als klar war, dass Ebay Ihre Firma Alando aufkauft - und Sie reich werden? Angeblich haben Sie zusammen 50 Millionen Dollar bekommen ...

Es war ein entspanntes Gefühl. Aber wir haben gar nicht so darüber nachgedacht, wie viel Geld wir verdienen. Klar hat man das zur Kenntnis genommen. Und hat gesagt: Super! Ist ein Schritt mehr zur Unabhängigkeit. Aber wir haben gesagt: Jeder kann eine Quatschsache machen - der Rest wird konservativ angelegt.

Zur Person Jörg Rheinboldt, 37, gründete 1999 mit fünf Freunden das Online-Auktionshaus Alando.de in Berlin. Oliver, Marc und Alexander Samwer, Max Finger, Karel Dörner und Jörg Rheinboldt wurden bekannt, als Ebay ihr Unternehmen im gleichen Jahr für angeblich 50 Millionen Mark übernahm. Rheinboldt ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Berlin. Er ist Partner und Gründer der Firma M 10, die Internet-Start-ups unterstützt, und betreibt die Charity-Seite betterplace.org.

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Amerika Anzeigen EBay Ferrari Online-Auktionen
KOMMENTARE (10 von 10)
 
Leseratte79 (07.04.2009, 14:23 Uhr)
Gemecker
Umso größer der Konzern umso schlechter Kundenservice, Kontakt, usw. Trotzdem ist Ebay immer noch der beste Ort Krimskrams los zu werden. Ich habe auch schon schlechte Erfahrungen gemacht. Aber bei ca 400 Tranksaitonen belaufen sich diese auf ca. 10 und das hält sich wirklich im Rahmen. In Geschäften habe ich schon viel schlechtere Erfahrungen gemacht und mehr Lehrgeld bezahlt. Von daher: Wenn man weiß wie der Hase läuft und etwas Vorsicht walten lässt (ein neues Handy gibts nun mal nicht für 50€) klappts auch bei Ebay gut.
Siffhirn (07.04.2009, 13:34 Uhr)
Bin seit 99 mit dabei :o)
Als privater Käufer/Verkäufer und habe es in der Zeit auch 450 ausschließlich positive Bewertungen gebracht!
Benutze Ebay immer noch von Zeit zu Zeit um etwas zu kaufen oder verkaufen.
Trotz hornder Gebühren bekommt man nirgens mehr Geld für seinen Krimskrams :o)
Meiner Meinung nach muß man einfach darauf achten, was man kauft und vor allem, von wem!
Bei Verkäufern mit mehreren negativen Bewertungen kaufe ich grundsätzlich nichts!
Wenn man ein paar Regeln befolgt, dann klappts auch mit Ebay ;o)
Bisher habe ich nur ein einziges Mal eine wirklich negative Erfahrung gemacht, ziemlich in der Anfangszeit.
Habe etwas ungesichert verschickt, bevor ich mein Geld hatte, das Päckchen kam natürlich nie an und 180 DM waren im Eimer! Aber daraus hebe ich gelernt!
Respekt an die Gründer von Alando, die haben alles richtig gemacht :o)
Habe vor Jahren einen der Gründer in England getroffen. Der hat mir die Geschichte erzählt, wie sie hier im Stern steht und war recht sympathisch und bodenständig :o)
gormiti (07.04.2009, 10:49 Uhr)
Tolle Geschichte
Solchen Leuten gönne ich von Herzen ihren Erfolg. Mutig, kreativ und irgendwie locker. Könnten wir nicht mal so jemanden irgendwo als Minister bekommen? Schlechter wird es sowieso nicht.
STR_EDDS (07.04.2009, 10:33 Uhr)
Ohhh
Die Deutschen Besserwisser wieder. Die Zeiten um 98 waren die weitaus coolsten für viele meiner Generation. Manches ging dabei schief. Aber wenigstens haben wir es versucht. Ganz antideutsch, ohne tagelanges Bedenkentragen. Die meisten meiner Freunde haben daraus ihre Lebensgrundlage, ihren Verdienst generiert. Auch ich. Als wir 95 den ersten öffentlichen Internet-Zugang in BaWü mit ollen USR-Modems als Verein aufmachten, wurden wir von allen Seiten ausgelacht. Die Lacher dürften noch heute im knittrigen Polyesteranzug rumrennen. Aber wir haben es geschafft. Leuten wie Samwer & Co. gehört Respekt gezollt. Aber zu soetwas ist der horizontbeschränkte Sternleser vermutlich nicht in der Lage. Armes Volk.
kuki83 (07.04.2009, 10:04 Uhr)
Warum soll ebay am Ende sein?
Hab bisher 49 Transaktionen über ebay getätigt. Ob als Käufer oder Verkäufer. Bisher lief alles reibungslos ab und der Kontakt zu den "Geschäftspartnern" war auch immer freundlich. Abzocker usw. gibt es sicherlich. Doch muss man das immer im Verhältnis sehen. Bei so vielen Usern ist das doch ganz normal, dass da der ein oder andere eine linke Bazille ist. Ich werde auch weiterhin bei ebay ab und zu etwas erwerben oder selber verkaufen. PS: die Verkaufsprovision ist allerdings schon ein bisschen teuer. Aber noch im Rahmen (im äußersten)
hevosenkuva (07.04.2009, 09:49 Uhr)
einfach nur unverschämtes Glück gehabt
wenn ich an das eBay der Anfangstage denke, au Backe was war das für ein zusammengeschusterter Auftritt. ein Wunder, dass ausgerechnet die es geschafft haben, es gab doch auch jede Menge ernsthafter Konkurrenz. und heute immer noch eine großartige Plattform für "private" Verkäufer mit einem erstaunlichen Warenangebot. neben den vielen gewerblichen, die aus dem Hinterzimmer verkaufen und so immer locker den lokalen Einzelhandel unterbieten können. die Ausschaltung des Großhandels mit seiner Wertschöpfung macht es möglich, heute verkaufen die Großhändler direkt an den Endkunden. natürlich längst nicht mehr nur über eBay. augenscheinlich gut für die Preise, aber schlecht für den Markt. und der Markt sind wir alle.
wenn man eine Gesamtbilanz aufstellen könnte, wie viele Arbeitsplätze das Verkaufssystem Internet zwar geschaffen, aber wie viele es im Gegenzug auch vernichtet hat... Gute Nacht Marie.

@a.wiechmann: ganz toll, geradezu heldenhaft. viel spaß beim champignon züchten...
a.wiechmann (07.04.2009, 08:16 Uhr)
eBay am Ende?! Nö!
Seit Jahren wird das Ende von eBay gepredigt. Sei es wegen unlauterer Anbieter, wegen pöbelnder Kunden, verbesserungswürdigem Service der Plattform selbst etc. pp.
Ich habe fast alle Ostergeschenke bei eBay gekauft: ein Champignon-Zuchtset, Bücher usw.
Fazit bei 21 Artikeln von 8 verschiedenen Käufern: faire Versandkosten, zügiger Versand und wenn Kommunikation, dann freundlich bis business-like.
*schulterzuck*
eBay trifft noch immer ins Schwarze.
laui (07.04.2009, 02:52 Uhr)
Papierzeitung zum Frühstück vs. Webinformationen
Die Jugend bricht weg oder die Zeitung zum Frühstück.
Obwohl ich sehr viel Informationen, auch lokale, aus dem Web (auch vom Auftritt der lokalen Tageszeitung) beziehe, stelle ich beim lesen der "altmodischen" Papierzeitung immer wieder fest, dass ich bei Presse und Info-Quellen die Filter bzw. Interessengebiete noch so ausgeklügelt setzen kann, es geht einem im Web immer etwss "durch die Lappen".
Im Web werden immer die Themen gezeigt, die man auswählt bzw. nicht durch Filter geblockt hat. Beim Durchblättern der Zeitung bleibt man jedoch instinktiv bei einem absolut uninteressanten Thema hängen, nur weil man ein bestimmtes Stichwort, Namen etc. findet. Und obwohl man sich nie für den lokalen Kirchenchor interessiert, sollte ein Artikel abgedruckt sein, in dem der eigene Chef als neuer Chorleiter eingesetzt wird, so hat dies durchaus einen grossen Wert. Und Hand aufs Herz, wer in unserem noch jungen Alter interessiert sich denn für die Todesanzeigen, die lesen immer nur unsere Eltern/Grosseltern. Aber sollte einem beim Überblättern der Namen des einstigen "besten" Schulfreundes ins Auge fallen, so hat dies durchaus einen grossen persönlichen Wert. Dinge die im Web nie auffallen. Wer lässt sich schon täglich die Todesanzeigen im Ort aufführen. Oder, wenn man keine Kinder hat, irgendwelche News über das lokale Chor-Geschehen.
Da nützen einem weder die heise-News, noch der Webauftritt der FAZ oder Huffington-Post. Und der Blog eines lokalen Chormitgliedes wird man sicherlich auch kaum regelmässig besuchen.
gmathol (07.04.2009, 02:08 Uhr)
Wir kaufen niemals bei Ebay, Amazone oder Bol.
Es gibt andere Anbieter, die sicher, sauber und zuverlaessig, preisguenstig liefern.
Gebrauchtes sollte man nur erwerben wenn es physisch im Umkreis von 100 Kilometern angeboten wird. Da gibt es naemlich manchmal tolle Ueberraschungen mit Ebay gebotene Waren.
balldurian (06.04.2009, 23:01 Uhr)
Jetzt, wo es den bach runtergeht ...
... noch mal schnell von alten zeiten schwärmen. Leider traurig aber wahr dass ihre macher die gesamte auktionitis2.0 zu einem der skrupelloseten ableger der organisierten kriminalität verkommen liessen ...
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