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Die Elite der Besserwisser

Vor zehn Jahren wurde Wikipedia gegründet. Was als basisdemokratisches Projekt begann, wird heute von einer streitlustigen Elite betrieben. Einer dieser Admins geht noch zur Schule.

Von Jan Ludwig

An diesem Samstag wird "Bücherwürmlein" in einer Kölner Kneipe auf den zehnten Geburtstag der Weltrevolution anstoßen. Bücherwürmlein gehört zur Elite. Wenn er wieder an seinem Computer sitzt, wird er bauen und zimmern, schneidern und putzen, löschen und sperren. "Bücherwürmlein" ist ein Administrator - ein Heinzelmännchen der Wikipedia.

Das Wissen der Welt jedem Menschen frei zugänglich zu machen: Das war das Credo von Jimmy Wales, der mit anderen Wikipedia vor zehn Jahren gründete. "Vermessen" sagten die einen, "revolutionär" sagten die anderen.

Heute informiert sich ein Sechstel aller Internetnutzer weltweit auf dieser Seite über Bill Clinton, Hühneraugen und Wirbelstürme. 1,2 Millionen Begriffe erklärt allein die deutschsprachige Wikipedia, mehr als 400 kommen jeden Tag hinzu. Würde man den gesamten Text in Buchform herausgeben, man brauchte etwa 500 Bände, Bilder noch nicht eingerechnet. Wikipedia begann als basisdemokratisches Projekt einiger Idealisten, heute ist sie eine Weltmacht.

Jeder kann mitmachen - theoretisch

Wer sind die Menschen hinter Wikipedia? Eigentlich sind es wir alle, denn jeder kann Artikel schreiben und ändern. In Wirklichkeit sind es nur sehr wenige, die regelmäßig und bedeutsam an der Entstehung des Projekts mitarbeiten. Wie in allen Gemeinschaften dieser Größe hat sich eine Elite ausgebildet. Die Oberschicht der Wikipedianer sind die Administratoren, kurz Admins, knapp 300 sind es in der deutschsprachigen Ausgabe. Sie haben erweiterte Rechte, dürfen Benutzer sperren, also von der Mitarbeit ausschließen, sie dürfen Artikel vor Veränderungen schützen oder löschen. In Diskussionen entscheiden Sie, was richtig ist und übernommen wird.

Wer aufsteigen will in der Hierarchie der Wikipedia, muss viele Artikel bearbeitet oder neu geschrieben haben. Wer Admin werden will, braucht mindestens 1000 Bearbeitungen, sogenannte Edits. Edits sind die Währung der Wikipedia.

Wikipedia - ein Hobby?

Bücherwürmlein, der mit richtigem Namen Tim Moritz Hector heißt, ist so ein Admin. Mit 14.000 Edits ist er ein reicher Mann, reich an Erfahrung und auch an Macht - denn wer fleißig ist, dessen Stimme zählt am meisten, wenn diskutiert wird. Dabei ist Hector erst 17, ein Gymnasiast aus Leverkusen, der später vielleicht Theologie oder Literatur studieren will, sich in der Kirchengemeinde engagiert hat und nun quer durch Deutschland reist, um Vorträge über Wikipedia zu halten. Hector ist ein sehr guter Schüler, deshalb wird er tageweise vom Unterricht freigestellt, Klassenarbeiten darf er nachschreiben.

Vom Haus seiner Eltern aus nimmt er Einfluss auf etwas, das Menschen in Hamburg, Zürich und Wien lesen können. Mit Meerschweinchen "Schoko-Keks" teilt er sich ein Zimmer, in dem wenig mehr als ein Schreibtisch und drei Bücherregale stehen. Das 25-bändige Lexikon von 1974 - "ein Erbstück von der Großtante" - verstaubt, weil es nicht genutzt wird. Wissen von 1974 ist für einen Wikipedianer einfach inerträglich unaktuell.

Viele Hobbys hat Hector nicht. Zwei bis drei Stunden pro Tag arbeitet er an Wikipedia, manchmal bis nach Mitternacht. Wenn er gerade nicht Artikel vor Vandalismus schützt, schreibt er selbst welche, oft über Wochen: "Dann lebe ich nur noch für dieses Projekt." Für den Text zu einer alten Leverkusener Kirche ist er bis nach Bonn gefahren, um Ausgrabungspläne im Archiv anzusehen.

Hector war bei seiner Wahl 2008 mit 15 einer der jüngsten je gewählten Administratoren. Die klassischen gedruckten Enzyklopädien legten stets Wert auf den wissenschaftlichen Rang ihrer Autoren, auf ihre Nobelpreisträger und Ordinarien. In Wikipedia sorgte auch ein 15-Jähriger für Ordnung.

"Ich habe nie ein Geheimnis aus meinem Alter gemacht", sagt Hector. Abschätziges bekam er mitunter zu hören, vor allem, wenn "den anderen die Argumente ausgegangen waren". Ein Wikipedianer schrieb ihm, mit 14 hätte er selbst noch Autos angezündet. Hector arbeitete an anderen Revolutionen.

Elite mit eigenen Ritualen

Die Mitglieder der Wikipedianer-Oberschicht sind ein eigenes Völkchen. Sie gründen Stammtische, sie verleihen sich Preise wie das goldene Gummibärchen für "Helden der Wikipedia", also für besonders Emsige. Mehr als 250 von ihnen kennt Hector persönlich. Es soll schon Admin-Pärchen gegeben haben, und auch der toten Wikipedianer wird in einer virtuellen Gedenkstätte gedacht. In "Weihnachtsmarathons" kämpfen Autoren darum, wer die meisten Artikel in den Tagen vom 28. bis zum 30. Dezember schreibt, in einer Zeit also, in der andere Menschen ihr Weihnachtsfett abspazieren. Oft nutzen sie einen besonderen Internet-Sprech, statt "meines Erachtens" sagen sie "IMHO", was auf Englisch "meiner bescheidenen Meinung nach" heißt, aber eben nicht von jedem verstanden wird, der sich einfach nur mit westafrikanischen Zwergziegen auskennt und zur Wikipedia beitragen will.

Johannes Weberling und Wolfgang Stock, Medienforscher an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, haben diese Admin-Welt untersucht. Ihrer nicht repräsentativen Umfrage zufolge sind etwa 90 Prozent der Admins Männer, die Hälfte hat studiert oder tut es gerade, jeder Achte hat promoviert. In der Politik würde man in solchen Fällen nach einer Frauenquote rufen.

In allen Vergleichen mit den etablierten Enzyklopädien schnitt Wikipedia hervorragend ab. Jimmy Wales adelte die deutschsprachige Version gar zur besten weltweit. Die Relevanzkriterien sind streng, jede Änderung, und sei es nur ein Komma, muss erst noch gesichtet werden, bevor sie wirksam wird. "Es hat schon etwas sehr Deutsches. So vehement reguliert werden bisher keine anderen Wikipedia-Sprachversionen", sagt Hector.

Manchen schreckt das heute davon ab, an Wikipedia mitzuarbeiten. Der Blick auf die schiere Masse der Artikel, auf die Organisationsstruktur, auf den Zirkel von streitlustigen, gebildeten, oft besserwisserischen Männern - sie zeigt, dass Wikipedia selbst zu einer etablierten Enzyklopädie geworden ist.

Besserwisser-Kämpfe

Weil es bei Wikipedia um Wissen geht und weil Wissen Macht ist, bleiben Machtspiele nicht aus. Ein Drittel der Administratoren sind der Umfrage nach genervt von ihrer Arbeit, von den persönlichen Angriffen gegen sie, auch wenn viele nur unter ihrem Pseudonym auftauchen. Zu jedem Artikel gibt es eine Diskussionsseite, auf der Streitigkeiten geklärt werden. Wehe, ein Besserwisser trifft dort auf den nächsten. Ganze zweieinhalb Monate lang beharkten sich Nutzer um die Frage, ob der Donauturm in Wien ein Fernsehturm sei. Seitenweise wurde dann diskutiert, beleidigt, gedroht, verzweifelt.

Immerhin sechs Tage lang tobte 2005 der Knödelkrieg um die Frage, ob es den "Böhmischen Knödel" in der Einzahl nun gebe oder nicht. Ein Nutzer schrieb, die Böhmischen Knödel seien eben Pluralknödel, keine Singularknödel, der nächste zitierte seine Großmutter, und nach einigen Tagen, zwischen Begriffskanonaden und Phrasenschlägereien, fragte wieder ein anderer: "Bin ich hier bei der Augsburger Puppenkiste gelandet?"

Verrückte am Werk? Das kann man so sehen. Aber irgendwann wird sich irgendwo irgendjemand über den Eintrag zu den Böhmischen Knödeln freuen, die es letztlich in der Mehrzahl ins Lexikon geschafft haben. Es sind eben auch die Verrückten, die Besserwisser, die Streitlustigen, die Wikipedia zur größten Enzyklopädie der Welt gemacht haben.

Bei seinen Altersgenossen kleben Poster von Rockbands an der Wand, in Hectors Zimmer hängt ein Bild vom Potsdamer Platz in Berlin. Einige Jahre alt, zeigt es noch die Baukräne der einst größten Baustelle Europas. Am liebsten, sagt Hector, mag er das Unfertige, das Vorläufige, und eigentlich könne man das auch über Wikipedia sagen. "Vielleicht mag ich es deshalb so gerne."

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