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Raus aus Facebook!

Das soziale Netzwerk gilt als Muss im digitalen Zeitalter. Längst aber ist es zu einem Datenmoloch gewuchert, einem dunklen Imperium. Der Börsengang im nächsten Jahr sollte den Usern die Augen öffnen.

Von Hans-Ulrich Jörges

  Daumen runter für das "Imperium mit Totalitätsanspruch", sagt Hans-Ulrich Jörges

Daumen runter für das "Imperium mit Totalitätsanspruch", sagt Hans-Ulrich Jörges

Der Netzmilliardär tarnt sich gern als Student von nebenan. Tritt #link;http://www.stern.de/digital/online/mark-zuckerberg-90308153t.html;Mark Zuckerberg#, 27, ins Licht der Öffentlichkeit, tut er das bevorzugt im T-Shirt. Rein optisch ist er noch immer der angehende Informatiker, der vor sieben Jahren in Harvard Facebook ins Leben rief. Das hat die Welt inzwischen nicht nur erobert, sondern auch gründlich verändert. Bei Datenschützern ist sein Ruf zwar längst nicht mehr makellos, doch "soziales Netzwerk" klingt wohltätig, basisdemokratisch, uneigennützig. Im arabischen Frühling errang es sich gar eine politische Gloriole, als Kommunikationsplattform der Rebellen. Facebook - irgendwie Zukunft pur.

Das könnte sich bald ändern, wenn die Wahrheit zutage tritt, hart, kalt und finanzkapitalistisch. Zwischen April und Juni kommenden Jahres, berichtete das "Wall Street Journal", kommt Facebook an die Börse. #link;http://www.stern.de/panorama/occupy-wall-street-91384183t.html;"Occupy Wall Street"# bekäme dann eine ganz neue Bedeutung. Es wäre der größte IT-Börsengang aller Zeiten: zehn Milliarden Dollar für zehn Prozent der Aktien will sich Facebook bei Anlegern holen, was dem jugendlich-sympathisch daherkommenden Freundschaftsnetz einen Wert von 100 Milliarden Dollar gäbe - das bringen Allianz, Adidas und BMW zusammen auf die Waage, und das ist doppelt so viel wie der weltgrößte PC-Hersteller Hewlett-Packard wiegt. Zuckerberg, mit 24,7 Prozent beteiligt, wäre 24,7 Milliarden Dollar schwer.

Facebook könnte kippen

"Facebook ist der 800-Pfund-Gorilla, auf den die Anleger warten", beschreibt ein Investment-Crack den Hype. Einmal an der Börse, müsste Facebook dem Wall-Street-Affen allerdings dauerhaft Zucker geben: Rendite, Rendite, Rendite. Goldman Sachs, Vatikan der Investmentbanker, hat sich schon erwartungsvoll mit knapp einem Prozent beteiligt. Den Facebook-Massen könnte, ja müsste das große Fressen indes die Augen öffnen für die wahre Natur des Netzwerks. Es verliert seine Unschuld, zerstört das Image eines philanthropischen Projekts, der genial selbstlosen Idee eines gewitzten Studenten. Facebook könnte kippen. Denn jeder Nutzer kann sich fortan ausrechnen, was er selbst den Eignern als Humankapital aufs Konto schaufelt. Mehr als 800 Millionen Menschen nehmen rund um den Globus teil am großen Facebook-Abenteuer, hierzulande mehr als 20 Millionen - jeder vierte Deutsche. Beim Börsengang könnten es weltweit schon eine Milliarde User sein, ein Siebtel der Menschheit. Jeder einzelne schenkte Zuckerberg & Co. also 100 Dollar, unter ihnen der Papst, Barack Obama und Angela Merkel, die auf Facebook ihren Traum offenbart, einmal mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Wladiwostok zu reisen. Klingt liebreizend, ist es aber nicht.

Denn Facebook ist zu einem albtraumhaften Datenmoloch gewuchert, dem die Nutzer Privatestes ausliefern sollen, ihr ganzes Leben: Lieben und Vorlieben, Hochzeiten und Geburten, Freunde, Zeugnisse und Tagebücher - gespeichert für alle Zeit. Dazu kommen eine automatische Gesichtserkennung und "Gefällt mir"-Buttons, die auf fremden Websites wildern. Die Prominenten werben dafür, bedenkenlos, und erzeugen einen Sog, der das Netzwerk quasi zur Pflicht macht im digitalen Zeitalter. Wer nicht mitmacht, ist hoffnungslos von gestern. Ja, mehr noch: Wer sich verweigert, macht sich verdächtig, hat etwas zu verbergen. "Zwei Identitäten zu haben zeigt, dass es einem an Integrität mangelt", sagt Zuckerberg. Er meint: Wer nicht alles von sich preisgibt, ist ein krummer Hund.

Lieben und Vorlieben, Freunde und Tagebücher: gespeichert für alle Zeit

Der Konzern, der die Menschheit scannt, ist indes selbst alles andere als harmlos. "Wir sehen unser Geschäft vornehmlich darin, Werbetreibende mit Nutzern zusammenzubringen", räumt der Zuckerberg-Vertraute Elliot Schrage ein. Facebook dient also in Wahrheit dazu, den arglosen User, der sich selbst entblößt, zum Objekt jener zu machen, die nichts wollen außer zielgenau verkaufen. Vor zwei Jahren machte Facebook plötzlich Privates für jeden einsehbar - Datenschützer liefen Sturm. Wie sich Geheimdienste in dem Netz tummeln, lässt sich leicht ausmalen. Facebook als nimmersatter Enteigner des Privaten ist zur dunklen, bedrohlichen Macht geworden. Sie hat eine digitale Parallelwelt geschaffen, die die reale Welt aussaugt und abhängig macht. Sie zersetzt das freie Internet, indem sie ein Imperium mit Totalitätsanspruch an seine Stelle setzt, getarnt als Spielplatz: Alle, überall, sollen hier - umspült von Werbung - ihre freie Zeit verbringen und ihre gesamte Kommunikation abwickeln. 500 Millionen tummeln sich schon täglich auf Facebook - andere Welten, andere Medien werden an den Rand gedrückt, für sie bleibt kaum noch Zeit. Die Antwort kann nur eine globale Freiheitsbewegung sein - mit der Losung: Raus aus Facebook!

Lesen Sie an dieser Stelle die Erwiderung von stern.de-Autor Florian Güßgen!

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