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Warum die Küche das Auto als Statussymbol abgelöst hat

Die Deutschen geben mehr für Küchen aus als je zuvor. Die Hersteller locken mit cooler Technik, schickem Design und hohem Komfort. Die Küche ist längst Statussymbol - und löst auch bei Männern das Auto ab.

Ein Mann umarmt eine attraktive Frau vor seiner üppigen Küchenzeile

Mein Haus, mein Auto, meine Küche? (Symbolbild)

Beim Küchenkauf stellt sich immer häufiger die Frage: Darf es noch ein bisschen mehr sein? Und immer mehr Deutsche antworten mit einem kräftigen "Ja". Die Küche ist zum geworden, die Durchschnittspreise steigen seit Jahren. Der Wunsch, sich abzusetzen, ist groß. Wie beim Autotuning ist längst nicht jede Neuanschaffung sinnvoll - manche sollen auch einfach Spaß machen.

Das ist nicht überraschend. Kochen ist so hip wie nie, selbst Hobby-Köche brutzeln heute oft auf Profi-Niveau. Und am meisten Spaß macht Kochen mit Gästen. Die sind von einer schick designten, offenen mit freistehender Arbeitsplatte und Edeltechnik eben beeindruckter als von Stangenware. Das lassen die Kunden sich gerne etwas kosten: Der Markt wuchs schon 2015 vor allem im Segment über 20.000 Euro besonders schnell. Spätestens mit dem Siegeszug des Thermomix kam auch clevere Technik als Statussymbol hinzu.

Es geht nicht nur ums Kochen

Tatsächlich wünschen sich mehr Menschen eine tolle Küche (55 Prozent) als einen tollen Wagen (37 Prozent), das hat eine von Siemens in Auftrag gegebene Studie ermittelt. Die Hersteller bedienen den Trend mit Freude. Vor allem für die Elektronik-Hersteller gibt er jede Menge Raum, sich von den Konkurrenten abzusetzen. Perfekt kochen kann man schließlich schon mit einem ordentlichen Gasherd. Der wirkt aber längst nicht so cool wie etwa Abzugshauben, die sich von der Decke absenken oder den Dampf gleich in einen Spalt zwischen den Kochplatten ziehen. Einen Mehrwert braucht es dann oft gar nicht mehr.

Dabei hat sich auch technisch viel getan. Auf modernen Induktionsherden kann man etwa genau bestimmen, wieviel Fläche man gerade für welchen Topf braucht, auch Grillplatten lassen sich so auf der Herdfläche frei bewegen. Kühlschränke halten die Lebensmittel mit Kältezonen länger frisch. Das nervige Abtauen ist auch nicht mehr nötig. Durchaus sinnvolle Neuerungen. Dass man außerdem dank verbauter Kamera mit dem Smartphone direkt in den Kühlschrank schauen kann, ob man noch Milch hat, ist zwar sicher gelegentlich praktisch. Vor allem macht es aber etwas her.

Statussymbol - auch für Männer

Bei Siemens ist man sich deshalb sicher: "Die Küche ist das neue Auto." Mit diesem Satz begann Geschäftsführer Roland Hagenbucher seine Pressekonferenz auf der IFA 2017. Die Kunden würden mehr Geld ausgeben, dafür aber auch Leistung erwarten. So könnte man auch neue Kundenschichten von toller Küchen-Technik begeistern. "Leistungsfähigere Geräte und technisch schöne Umsetzungen sprechen sicher auch mehr an", sagt Hagenbucher dem stern.

Miele-Geschäftsführer Reinhard Zinkann sieht im Gespräch mit dem stern ebenfalls den Trend zur Edel-. "Böse Zungen sagten früher, Vati kriegt den schicken Wagen, Mutti die schöne Küche. Heute steht der Mann genauso in der Küche. Oft ist es so, dass die Frauen mit dem Innenarchitekten die Planung mit Farben und Materialien machen, beim letzten Schritt bei den Geräten aber der Mann mitkommt - und häufig noch mal upgradet auf ein höherwertiges Gerät. Ob das dann aber eine Status-, eine Leistungs- oder eine Convenience-Frage ist, kann ich nicht beurteilen."

Küchen-Highlight Abzugshaube

Vor allem die Abzugshaube hat sich zum Hingucker entwickelt. Hing sie einst als großer, massiger Fremdkörper über dem Herd und blockierte die Sicht über der Kochinsel, fährt der Abzug heute von hinten automatisch aus dem Herd - oder aber ist direkt im Kochfeld als Abzug nach unten eingebaut. "Dunstabzugshauben haben mich immer schon gestört", sagte Willi Bruckbauer im Gespräch mit dem . Das von ihm gegründete Unternehmen Bora sorgte 2010 mit innovativen Kochfeldabzügen, die direkt zwischen den Töpfen platziert sind, für Aufsehen, erhielt dafür sogar den "Deutschen Gründerpreis" in der Kategorie Start-up. Mittlerweile haben alle großen Hersteller von Miele bis Siemens und Bosch ähnliche Lösungen im Angebot.

"Es gab schon einige Systeme, die den Dunst nach unten abgezogen haben, aber die waren mir nicht effektiv genug", so Bruckbauer. Normalerweise steigen Kochdämpfe mit maximal einem Meter pro Sekunde auf. Die Kochfeldabzüge saugen mit einer Stärke von rund vier Metern pro Sekunde nach unten ab, sind dabei kaum hörbar. Stylisch sieht es zudem aus. Nur preislich muss man etwas tiefer in die Tasche greifen. Selbst günstige Modelle kosten jenseits der 1000 Euro, bis zu 7000 Euro kam man locker für den eleganten Abzug ausgeben. Ein wahres Statussymbol eben.

Lifestyle-Wandel

Dabei hat auch der Kochfeldabzug einen praktischen Nutzen. Vor allem für die trendigen offenen Wohnküchen mit Kochinsel sind sie interessant. "Früher gab es im Wohnzimmer riesige Bücherwände, die Küche war abgetrennt. Heute sind Küche und Wohnzimmer immer häufiger offen, der Trend geht zu Einzelmöbeln. Der Koch steht nicht mehr mit dem Rücken zum Raum, sondern nimmt an der Kochinsel am Leben teil - und da kann eine Abzugshaube auf Augenhöhe als störend empfunden werden", erklärt Miele-Mann Zinkann. Und seien wir ehrlich: Es sieht eben auch schicker aus.