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Das Ende der 60-Grad-Wäsche

Soll Wäsche wirklich sauber werden, dann muss man sie heiß waschen - so glauben Verbraucher. Und die Deutschen lieben die 60-Grad-Wäsche. Reine Energieverschwendung, sagen Experten. Moderne Geräte sparen Strom und Wasser.

IFA 2017 - Neuheiten: Waschmaschinen – Heiße Ware

Im Wäschelabor von Miele in Gütersloh wird nach der optimalen Fleck-weg-Formel gesucht

Gütersloh, Miele-Stammhaus, fünfter Stock, Waschsalon: Werner Strothoff ist hier der Herr der Wäsche, er waltet über zwei Dutzend Maschinen, in denen sich Stoffe drehen, verdreckt mit Rotwein und Körperfett, Kakao, Öl und Blut. Strothoff trägt die Berufsbezeichnung "Verfahrensentwickler Waschen", außerdem ein so strahlendes, bildsauberes kariertes Hemd, dass man sofort geneigt ist zu denken: Es ist neu! Und dann, naheliegend, zweifelt: "Oder einfach nur verdammt gut gewaschen?"

Letzteres stimmt. Die Maschine, die das leistet, ist eine "TwinDos Power Wash 2.0" und denkt bereits ein wenig mit: Sie wiegt die Wäschemenge, entscheidet über die Wasserzufuhr, ist mit einem Zwei-Phasen-System ausgestattet, in dem zuerst der Schmutz gelöst und dann, bei Bedarf, die Flecken gebleicht werden. Eine "spin and spray"-Technik sorgt dafür, dass Wasser nicht mehr überreichlich flutet, sondern fein dosiert auf die Stoffe gesprüht wird, das spart auch . Der durchschnittliche deutsche Wäschewascher lässt pro Woche drei bis fünf Maschinen laufen, hat aber nur eine rudimentäre Idee, was seine Klamotten brauchen. Er schüttet oder gießt, ohne sich mit lästigen Details wie dem Härtegrad des Wassers in seiner Region zu befassen, Waschmittel in die Schublade, die er für passend zum Hauptwaschgang hält. Dann drückt er auf "Start". Und wundert sich, dass seine Sachen mit der Zeit gräulich verschleiern.

Das Ding soll laufen – und möglichst wenige, aber einleuchtende Programme haben

Für Waschmaschinenentwickler, die Tausende Variationen in die Bordcomputer speichern könnten, ist das manchmal hart. Und auch verwunderlich. Schließlich sind Menschen bereit, sich in alle Finessen ihrer Smartphones zu vertiefen. Bei der verhalten sie sich hingegen ignorant. Das Ding soll laufen – und möglichst wenige, aber einleuchtende Programme haben.

Das Öko-Institut in Freiburg hat herausgefunden: Mindestens 30 Prozent der Leute dosieren zu hoch und verschwenden damit Geld. Sie packen die Waschmaschine nicht voll, obwohl heute die früher propagierte "Handbreit" Platz zum Herumwirbeln gar nicht mehr sein muss. Die meisten wissen erst recht nicht, dass gerade bei Handtüchern aus Frottee die Maschine am allerbesten bis zum Anschlag vollgestopft werden soll, weil sich die Stücke so gegenseitig sauber rubbeln. Dann stellen viele auch noch die falsche Temperatur ein. Entweder 60 Grad, obwohl 40 reichen würde – das tut es nämlich in den meisten Fällen. Und es lohnt sich, weil man für die Energiekosten einer 60-Grad-Wäsche zweimal bei 40 und dreimal bei 30 Grad waschen könnte. Andere wählen dagegen sturheil immer 40 Grad, um die Umwelt zu schonen. Auch das kann falsch sein. Dann beispielsweise, wenn Krankheitserreger im Umlauf sind oder Flecken auf den Kleidern, die Bleiche brauchen. Bleichmittel entfalten aber erst ab 40 Grad ihre volle Wirkung. Wer bei 40 Grad ein Vollwaschmittel einsetzt, lässt die meisten Bleichmittel ungenutzt ins Abwasser ziehen.

Karsten Gayk ist Werner Strothoffs Chef – einer der leitenden Entwickler bei Miele. Er fliegt viel in der Welt herum, um zu sehen, was andere Länder von Waschmaschinen erwarten. "Energieeffizienz ist besonders wichtig", sagt er. Da liegt man schon sehr weit vorn: Es gibt europaweite Labels, das begehrteste heißt "A+++", das erreichen moderne Modelle. Auf der in Berlin wird deshalb nicht A+++ für Aufsehen sorgen, eher der schlaue Gag, den Samsung sich ausgedacht hat: Mit "Add-Wash" kann man Kleidungsstücke durch eine kleine Luke nachschieben, während die Maschine läuft.

Chemie, Temperatur, Mechanik, Zeit und Wasser

Karsten Gayk geht es für die Zukunft auch ums Design: "Je teurer und deshalb kleiner die Wohnungen werden, desto mehr rückt die Waschmaschine in den Wohnbereich vor", sagt er.

Von Erfindungen, die ganz ohne Wasser und Waschmittel auskommen, ist man in der Realität noch ein Stück entfernt. Ideen gibt es. Der Designer Elie Ahovi präsentierte bei einer Ausschreibung zur "Waschmaschine 2050" ein Modell namens "Orbit". Die Trommel besteht aus supraleitendem Material, sie schwebt in einem Ring, der aus einer Batterie besteht. Hinein kommen Wäsche und Trockeneis. Das gefrorene Kohlendioxid geht vom festen in den gasförmigen Aggregatzustand über und gibt, während sich die Trommel dreht, Druck an die Kleidung ab. Es löst den Schmutz, und der verschwindet durch ein Röhrchen. Werner Strothoff verrät nicht, was ihm für 2050 vorschwebt. Aber alles, was in seinem glubschäugigen Maschinenpark zu sehen ist, weist darauf hin, dass auch das intelligenteste Modell weiter auf die Komponenten Chemie, Temperatur, Mechanik, Zeit und Wasser angewiesen ist. Und bis es sich so stylisch ins Wohnzimmer fügt wie ein Flachbildschirm, wird noch viel H2O durch die Schläuche in die Bäuche fließen.