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Wie Technik durch Auffallen verschwindet

Fernseher, die sich ausgeschaltet in Gemälde verwandeln. Kunstobjekte, die sich als Soundsysteme entpuppen. Die Technik im Wohnzimmer verschwindet, indem sie auffällt. Warum so etwas ausgerechnet in den USA und nicht Europa designt wird.

Von Benjamin Kratsch, San Francisco

Samsung the frame Fernseher

Yves Béhar störte sich an der schwarzen Leere, die TV-Geräte im Wohnzimmer hinterlassen, wenn sie ausgeschaltet sind. Deshalb erdachte er "The Frame", einen Samsung-Fernseher, der sich in ein beliebiges Bild  verwandelt, wenn er im Standby und jemand in der Nähe ist. 

Deutschlands Autokonzerne dominieren den Weltmarkt, aber die Technologie von morgen und ihr Design wird immer seltener vor unserer Haustür entwickelt. Die Impulse kommen aus den USA oder genauer aus Kalifornien. So wurde das moderne Smartphone im Silicon Valley geboren, Sprachassistenten wie Alexa, smarte Fernseher, kabellose Soundsysteme, Autos mit Elektromotoren, die bis zu einem gewissen Grad selbst fahren.

Der Star-Designer Yves Béhar weiß aus eigener Erfahrung, warum Europa sich hier so schwer tut. Der Fünfzigjährige formte Produkte für Samsung, Apple, BMW, Puma sowie Google und die Chancen sind gar nicht so gering, dass Sie eines seiner Werke benutzen: Das Design des Sodastream kam von ihm, die Armaturen des Mini Cooper, die Form des Jawbone-Fitness-Trackers, das Interface von Paypal, und jüngst entwarf er Samsungs "The Frame", ein 4K-Fernseher, der ausgeschaltet täuschend echt Kunst anzeigt, statt eine schwarze Leere im Wohnzimmer zu hinterlassen. Das Time Magazine listete ihn unter den sieben einflussreichsten Designern unserer Zeit, auf einer Stufe mit Apple-Guru Jonathan Ive.

Darum kommt wenig cooles Design aus Europa

"Was mich am meisten an San Francisco fasziniert, ist diese Offenheit im Kopf. Tradition ist hier fast schon ein verpöntes Wort, es geht immer darum, den Status Quo zu ändern. Man hat eine Idee, setzt diese direkt um und geht sehr schnell an den Markt", sagt Béhar. Ebay, AirBnB, Facebook, Youtube – all diese Start-Ups, die zu Multi-Milliarden-Dollar-Unternehmen wurden, seien so gestartet. "Man erkennt ein Problem, schafft eine Lösung, go! Das ist eine fundamental andere Philosophie als in meiner Heimat, der Schweiz oder auch Deutschland, die kulturell ja recht nah aneinander sind."

Yves Béhar Designer Samsung BMW Mini

Dem gebürtigen Schweizer und Wahlkalifornier Yves Béhar sind die Europäer etwas zu vorsichtig: "Elon Musk war mehrmals beinahe pleite, aber heute leitet er mit SpaceX und Tesla gleich zwei Unternehmen, die die Welt verändern können." 


Béhar kennt beide Kulturen gut: Aufgewachsen in der Schweiz, studiert am renommierten ArtCenter College of Design in Pasadena, wo auch Snapchat-Gründer Evan Spiegel sein Handwerk gelernt hat. "Ich liebe meine Heimat, aber es war eine Befreiung für mich, nach Kalifornien zu ziehen, weil das Schweizer Schulsystem in sehr engen Grenzen verläuft." Er hatte oft das Gefühl, es ginge mehr darum, enorme Mengen an Stoff zu vermitteln, weniger den Einzelnen kreativ zu fördern und fordern.

Doch was unterscheidet das Silicon Valley und Kalifornien von uns? "Man ist hier Perfektionist, baut das bestmögliche Team, gibt Marktstudien in Auftrag, will das perfekte Produkt launchen. Man testet sehr lange, anstatt direkt live zu gehen. Dieser Perfektionismus hat uns sehr weit gebracht, Deutschland baut die besten Autos, die Schweiz die besten Uhren. Aber es nimmt Spritzigkeit und Dynamik. Nicht Audi, BMW oder Mercedes haben aktuell das beste, in gewissen Grenzen selbstfahrende Elektroauto auf der Straße, sondern Tesla. Und es brauchte Apple und Samsung, um Smartwatches groß zu machen."

Warum musste Technik immer so hässlich aussehen?

"Als ich in den 90ern ins Silicon Valley kam, hatte kaum einer Ahnung von Industriedesign. Firmen wie Apple sind nicht vom Himmel gefallen, das war ein langer Prozess. Es war wichtig für die Technologie von heute, für Computer und Fernseher wie meinen "The Frame", den iMac oder Samsung Galaxys und iPhones, dass man sich irgendwann die Frage gestellt hat: Warum muss Technik so hässlich aussehen und billige Materialien verwenden?


Wie viel Zeit verbringen Sie damit, pro Tag auf Ihre Uhr zu schauen? Und wie viel schauen Sie auf Ihr Telefon? Es ergab einfach Sinn, edle Materialien wie Aluminium und Glas für Devices zu benutzen, die so wichtig für uns geworden waren." Smartphones seien heute ein Luxusprodukt und Accessoire. "Das ist ein Trend, den wir jetzt auch für Fernseher aufgreifen wollen, die gerade die gleiche Evolution wie das Smartphone durchleben.

Mit Mobiltelefonen konnten Sie früher telefonieren und SMS schreiben, manche hatten Internet. Das war’s. Fernseher zeigen Filme, aber was ist ihre Aufgabe, wenn wir sie ausschalten? Schwarze Leere im Wohnzimmer zu schaffen? TVs werden immer größer." Samsungs "The Frame" löst dieses Problem mit Sensoren: Betreten Sie einen Raum, schaltet er sich ein, zeigt ein Kunstwerk Ihrer Wahl und schaltet sich ab, wenn sie wieder gehen. "Wir haben dafür 100 Werke lizensiert, kuriert von Elise Van Middelem, die auch für die Berliner Biennale mitverantwortlich ist. Disruption ist immer gut für einen Markt, aber das Wichtigste als Designer ist es, nicht vom Produkt zu kommen, sondern vom Menschen." "Gutes Design braucht kein Handbuch", sagt Béhar. "Sie können jedes Smartphone heute aus der Packung holen, anschalten, benutzen.

"Design darf nicht nur Geld verdienen, es sollte Probleme lösen"

Die Schattenseite des Silicon Valley sind explodierende Mietpreise, 3000 US-Dollar kostet mittlerweile eine Zweizimmer-Wohnung. Béhar arbeitet mit seinem 75-köpfigen Team von Fuseproject an automatisiertem Mobiliar für Micro-Appartments: Dieser motorisierte Schrank zieht per Knopfdruck das Bett ein, rollt nach links und lässt so genug Fläche, um Gäste zu empfangen.

Die Schattenseite des Silicon Valley sind explodierende Mietpreise, 3000 US-Dollar kostet mittlerweile eine Zweizimmer-Wohnung. Béhar arbeitet mit seinem 75-köpfigen Team von Fuseproject an automatisiertem Mobiliar für Micro-Appartments: Dieser motorisierte Schrank zieht per Knopfdruck das Bett ein, rollt nach links und lässt so genug Fläche, um Gäste zu empfangen.

Doch der Designer arbeitet nicht nur für kommerziell orientierte Firmen, er versucht auch, Probleme unserer Gesellschaft zu lösen: "2005 ist Nicholas Negroponte, Gründer des MIT Media Lab, auf mich zugekommen und hat mich gefragt, ob ich helfen würde, einen 100-Dollar-Laptop für die Dritte Welt zu designen. Selbstverständlich, Bildung bekämpft Armut, Kinder sind die Zukunft eines jeden Landes. Der One Laptop per Child sei für Kids in Regionen designt, die wenig Kindheit verleben durften. Deshalb ist er grün wie ein Frosch und seine Antennen sehen aus wie Ohren. "Dieses niedliche Design macht den Computer zum Freund des Kindes, es möchte damit lernen.

Selbst für unsere westliche Welt wäre das eigentlich besser als Schulbücher, die wenig Freude am Lernen vermitteln." Der Wahlkalifornier glaubt sogar, dass die besseren Produkte aus sozialem Antrieb entstehen: "Mark Zuckerberg hat den Prototypen von Facebook mit Freunden programmiert, weil Sie ihre Mitstudenten in Harvard kennenlernen wollten – es war eine Uni-Dating-Börse. Funktioniert die Idee, kommt das Geld von ganz alleine."

"Wie brauchen mehr Technik in unseren vier Wänden"

Und was glaubt Béhar, wird die größte Herausforderung der nächsten fünf Jahre? "Mangelnder Wohnraum ist ein großes Problem. Wir brauchen mehr Technologie in unseren vier Wänden. Ein simpler Verschluss, der motorisiert eine Treppe verschließt, sorgt für sehr viel mehr fühlbaren Wohnraum." Ori nennt sich die robotische Lösung, an der Béhar seit fünf Jahren arbeitet. Ein Schrank, aus dem sich ein Gästebett und ein Esstisch ausfahren lassen, der eingefahren als Arbeitsplatz dient. "Ein Raum muss atmen, damit Sie sich wohlfühlen." Deshalb auch The Frame: weniger schwarze Leere im Wohnzimmer, mehr Kunst, Gefühl, Emotionen. Vielleicht lässt das ja auch Deutschland ein bisschen freier werden im Kopf…