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Kampf um die digitale Geldbörse

Schluss mit Bargeld? Künftig zahlen wir per Handy. Google prescht vor, andere folgen. Es geht um Milliarden - und wieder einmal um unsere Privatsphäre.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Jetzt noch schnell einen Bagel, und dann ab ins Büro: New Yorker, notorisch in Eile, die bei "Zaro's" Frühstück holen wollen, brauchen zum Bezahlen künftig nur ihr smartes Handy zu zücken. Die Café-Kette gehört zu den ersten Händlern, die auf "Google Wallet" vorbereitet sind, eine digitale Geldbörse, die der Suchmaschinenriese am Donnerstag in der US-Metropole vorgestellt hat. Statt Münzen zu zählen oder die Kreditkarte über den Tresen zu reichen, geben Google-Wallet-Nutzer lediglich eine PIN ein, halten ihr Telefon an ein Lesegerät und können sich wieder auf den Weg machen. Die Apparate müssen sich nicht einmal berühren, sie tauschen drahtlos und sekundenschnell alle nötigen Informationen aus. Möglich wird das durch eine spezielle Funktechnik, "Near Field Communication" (NFC) genannt, die schon bald zur Standardausstattung vieler Smartphones gehören soll.

"Es ist die logische Weiterentwicklung des Mobiltelefons zum digitalen Schweizer Taschenmesser", sagt Telekom-Experte Roger Entner, Gründer der Unternehmensberatung Recon Analytics. "Das Telefon hat jeder immer dabei, da ist es nur konsequent, mehr und mehr Funktionen hineinzupacken." Fürs Erste will Google seinen neuen Dienst in New York und San Francisco testen, später im Sommer soll auch der Rest des Landes digital zahlen können - soweit Händler und Handys schon mitspielen. Voraussetzung beim Mobiltelefon: Es muss Googles Android-Betriebssystem nutzen und einen NFC-Chip besitzen; im Augenblick gilt das nur für das von Samsung gebaute Nexus S 4G, erhältlich ausschließlich in den USA. Zur Zahlungsabwicklung nutzt Google das "PayPass"-System seines Partners Mastercard, das nach Angaben der beiden Firmen bei derzeit 300.000 Händlern weltweit installiert ist.

NFC wird auch in Deutschland ausgiebig getestet

Wann Google Wallet nach Europa kommt, steht noch nicht fest. Die Technik dahinter ist allerdings nicht neu. Sie basiert auf billigen, stromsparenden Rechenchips, die sich auf eine Entfernung von bis zu zehn Zentimetern Daten zufunken können, und wird auch in Deutschland schon ausgiebig getestet. So arbeitet etwa die Bahn an einem Projekt namens "Touch & Travel", bei dem es genügt, das Handy an ein Lesegerät zu halten, um eine Fahrkarte zu kaufen. BMW denkt an Autos, die automatisch persönliche Einstellungen vom Handy übernehmen. Und die Metro-Gruppe erprobt das Bezahlen ohne Cash und EC-Karte schon seit 2008 in ihrem "Real"-Futurestore in Tönisvorst bei Krefeld.

"Es gibt viele interessante Anwendungen für NFC-Technik", sagt Charles Golvin, Mobilfunk-Analyst beim Marktforscher Forrester Research. Allerdings habe es sehr lange gedauert, bis alle Beteiligten, von Handyherstellern bis Netzbetreibern, sich darauf einigen konnten, ein Ökosystem für die neue Form des drahtlosen Datenaustauschs aufzubauen. "Nun sieht es so aus, als würden die Hürden fallen", sagt Golvin. Schon für dieses Jahr erwartet Forrester Research bis zu 50 Millionen verkaufte Mobiltelefone, die kontaktlos kommunizieren können. Trend: stark steigend. "Ende 2012", prophezeit Golvin, "wird es kaum noch ein Smartphone geben, das ohne NFC-Technik auf den Markt kommt."

Alle wollen mitverdienen

Banken, Dienstleister und Telekomkonzerne bringen sich derweil in Stellung, um daran mitzuverdienen, wenn Millionen Kunden anfangen, per Handy zu bezahlen. Dabei wird auch zu harten Bandagen gegriffen: Google hat bereits eine Klage am Hals: Ebay-Tochter PayPal, die ebenfalls an einem mobilen Bezahldienst arbeitet, geht gegen zwei ehemalige Mitarbeiter vor, die jetzt zentrale Rollen bei Google Wallet spielen. Der Vorwurf: Geheimnisverrat. Denn es geht um viel Geld: Allein die Amerikaner gaben im vorigen Jahr 3700 Milliarden Dollar mit Kreditkarten aus - und spülten damit fast 50 Milliarden Dollar (etwa 35 Milliarden Euro) an Gebühren in die Kassen von Visa, Mastercard und anderen Kreditkartenfirmen. Damit ihnen das Geschäft nicht verloren geht, sind alle Beteiligten bemüht, sich in unterschiedlichen Konstellationen auf das Handy-Portemonnaie vorzubereiten. Zu Googles Verbündeten gehören neben Mastercard auch die Citibank und andere Finanzdienstleister. Der Gigant aus dem Silicon Valley hat auch gar nicht vor, den Platzhirschen Konkurrenz zu machen; er stellt Google Wallet allen Beteiligten kostenlos zur Verfügung - denn den Kaliforniern geht es um etwas ganz anderes als Einnahmen durch Gebühren.

Die Daten hinter den Einkäufen

"Jeder Einkauf hat viele unterschiedliche Aspekte", sagt Golvin. Das reiche von der Suche nach dem Geschäft über die Produktentscheidung (Coke oder Pepsi, Nike oder Adidas?) bis zum Wissen darüber, was, wann, wo gekauft wurde - um ähnliche Produkte vorzuschlagen oder die Interessen der Nutzer besser zu kennen. "Das sind die Informationen, um die es Google geht", sagt Golvin, "denn darin liegt das Kerngeschäft der Firma." Gut 30 Milliarden Dollar, etwa 21 Milliarden Euro, nahm die mittlerweile allgegenwärtige Suchmaschine im vorigen Jahr ein, überwiegend durch Werbung. Nun möchte Google zusätzlich Geld verdienen, wie es Groupon und andere seit kurzem tun: mit Sonderangeboten, die Nutzer automatisch per E-Mail erhalten. "Google Offers" heißt der Dienst, der ebenfalls am Donnerstag vorgestellt wurde und zunächst probehalber in Portland, Oregon, anlaufen soll.

Mehr als 20.000 US-Händler hat das Unternehmen bereits als Partner gewonnen und verspricht, der Service sei "stark kontextbezogen" - soll heißen: Wenn Google weiß, wo Android-Telefone gerade sind und ob Nutzer im Café sitzen oder durch ein Einkaufszentrum laufen, können Angebote zeitnah abgeschickt werden. Persönliche Vorlieben kennt die Suchmaschine oft schon durch andere Dienste, mit denen sie ihre Fans durch den Tag begleitet. "Das oberste Ziel bei Werbung ist immer, Anzeigen direkt mit dem Einkauf zu verknüpfen", erläutert Recon-Analyst Roger Entner. Mit der Kombination aus Handy-Geldbörse und Sonderangeboten "kommt Google diesem Ziel deutlich näher".

Kombiniere ...

Zwar versichern die Kalifornier, sie erhielten - derzeit zumindest - keine Informationen darüber, welche Produkte mit Google Wallet gekauft werden. Doch schon Ort und Zeit des Einkaufs liefern wertvolle Einblicke in das Leben der Nutzer. "Google kennt Ihren Namen", sagt Entner, "und kann Ihr Einkaufsverhalten mit anderen Informationen kombinieren." Mit der Zeit ließen sich aus Suchanfragen am PC, von unterwegs und aus diversen anderen Daten komplette Profile von gläsernen Konsumenten erstellen, fürchtet der Telekomexperte. "Dies ist ein weiterer Schritt in Richtung Verlust der Privatsphäre", sagt Entner. Jeder, der Google Wallet, Google Target und ähnliche künftige Dienste nutze, müsse sich bewusst sein: "Man lässt sich auf einen Handel ein - der Preis für das Sonderangebot sind Einblicke in das eigene Leben."

"Der Nutzen muss sich dem Kunden erschließen"

Marktbeobachter haben indes keinen Zweifel, dass Google-Konkurrenten nachziehen werden. Nokia experimentiert seit langem mit NFC-Technik und hat sich vor kurzem mit Microsoft verbündet, dessen Suchmaschine Bing zunehmend populärer wird. Auch um Apple ranken sich Spekulationen: Googles größter Widersacher hat durch seinen iTunes-Laden bereits Konktakt- und Kreditkarten-Informationen von mehr als 200 Millionen Kunden gesammelt und ist dabei, eine eigene Plattform für Mobilwerbung aufzubauen. Auch im nächsten iPhone, so wird gemunkelt, dürften NFC-Chips stecken. "Dies war nur der erste Schuss in einer Schlacht um Kunden, die sich über Jahre hinziehen wird", sagt Forrester-Analyst Charles Golvin mit Blick auf den Start von Google Wallet. Erfolg bei den Kunden sieht er allerdings nur, wenn die digitale Geldbörse mehr bietet als ihr Gegenstück aus Leder. "Wenn Dinge wie Treuepunkte-Sammeln, Rabatte, Bezahlung und Quittung mit einem kurzen Handy-Wedeln abgewickelt werden können", sagt Golvin, "dann erschließt sich auch den Kunden, wo der Nutzen liegt."

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