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Revolution am Handgelenk

Neben zwei neuen iPhones zeigte Tim Cook am Dienstagabend sein erstes "one more thing" - die Apple Watch. Wir haben die schlaue Computeruhr ausprobiert und sagen, was sie kann.

Von Christoph Fröhlich, Cupertino

Knapp zwei Jahre geisterte die Apple-Uhr durch die Gerüchteküche, nun zeigte Tim Cook am Dienstagabend neben den beiden neuen iPhones sein erstes eigenes "one more thing". Er platzte fast vor Stolz, als er nach der Vorstellung der beiden iPhones ein neues Kapitel für Apple ankündigte: "Dieses völlig neue Produkt wird in seiner Kategorie Maßstäbe setzen". Dann enthüllte er die Apple Watch, und der bis auf den letzten Platz gefüllte Saal im Flint Center tobte - auch weil es Apple geschafft hatte, das finale Produkt bis zur letzten Minute geheim zu halten und so ein wenig von der Magie der ersten iPhone-Vorstellung aus dem Jahr 2007 aufflackern ließ.

Der stern konnte die Smartwatch im Anschluss an das Apple-Event in Cupertino ausprobieren und sagt, was sie kann und wie sie sich anfühlt.

Drei Gehäuse, viele Farben

Die Apple Watch gibt es in zwei verschiedenen Größen (38 und 42 Millimeter) aus drei verschiedenen Materialien und gefühlt endlos vielen Armbändern. Die Grundversion hat ein Edelstahlgehäuse mit Saphirglas, die Watch Sport ein eloxiertes Aluminiumgehäuse und eine Front aus gehärtetem Ion-X-Glas. Das Gehäuse der Watch Edition - das teuerste Modell - besteht aus 18 Karat Gelb- oder Roségold und hat ein Saphirglas-Display.

Die Armbänder - die Bandbreite reicht von grellem Kunststoff bis zu Leder - wirken sehr durchdacht: Das Milanaise-Band etwa klammert sich mit einem Magnetverschluss ans Handgelenk und sitzt dadurch sehr fest, ohne dass es einengt. Beim Metallarmband lassen sich wiederum einzelne Glieder herausnehmen und so die Länge individuell anpassen. Die Bänder tragen dabei nie dick auf und wirken nicht protzig.

Die von Apple ausgestellten Demogeräte waren noch nicht funktional, stattdessen lief in Endlosschleife ein Video mit allen möglichen Anwendungen auf dem Display. Funktionierende Prototypen gab es nur an den Handgelenken der Apple-Mitarbeiter zu sehen. Deshalb können wir nur die Verarbeitungsqualität einschätzen, und die war Apple-typisch sehr gut. Die Uhren fühlen sich überraschend leicht an, vor allem wenn man es mit einigen der jüngst auf der IFA ausgestellten Android-Smartwatches vergleicht. Auch das Display konnte im Ersteindruck überzeugen, allerdings konnten wir nicht testen, wie stark es im direkten Sonnenlicht spiegelt.

Dreh die Krone

Das Betriebssystem ist wohl die größte Innovation der Apple Watch. Denn während die Android-Konkurrenz bislang krampfhaft versuchte, ein Smartphone auf ein winziges Display zu pressen, setzt Apple auf ein geschrumpftes, extrem reduziertes iOS. Wie Blasen schwirren die kreisrunden App-Symbole auf dem Display.

Ausgerechnet ein Element aus der analogen Ära macht die Apple Watch zu etwas Besonderem: Bedient wird die Uhr mit der Krone an der rechten Seite. Dreht man an dem Rädchen, scrollt man je nach Anwendung etwa durch Bildergalerien und Listen oder zoomt in eine Karte. Mit einem Druck kommt man zurück auf den Homescreen, wo man die Apps mit einem Fingerdruck auswählen kann.

Zum Start gibt es bereits einige Apps von Drittentwicklern wie etwa Twitter oder Pinterest. Außerdem dient die Uhr als MP3-Abspielgerät, Navigationsdienst oder Nachrichtenzentrale. E-Mails und SMS kann man etwa mit dem Sprachassistenten Siri diktieren. In unserer kurzen Präsentation wirkte die Bedienung sehr intuitiv, nahtlos wechselt man mit Wischbewegungen und der Krone zwischen einzelnen Apps hin- und her.

Apple Watch spürt den Herzschlag

Zudem stecken in der Apple Watch jede Menge Sensoren, unter anderem ein Beschleunigungssensor und vier Pulsmesser auf der Geräterückseite. Sie überwachen die Körperwerte des Trägers, in einer speziellen Fitness-App lassen sich die Daten abrufen. Vor allem für Sportler ein interessantes Feature.

Zwingend erforderlich ist ein modernes iPhone (iPhone 5 oder höher), sonst funktioniert die Uhr nicht in vollem Umfang. Gekoppelt sind die Geräte via Bluetooth 4.0 oder Wlan. Geladen wird die Uhr kabellos via Induktion über einen Magnetanschluss, wie man ihn auch vom Macbook kennt. Die Apple Watch ist außerdem spritzwassergeschützt, man kann mit ihr also auch durch den Regen joggen. Dank NFC-Unterstützung kann man mit ihr auch an einigen Kassen, die den Bezahldienst Apple Pay unterstützen, seine Einkäufe zahlen.

Einige Fragezeichen bleiben

Die Apple Watch ist vollgepackt mit Funktionen, einige der wichtigsten Fragen wurden aber nicht beantwortet. Vor allem mit konkreten technischen Daten hielt sich der Konzern zurück: Es gibt weder Angaben zur Rechenpower des S1-Prozessors noch zur Bildschirmauflösung oder - für viele Nutzer die wahrscheinlich wichtigste Information - zur Akkulaufzeit.

Die Verschwiegenheit kommt vermutlich nicht von ungefähr: Motorolas Moto360, Samsungs Gear S oder LGs G Watch haben alle kleine Batterien, dementsprechend halten manche Uhren kaum einen Tag durch. Hätte Apple einen Durchbruch bei der Akku-Problematik gefunden, hätten sie das sicherlich verkündet. So muss man davon ausgehen, dass die Uhr jeden Tag geladen werden muss - vor allem bei der Fülle an Features, die die Apple Watch unterstützt. Möglich, dass Apple bis zum Marktstart im Frühjahr 2015 eine Lösung für das Akkuproblem parat hat. Vielleicht kann die Software auch noch optimiert und so der Strombedarf eingeschränkt werden.

Preislich startet die Apple Watch ab 349 Dollar, vermutlich kann der Preis eins zu eins in Euro umgerechnet werden. Die edleren Editionen dürften allerdings teurer ausfallen.

Der nächste Boom?

Apple war bei den Smartwatches nicht am schnellsten, doch das Gesamtpaket wirkt bei den Kaliforniern bislang am stimmigsten. Die Apple Watch wirkt im Gegensatz zu Samsung Gear S nicht wie ein Smartphone fürs Handgelenk, sondern wie ein komplett eigenständiges Gerät. Wie beim iPad im Jahr 2010 könnte der Konzern erneut einen ganzen Markt umkrempeln und ein Nischenprodukt zum Bestseller machen. Dazu passt, dass Apple die Uhr nicht als Nerd-Gadget, sondern als hippes Lifestyleprodukt, gar als edlen Schmuck, positioniert. Und wie bei Smartphones und Tablets könnten auch die anderen Hersteller von dem Boom profitieren.

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