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Der unsichtbare Riese

Auf dem Mobile World Congress dreht sich alles um Handys und die Zukunft der Kommunikation. Doch eine Technik wird kaum diskutiert - trotz 500 Millionen Nutzern. Was macht eigentlich Skype?

Von Ralf Sander

Skype ist so etwas wie das Gegenteil von Hype. Viele nutzen den Dienst, der kostenloses Telefonieren und Videokonferenzen über das Internet ermöglicht. Doch kaum jemand spricht mehr darüber. Soziale Netzwerke wie Facebook und StudiVZ boomen und bekommen jede Menge Aufmerksamkeit, von Fans und Gegnern gleichermaßen. Und die eigentlich längst etablierte Technik des Telefonierens ist immer noch ein beliebtes Gesprächsthema, vor allem wenn neue Handys im Spiel sind, bevorzugt mit einem Apfel drauf. Am Montag beginnt in Barcelona mit dem Mobile World Congress die wichtigste Messe für mobile Kommunikationstechnik. Wir werden neue Geräte und Gadgets bestaunen, über schönes Design und neue Features diskutieren können. Um dann, ohne uns einen weiteren Gedanken zu machen, die Schwester in Übersee anzurufen, kostenlos, über das Internet. Skype ist erst sieben Jahre alt und schon so uncool wie Festnetztelefonie. Und gleichzeitig viel beliebter. Grund genug zu fragen: Was macht Skype eigentlich gerade?

Unterhalb des Aufmerksamkeitsradars der meisten Medien hat Skype seit seiner Gründung 2003 eine riesige Nutzerbasis aufgebaut: Die Nachrichtenagentur Bloomberg schätzt rund 548 Millionen User weltweit. Skype-Chef Josh Silverman sagt, pro Tag kämen 300.000 neue dazu. Damit hat die Firma, die Internettelefonie salonfähig gemacht hat, mehr Nutzer als Facebook, Myspace und Twitter zusammen. Und das, obwohl die Einstiegshürden viel höher sind als bei den neueren sozialen Netzwerken: Es muss ein Programm heruntergeladen und installiert werden, Mikrofon, Lautsprecher und eine Webcam sollten vorhanden sein. Und anmelden muss man sich auch noch. Sind diese Hürden überklettert, bekommt man allerdings ein Produkt mit unschlagbarem Preis-Leistungsverhältnis: kostenloses Telefonieren zwischen Skype-Teilnehmern, unabhängig davon, wo sich diese gerade aufhalten. Dazu kommen günstige Preise für Anrufe ins Fest- und Mobilnetz und für SMS. Damit verdient die Firma ihr Geld, rund 165 Millionen US-Dollar im Jahr 2009. Besonders bei den internationalen Telefongesprächen hat sich die Firma zu einer Macht entwickelt: Im Jahr 2009 verzeichnete laut der Marktforschungsfirma TeleGeography Skype einen Anstieg um 63 Prozent und wickelt zurzeit zwölf Prozent aller internationalen Gespräche ab. "Skype ist mit Abstand der größte Anbieter von Ländergrenzen überschreitender Telekommunikation weltweit", sagt TeleGeograph-Analyst Stephen Becket.

Umbau im Unternehmen

Dass von Skype abgesehen von der Einführung von Videotelefonie in High Definition nicht viel Innovatives zu vernehmen war, mag mit Veränderungen im Unternehmen selbst zusammenhängen. 2005 hatten die beiden Skype-Gründer Niklas Zennström und Janus Friis ihre Firma an das Onlineauktionshaus Ebay verkauft, das nie so richtig wusste, was es mit den Internettelefonierern überhaupt anfangen sollte. Im November 2009 verkaufte Ebay die Mehrheit am Unternehmen an eine Investorengruppe um Marc Andreessen, den Erfinder des Netscape-Browsers. Kurz darauf wurde ein Rechtsstreit zwischen den beiden Gründern und Ebay von den neuen Besitzern beigelegt, Zennström und Friis sind nun wieder mit 14 Prozent an Skype beteiligt. Nach dem Ende diese Streitigkeiten erwarten viele Analysten, dass Skype einen Gang zulegt.

Wird Skype das soziale Netzwerk der Zukunft?

Während Finanzexperten besonders interessiert beobachten, ob sich da mittelfristig vielleicht ein Börsengang anbahnt, machen sich Web-2.0-Theoretiker darüber Gedanken, ob Skype das mächtigste soziale Netzwerk werden könnte. Videokonferenzen, Telefonie, Anrufbeantworter, das Verschicken von SMS und Instant Messaging beherrscht Skype bereits. Was wäre, wenn noch Funktionen von Facebook und Twitter dazukämen? Oder, wie es der US-Technikjournalist Jeremy Wagstaff formuliert: "Ein ganzes Ökosystem von Dienstleistungen, das sich auf der Oberfläche von Skype entwickelt." Als Beispiele nennt Wagstaff Übersetzungs- und Bildungsangebote. Außerdem, spinnt Wagstaff weiter, könne sich Skype "zum Herz der sozialen Medien" machen, wenn es sich mit Facebook, Twitter & Co. verzahne. Aufgrund seiner riesigen Benutzerzahl könnte jeder Schritt in Richtung der sozialer Netzwerke spürbare Folgen für die bisherigen Platzhirsche haben. "Das Wertvollste an Skype ist die halbe Milliarde vernetzter Nutzer", sagt Risikokapitalist Bill Gossman.

Wann wir erleben, ob Skype diesen Weg beschreitet, ist noch offen. Deutlicher sichtbar sind einige weniger gravierende Entwicklungen. Zum einen versucht Skype in der Unterhaltungselektronik Fuß zu fassen. Auf der diesjährigen Consumer Electronics Show in Las Vegas waren Flachfernseher mit integrierter Webcam und Skype-Software zu sehen, was hochauflösende Videotelefonie ermöglicht. Zielgruppe sind dabei weniger Menschen, die auf dem Sofa über das TV-Gerät mit ihren Lieben schwätzen wollen. Interessant sind diese Geräte besonders für kleine und mittlere Unternehmen, die sich keine teuren Videokonferenzsysteme leisten können.

Worauf viele Skype-Nutzer allerdings wirklich warten, sind Fortschritte bei Voice over IP (VoIP) über das Handy. Viele Mobilfunkanbieter blocken diese Dienste in ihren Netzen, weil sie fürchten, ihre Gesprächsminuten an Skype und andere zu verlieren, die die Datenverbindung des Smartphones zur Sprachübertragungen nutzen. Die Verhandlungen zwischen Mobilfunkern und VoIP-Anbietern verlaufen zäh, und irgendwann könnte der Streit auch bei den Regulierungsbehörden in Brüssel ankommen.

Dass Apples iPhone bisher nur über Wlan und nicht über UMTS den Einsatz von Skype zuließ, hatte allerdings technische Gründe. Die sind seit Ende Januar beseitigt, Apple hat sein Softwareentwickler-Paket und die damit zusammenhängenden Lizenzvereinbarungen entsprechend angepasst. Skype - und andere VoIP-Anbieter mit Sicherheit auch - hat die entsprechende App bereits fertig, zögert aber noch mit der Veröffentlichung. Neuigkeiten spart man sich gerne für Events wie den Mobile World Congress in Barcelona auf. Damit auch alle darüber reden können.

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