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Wie Wearables unser Leben verändern

Wearables wie Smartwatches und Fitnessarmbänder sind nur der Anfang einer neuen Generation tragbarer Technik. Sie sammeln und zeigen uns  Informationen und über uns oder unsere Umgebung. Alles, was zählt.

Von Sven Stillich

Wearables Smartwatch Apple Watch

Wearables und Smartwatches wie die Apple Watch verändern die Art, wie wir mit Technik umgehen

"Auf dem Heimweg ergab es sich fast wie von selbst, dass ich meine Schritte zählte. Ich fing beim Schultor an, dann den Trampelpfad entlang, auf dem Fußweg, über die Straße, unten am Hügel vorbei, wieder über eine Straße und den Hügel hinauf bis in unseren Garten." Als die kleine Grace aus Toni Jordans Roman 'Tausend kleine Schritte' zu Hause ist, da kommt sie auf 2827. Und sie erinnert sich, 'dass ich am Ende jenes ersten Tages mit einem triumphierenden Gefühl im Bett lag. Ich hatte die Dimensionen meiner Welt vermessen. Jetzt kannte ich sie, und keiner konnte sie mehr verändern; sie waren beständig.'

Ein ähnliches Gefühl kennt wohl jeder. Seit Menschen zählen können, erfassen sie ihre Welt in Zahlen und Ziffern. Wir kennen die ungefähre Uhrzeit und unser Alter. Wir wissen, wie lange wir in einer oder keiner Beziehung leben. Wir schließen vom Preis einer Flasche Wein auf dessen Qualität. Daten geben uns ein wenig mehr Einsicht und Kontrolle über die Welt – und selbst wenn das eine Illusion sein sollte, ist es eine, an der wir uns festhalten.

Das Leben ist eine Excel-Tabelle

"Alles zählt": Mit diesen beiden Wörtern beginnt Toni Jordans Roman. Er ist vor einigen Jahren erschienen, und heute könnte es heißen: "Alle zählen", oder zumindest: "immer mehr". Millionen Deutsche fassen ohne Unterlass ihre Welt und ihren Körper in Zahlen – und das sogar automatisch, mit Sensoren. Heute hätte Grace bestimmt ein Fitnessarmband, um ihre Schritte zu zählen oder ein anderes Gadget, dass ihr sagt, wie es gerade um ihren Blutdruck bestellt ist. Oder um ihren Puls. Seit Sensoren immer kleiner geworden und billiger zu produzieren sind, werden sie in immer mehr Geräte verbaut und immer mehr gekauft.

"Wearables" - tragbare Körpersensoren - und die dazugehörigen Apps sind ein Zukunftstrend. Google (das derzeit an einer smarten Kontaktlinse für Diabetiker arbeitet) schätzt, dass der weltweite Umsatz mit Fitness-Apps in zwei Jahren bei 26 Milliarden Dollar liegen wird. 2014 waren es gerade einmal vier Milliarden. Da gaben die Deutschen bereits 450 Millionen Euro für Wearables aus - ein Wachstum von 177 Prozent in einem Jahr. Laut Branchenverband Bitkom besaßen 2014 bereits 13 Prozent der Deutschen ein Gerät mit Gesundheitssensoren.

Der Trend zur Selbstvermessung trifft auf einen anderen: die eigene Gesundheit als Wert zu begreifen, der sich in gesellschaftlichen Status ummünzen lässt. Rauchen? Niemals! Laufen gehen? Klar. Alkohol? Nur in Maßen. Bio? So oft es geht! 9,1 Millionen Deutsche sind in Fitness-Studios angemeldet, damit ist Deutschland der größte Fitnessmarkt Europas – oder zumindest das Volk ,it den meisten Menschen, die gerne fit wären.

  Die Daten aus dem Fitbit.Armband lassen sich via App schön aufbereiten. Das eigene Leben zwischen Excel-Tabelle und Tortendiagramm.

Die Daten aus dem Fitbit.Armband lassen sich via App schön aufbereiten. Das eigene Leben zwischen Excel-Tabelle und Tortendiagramm.


Fitnessarmband gegen Schweinehund

Da ist joggen nach Feierabend mit digitalen Schrittzählern nur konsequent. Und der technische Fortschritt kann sogar wirklich gesünder machen – oder zumindest kann er eine wirksame Waffe gegen den inneren Schweinehund sein: Forschungen zeigen, dass Menschen, die sich zum Beispiel per Fitnessarmband zum Laufen motivieren, zumindest in der ersten Zeit aktiver sind. Laut einer Studie legen sie bis zu 40 Prozent mehr Schritte zurück als zuvor. Weil es plötzlich einen Beleg dafür gibt, dass sie sich zu wenig bewegen. Weil sie sich jeden Tag ein neues Ziel setzen können und es unbedingt erreichen wollen.

Oft lässt das Glücksgefühl zwar bald wieder nach. Aber die neue Technik macht es einfacher, die Motivation hochzuhalten. Es genügt ein Trick: anderen von seinen Erfolgen erzählen, von all den kleinen Schritten und den Meilensteinen. Denn wer sich vernetzt, bleib eher eisern. Der Applaus von Freunden aus den sozialen Netzwerken oder der Fitness-Community hält viele bei der Stange - selbst wenn es regnet. Fitnessarmbänder sind also unter dem Strich eine nützliche, aus vielerlei Gründen hilfreiche Erfindung.

Die Datenleitung zur Krankenkasse

Wenn etwas die Menschen gesünder machen kann, interessieren sich natürlich auch Profis dafür. Zum Beispiel Krankenkassen und Versicherungen. Folgerichtig versprechen bereits einige Versicherungen ihren Kunden Rabatte, wenn sie ihre Fitness und Ernährung digital erfassen und kontrollieren lassen. Wer sich mehr bewegt und gesünder lebt, zahlt dann weniger Beiträge als rauchende Couch-Potatoes. Nach einer Allensbach-Umfrage finden das viele Deutsche gar nicht schlecht. Für einen günstigeren Tarif würde rund ein Drittel Daten an ihre Krankenkasse senden. 42 Prozent können sich sogar vorstellen, dass es hilfreich wäre, Daten von Körpersensoren direkt zum Arzt zu übertragen.

Wer regelmäßig Gesundheitssensoren mit sich trägt, häuft einen immer größeren Schatz von Daten an. Das kann ein sehr großer Vorteil sein, wenn man zum Beispiel ein paar Jahre zurückschauen und sehen kann, wie aktiv man damals war oder wie man sich ernährt hat. So viele Daten über das eigene Leben gab es nie zuvor. Fest steht: Mit dem Fitnessarmband am Handgelenk, mit dem Smartphone am Arm oder mit dem Sensor in der Hosentasche wird sich in Zukunft einiges ändern. 

Pass auf Deine Daten auf!

Wie die schöne neue Welt genau aussieht, das kann derzeit noch niemand sagen. Wird eine maßgebliche Anzahl von Menschen wirklich fitter? Das kann sein, vielleicht werden aber auch nur fitte Menschen noch fitter – was auch nicht schlecht wäre. Wird sich unser Verhältnis zum eigenen Körper ändern, wenn wir ihn mit Sensoren überwachen? Ja, wenn wir verlernen, auf die eigenen Empfindungen zu hören. Denn nicht jeder Messwert, der aus der Reihe tanzt, ist ein Hinweis auf eine Krankheit; für eine kompetente Diagnose ist unser Körper zu komplex und die Sensoren nicht fein und smart genug. 

Fraglich ist auch: Was wird in Zukunft mit all den Daten geschehen? Das weiß keiner, aber es lohnt sich, gut auf sie aufzupassen. Konzerne werden versuchen, mit ihnen Geld zu machen. iPhones speichern schon jetzt die Zahl der Schritte ihrer Nutzer, meist ohne dass die etwas davon wissen. Google hätte gerne Zugriff auf alle Krankenakten, um sie nach Mustern und Symptomen zu durchsuchen. Allerdings sind das äußerst sensible und persönliche Daten, die nach unserem jetzigen Verständnis nicht in die Hand eines Privatunternehmens gehören.

Ob mit oder ohne Google: Ärzten wird unser selbst angehäufter Datenschatz in Zukunft die Arbeit erheblich erleichtern. Er wird in manchen Fällen sogar Leben retten oder verlängern, ein Leben mit Zahlen und Ziffern. "Im Laufe der Zeit wurde das Zählen zum Gerüst meines Lebens", berichtet auch Grace in Toni Jordans Roman. "Alles zählt" also. Heute und in Zukunft. Und im Zweifel zählt jeder noch so kleine Schritt.