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Handyspion im Selbstversuch

Die Schlagzeile in der "Bild"-Zeitung von Mittwoch war fast so groß wie ein DIN-A-4-Blatt: "Abhörangriff auf unsere Handys!" Eine im Internet verkäufliche Software verwandle "fremde Handys" in "Wanzen". Big Brother für jedermann? stern.de hat die Software gekauft und ausprobiert.

Von Dirk Liedtke

Die Homepage des thailändischen Anbieters Vervata aus Bangkok erweckt nicht gerade Vertrauen. Sowohl auf englisch wie auf deutsch strotzt sie vor Schreibfehlern. Während die englisch-sprachige Version der Website keine Zweifel lässt, zu welchen verbotenen Zwecken sich die Flexispy genannte Software nutzen lässt, Beispiel: "Verwanzen sie Konferenzräume" gibt sich die deutsche Variante deutlich zahmer: "Kostenhandhabung für Firmen". Neben dem Foto eines halbnackten Mannes steht aber das eigentliche Verkaufsargument von Flexispy: "Dank Flexispy habe ich letztendlich entdeckt, dass meine Frau mich mit meinem Bruder betrog." Untreue Partner sollen mithilfe der Software auffliegen - mit dem ausgeschnüffelten Handy als Corpus Delicti.

Die saftigen 150 Euro für die "Platinum"-Version mit allen Schnüffel-Funktionen bezahlen wir mit ein paar Klicks bequem mit Paypal. Per englisch-sprachiger E-Mail kommt dann der Freischalt-Schlüssel und die Installationsanleitung. Kurz gesagt: die englischsprachige, 16-seitige Bedienungsanleitung ist nur etwas für geduldige, sprachgewandte und technisch versierte Handynutzer. Zum Testen benutzen wir ein Nokia N 95. Dieses teure Smart Phone verfügt über das Betriebssystem Symbian, mit dem Flexispy läuft. Auf Millionen anderer Handys mit weniger aufwendiger Technik läuft die Software nicht. Nach einigen Fehlermeldungen klappt es schließlich. Auf englisch folgt vor dem letzten Klick noch ein vermeintlicher Warnhinweis: "Sie sind dabei, eine Anwendung zu installieren, die die Aktivitäten ihres Telefons überwachen wird." Das ist ein heuchlerischer, überflüssiger Hinweis, der Spionage-Software einen seriösen Anstrich zu geben.

Gelungener Lauschangriff

Nach mehreren Neustarts des Handys und dem Versand einer fummeligen Steuer-SMS, die mit den Zeichen "<*#" beginnt, kommt es zur Feuerprobe mit Kollegen, die einige Büros entfernt sitzen. Der Spion ruft von einer festgelegten Nummer das Handy an, dieses schaltet sich ein und die Leitung steht: über das Mikrofon des Ziel-Handys wird über eine normale Mobilfunkleitung übertragen, was in der Umgebung des Raums gerade passiert. Die Qualität ist so gut wie die Freisprecheinrichtung des Handys. Der Lauschangriff ist zunächst gelungen.

Aber der Spion muss geschickt sein, damit er sich nicht verrät: Geht der Anruf ein, wacht unser Testhandy kurz aus dem Ruhezustand auf - eindeutig erkennbar am aufleuchtenden Display. Liegt das Handy unbeachtet in der Ecke oder steckt es in der Hemdtasche, bekommt der Besitzer das nicht zwangsläufig mit. Wundert sich der Besitzer, warum das Handy-Display aufleuchet und drückt eine Taste oder schiebt die Tastatur auf, wird die Lauschverbindung sofort gekappt. Die Sprechmuschel des Anrufers muss außerdem schalldicht abgedeckt werden, sonst hört der Ausspionierte das Husten des Spions am anderen Ende der Leitung.

Keine SMS an den Chef

Anders als von Bild behauptet, werden von der Software auch nicht "heiße SMS an die Geliebte" und "vertrauliche Informationen an den Chef" zur Beute der Datenspione. Lediglich gewählte Nummern, die Dauer der Anrufe und die Absender und Empfänger von SMS und E-Mails lassen sich über eine Website abrufen. "Praktisch unsichtbar" ist die Software im ausspionierten Handy auch nur dann, wenn sich der Lauscher geschickt anstellt.

In unserem Handy war unter dem Menüpunkt "Programm-Manager" und dem Unterpunkt "Installierte Programme" sauber der abgekürzte Name der Software und der Name des Herstellers vermerkt. Die Software an sich ließ sich allerdings nicht entdecken. Eine weitere Spur hinterlässt das Programm aber auf der Handyrechnung: die Daten werden regelmäßig per Mobilfunknetz an die Firma in Thailand übertragen. Und dabei entstehen Verbindungskosten, die jedem auffallen, der ansonsten nicht mit dem Handy das Internet nutzt.

Fazit: Fies ist der Gedanke schon, über das eigene Handy belauscht zu werden. Aber die Thai-Software funktioniert längst nicht so perfekt wie Bild behauptet. Wer trotzdem misstrauisch ist - wem auch immer gegenüber - sollte sein Handy mit einer Anti-Virus-Software für Handys überprüfen lassen. Der Hersteller F-Secure hat Flexispy schon Ende März in seine Datenbank von Spyware eingetragen. So lange ist das Spionage-Programm nämlich schon bekannt - und nicht erst seit dieser Woche, wie der "Bild"-Leser vermuten könnte.

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