Und die Spiele selbst? Auch hier zeigt sich der Spagat. Einerseits haben die unabhängigen Hersteller von Videospielen (also jene, die nicht auch die Konsolen herstellen), eine immer größere Macht - schließlich brauchen die Hardwareproduzenten möglichst exklusive Spiele für ihre Plattformen. Die bekommen sie zwar auch, andererseits müssen sie sich immer mehr mit Häppchen zufrieden geben, die von den Entwicklern über die Konsolen verstreut werden. Das Problem der Softwarestudios: Neuartige Spiele mit noch unbekannten Helden kosten nicht weniger Geld in der Entwicklung als Neuaufgüsse von bekannten Spielen mit bekannten Helden - das Risiko der neuen "Franchises", am Markt zu versagen, ist aber um einiges größer. Und so liest sich das Line-up vieler Hersteller wie ein Nummernkabinett. Es wurden angekündigt: "Bioshock 2", "Assassin's Creed II", "Super Mario Galaxy 2", "Halo 3: ODST", "Mafia 2", "Uncharted 2" und "Final Fantasy XIII" (inklusive Vorschau auf Teil XIV). Der Zwang zum Sequel führt dazu, dass alles, was einmal erfolgreich war, so lange ausgepresst wird, bis kein Dollar, Euro oder Yen mehr zu machen ist. Auf der anderen Seite versuchen sich die Hersteller mit Spielen für "Casual Gamer" und Mädchen, die viel billiger zu produzieren sind als Blockbuster, jedoch bei der Zielgruppe nur zu Kopfschütteln führen - oder, wie auf der Pressekonferenz von Sony, zu ironischem Applaus bei jeder Erwähnung eines solchen Titels.
Dabei gibt es keinerlei Zweifel: Videospiele werden, gemessen nach den aktuell geltenden Kriterien, immer besser. Es bleibt dabei jedoch die Frage auf der Strecke, was Videospiele sein könnten, wenn sie nicht so schnell zu einem solch großen Markt geworden wären und nicht so viel Geld auf dem Spiel stehen würde. Es scheint auf der E3 2009 ausgemachte Sache zu sein, dass ein großes Videospiel nur dann gelungen ist, wenn es sich in seiner Präsentation so weit wie möglich dem Kinofilm annährt, wenn es dem Spieler also das Gefühl gibt, selbst in einem (meist Action-)film der Held zu sein. "Cineastic experience" lautet das Schlagwort, das in Los Angeles allerorten zu hören ist. Inzwischen jedoch erwartet das Publikum auch diese Erfahrung, weswegen die Branche verstärkt mit Hollywood zusammen arbeitet. Nicht nur Steven Spielberg, der immerhin selbst Videospieler ist, versucht sich in dem neuen Medium und stand bei Microsoft auf der Bühne. Auch Regisseur Peter Jackson wird nach "King Kong" wieder mit dem Publisher Ubisoft zusammenarbeiten. Und James Cameron lässt das Spiel zu seinem neuen Film "Avatar" nicht nur zeitgleich und in enger Kooperation mit Ubisoft entwickeln, in diesem Fall hat die Videospielfirma sogar Material für den Kinofilm hergestellt. Das alles zeigt zwar, dass Spiele in der Entertainment-Industrie inzwischen ernst genommen werden - es legt aber auch offen, dass die Branche weit davon entfernt ist, entschlossen ihren eigenen Weg zu gehen hin zu einer eigenen Bildsprache und zu eigenen Erzählmethoden. Noch befindet sich die Industrie in einer Phase wie das Kino oder das Fernsehen, als sich die damals neuen Medien noch nicht vom Theater gelöst hatten.
Es ist kaum anzunehmen, dass sich das bis zur E3 im kommenden Jahr geändert haben wird. Es bleibt aber zu hoffen, dass sich auch 2010 ein paar dieser subversiven Momente ereignen wie auf der Pressekonferenz von Microsoft, als Paul McCartney und Ringo Starr unter tobendem Applaus die Bühne betraten, um Werbung für das Musikspiel "The Beatles: Rock Band" zu machen, in dem die Spieler die Songs der Fab Four nachspielen können. "Gutes Spiel", sagt Paul Kaugummi kauend. "Ja, gutes Spiel und gute Grafik", sagt Ringo, "und eine tolle Band." Ringo weiter, über die Bühne staksend: "Ich mag, wie ich im Spiel laufe." Paul: "Ja, sie haben Androiden aus uns gemacht." Tosender Applaus. Hoffentlich gibt es im kommenden Jahr ein "Rock Band"-Spiel mit den Stones. Nur um zu hören, was Mick Jagger sagen wird.