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Wer in der Großstadt mit dem Rad zur Arbeit will, benötigt eiserne Nerven. Offenbar hassen die Planer die Radfahrer. Nur wer immer mit dem Schlimmsten rechnet, hat eine Chance unbeschadet anzukommen. Mein Höllentrip zur Arbeit.
Wie lebt es sich seit dem 11. September 2001 in Deutschland? Wie ist es, wenn man unter Generalverdacht steht? Wir haben junge Muslime befragt - im Hamburger Friseursalon von Fatih Yilmaz.
Wer dachte, dass afrikanische Bürokratie ein Quell unerschöpflicher Eigenartigkeiten ist, der bekommt sein Skurrilitäts-Update quasi frei Haus, sobald er sich mit den einzelnen Menschen dort beschäftigt. Sicher sind die Leute dort nicht skurriler oder eigenartiger als bei uns. Nur dort offenbaren sich diese „Phänomene“ eben auf eine andere, ungewohnte Art und Weise. Und wenn nur jemand „mal eben“, seine Giraffe auf dem LKW durch die Stadt fährt. „Standard-Leute“ sind eher Füllstoff in den Erinnerungen. Wer im Gedächtnis bleibt, sind die „Spezialfälle“. Meine Lieblings-Arschgeige in Namibia werde ich genauso wenig vergessen, wie die scheinbar normalste, aber dennoch freakigste Privat-Pension im Herzen Windhoeks. Wie fast irgendwie alle Farmer (und davon sind echt viele deutscher Herkunft) haben diese in der Stadt ein „kleines“ Häuschen. Stellte man sich so ein Ding bei uns hin, müsste man es schon an der Elbchaussee oder in Rothenbaum suchen. Dort unten ist es ein Standard-Gebäude, was „man eben so hat“. Neben dem Hauptgeschäft in Sachen Landwirtschaft, beherbergen die Familien gerne Touristen. Die wollen nix, ausser ´n Bett, Frühstück und lassen die Knete da. Perfekt. Durch Freunde bekam ich damals die Empfehlung mich bei einer Privatadresse zu melden, wenn ich mal kurzfristig ein günstiges Zimmer in Windhoek bräuchte und keine First-Class-Ansprüche hätte und nicht kontaktscheu wäre. Was man aus solchen Empfehlungen lernt, ist die Tatsache, dass man eigentlich nur schauen muss, WER einem dann etwas empfiehlt. Und damit klären sich auch die Definition von „günstig“, „Anspruch“ und „Kontaktfreude“. Und was soll ich sagen? Irgendwie hatte ich eine andere Maßskala in dem Zusammenhang. Nein, nicht das man denken mag, ich komme als verzärtelter Europäer nach Afrika und denke, dass alles nach guten deutschen Sitten und Gebräuchen abliefe. Nein, nein. Denn wenn man genau hinschaut ist es nämlich genau anders herum. Während wir bei uns mittlerweile den „amerikanischen“ Standard als den eignen definieren, findet man den „guten alten deutschen Herbergs-Geist“ nämlich wo? Richtig! In der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest! Wer also wissen will, wie die Großeltern so in Sachen Denke drauf waren, ab in den Flieger und rein in die konservierte Zeitblase im Hottentottenland. Was erwartete mich also, als ich auf dem sog. „Luxury Hill“ im Zentrum Windhoek mit meiner vollgestaubten Allrad-Hippe vor einem an das Panzerschiff Tirpitz erinnernden Flügeltor durch grollendes Richback- und Stafford-Geräusch meine Ankunft lautstark unterstützt sah? Man konnte es nur erahnen. Aber was macht in in einem solchen Fall? Richtig! Nicht aussteigen, auch wenn da vermeintlich zu ist. Diese Wachköter finden im Zweifel die Lücke in dem Privat-Fort-Wall bzw. wenn die Besitzer das fernbediente Tor Mordors unter dumpfem Fanfaren-Ton öffnen, steht man nämlich mal einfach genau zwischen ihnen. Also, oberste Direktive. Sitzenbleiben! Wie man auf sich aufmerksam macht, wollen Sie wissen? Klingeln! Also nicht im herkömmlichen Sinne, natürlich. Man hupt halt einfach. Warum man daraufhin reingelassen wird? Ganz einfach. Wer keinen Grund hat und nicht rein will, hupt nicht. So kommt man dann in eine Art Schleuse, in der die 7 Hunde sich erstmal an dem Auto abreagieren können. Wobei man beim Einfahren schon immer etwas besorgt ist, einen von entfesselnden Caniden ins Profil der 255´er 21-Zöller zu integrieren. „Die passen schon auf“, schallt es einem dann schon von einem Balkon-Terrassen-Derivat von der Größe eines Volleyballfeldes entgegen. Später wird der Satz noch mit der Information ergänzt, dass es auch nicht schlimm wäre, führe man über einen der Hunde drüber. Natürliche Auslese eben. Wenn de Köter nicht aufpasst, muss er eh wech. Willkommen im Rustica-Land! Kurze Zeit später, das Tor schließt sich unter Ork-Gestöhne und man ist sich kurzzeitig nicht sicher, ob man nicht doch lieber wieder raus will, sind die Hunde wie umgeschaltet und schmeissen sich arschwackelnd fast auf den Rücken, um einen zu begrüßen. Da hat doch die Erziehung zum Omega-Tierchen mal gefruchtet. Die Dame, die einem zwischen der Frage, wer genau man denn jetzt überhaupt sei (Fragezeichen Nummer 1) und wer sie empfohlen habe Fragezeichen Nummer 2), und ob man wirklich bleiben will (Fragezeichen Nummer 3), die Grundregeln im Umgang mit Tormechnismus, Frühstücks-Einnahme und Zimmerdetails, erinnert mich ein wenig an meine ehemalige Sportlehrerin in der 7.Klasse. 100-Meter-Endlauf-Teilnehmerin der Olympiade von 1972. Und die sah eher aus wie ein Typ, als denn nach FRAU XY. Bei der sich aggressiv durch Unfreundlichkeit tarnenden immer hilfsbereiten und großzügigen „Ersatz-Oma für jedermann“ kamen die Jahrzehnte unter südafrikanischer Sonne hinzu, die sie in eine Art „senkrechte Lederschildkröte“ hatten evolutieren lassen. Sie ratterte alle Survival-Tipps für das Anwesen und den sich dort befindenden „Eigenheiten“ selbstverständlich immer mit dem Rücken zugewandt herunter. Unhöflich meinen Sie? Mitnichten. Denn auch Schildkröten haben Vorfahren. Und genau so ein lebendes Fossil befand sich nun auch auf dem Balkon und textete mich zu mit Sätzen wie „Ist der Bart-Mann denn alleine?“ oder „Wenn Sie den Pool nutzen wollen, achten sie auf die Hunde.“ Ich schenkte ihr erstmal keine Beachtung, wohl aber die Junior-Schildkröte, die ständig versuchte, sie zum Schweigen zu bringen. Aber die die mit E.T.-Stimme krächzende 96-jährige Matriarchin liess sich nur schwerlich abschütteln. Nachdem ich dann mein Zeugs aus dem Auto, und das andere von mir geworfen hatte, wähnte ich mich hinter meiner verschlossenen Zimmertür in Sicherheit. Ich stand unter der Dusche und machte mich „etwas frisch, auch unten rum“, stapfte die Morla in mein Zimmer . Den Stapel Frottee-Handtücher auf dem Bett ignorierend wuchtete sie weitere gefühlte 10 von denen mitten in den Raum und friemelte mal hier, mal da in dem 35 qm-Räumchen des Gästehauses herum, um sich sicher zu sein, dass ihre Tochter auch alles richtig gemacht hatte. Sichtlich unbeeindruckt war sie von dem Umstand, dass ich tropfend aus der Dusche kam, um den Geräuschen in meinem Zimmer auf den Grund zu gehen. Dass sie den Raum wieder verließ, verdankte ich dann aber nicht dem Umstand ihrer Wahrnehmung meines texillosen Zustandes, sondern nur des erneuten Kläfforchesters der Caniden-Schar im Innenhof. Erwähnte ich irgendwo schon den Begriff „skurril“???? Ein wenig beunruhigt war ich schon bei dem Gedanken, dass ich nachts aufwachen und ein zahnloses Schrumpfweibchen durch die Gegend geistern könnte. Ich gestehe, dass ich abgeschlossen habe und den Schlüssel gedreht im Schloss. Paranoia findet bei solch einfachen Sachen ihren Ursprung! Dennoch bestens erholt, dank der wunderbaren Bettung, stieg ich den Feldherrenhügel empor, umhüpft von sich bis zur völligen Selbstaufgabe freuenden Hundemeute, und enterte den Frühstücksraum. Naja, also ich fand mich in der Küche der Familie wieder. Der Tag begann dann auch nicht mit einem „Guten Morgen“, sondern mit einem offiziellen Tadel, dass ich doch die Hunde nicht aussperren könne, wenn ich ins Haus käme. Schuljungengleich trollte ich mich, um den begangenen Fehler zu beheben und konnte schon am vierbeinigen Gedränge an der Glastür der Veranda erkennen, dass „die befellten Herrschaften“ das so nicht kannten und den Umstand augenblicklichst geändert sehen wollten. Kaum war die Tür auf, schossen die Viecher an mir vor bei, und später gesellte sich aus den Tiefen des gefühlt 25-zimmrigen Gebäudes noch zwei Riesen-Köter dazu. Also zusätzlich zu den beiden verhätschelten, wurstförmigen Jack-Russell-Terriern, die schnarchend in Körben gestapelt, unterm Tisch lagen und dem auf einem Kinderstuhl thronenden Bassett, der mich aus seinen schielenden Triefaugen musterte wie die mit jeder Faser ihres pottwalgeformten Körpers Verachtung ausstrahlende Politesse aus der mir bereits bekannten zentralen Polizei-Station. Wie ein überlauniger Roulett-Tisch-Chef im Casino beäugte er jede auch noch so kleine Bewegung, die man machte. Und man machte nach einer gewissen Zeit kaum noch welche. Bezeichnend auch, dass man gar nicht gefragt wurde, ob man sich gestört fühle durch die Hunde. Man solle lediglich drauf achten, dass die beiden Doggen, deren Köpfe auf Höhe des eigenen waren, wenn man sitzt, nichts vom Teller klauen. Heißer Schnodder-Atem im Nacken ändert bei einem selbst den Ernährungsmodus von „Essen“ zu „Inhalieren“. Gekrönt wird die Szene allerdings von dem ständig quasselnden lebenden Fossil an der Stirnseite des Tisches. Krummrückig, so dass sie mit dem Kinn eigentlich schon wieder fast ihr eignes Becken berührte, Argus-beäugte sie mit stechendem Adlerblick gänzlich zwinkerfrei alles, was man so tat. Ich glaube bis heute, dass sie mit dem Basset gemeinsame Sache machte und die Doggen, ihr das Essen besorgten. Allerdings muss man sagen, wer dort „wohnt“ und jemals hungrig vom Tisch geht, hat entweder Magenprobleme oder war nicht dort. Entgegen aller Widrigkeiten, wird man schier genudelt. Wobei mir jetzt nachträglich in den Sinn kommt, dass selbst das ein Komplott der alten Schildkröte war, die darauf spekulierte, einen wohl gemästet irgendwann selber in den Topf zu hauen. Aber lassen wir das. Wohl gefüttert mit allem was die deutsche und exotische Küche hergab, erledigte ich den ganzen Tag verschiedenste Amtsgänge und Einkäufe, traf mich mit Offiziellen und Bekannten und ließ mich abends beim tablett-großen Rumpsteak von der Fussball-Euphorie der schwarzen Namibianer überraschen, denn 2004 war Europameisterschaft und Rehhakles schrieb griechische Fussballgeschichte. Spät abends tuckerte ich mit meinem Busch-Mobil auf dem Hof zurück. Kurzes Köter-Spektakel. Dusche. Bett. Und morgens wieder aufstehen. Als ich wieder zum Frühstück pilgerte – diesmal ins Wohnzimmer, welches mit Jadgmotiven des Schwarzwaldes und nekropolischen Mengen diverser Trophäen gespickt war – erwartete mich eine etwas verwirrt drein blickende ältere Dame – Beschreibung siehe ganz oben. „Und wer sind Sie und was machen Sie im Wohnzimmer?“ Ich war gerade noch dabei zu durchschauen, ob das einer ihrer seltsamen Scherze werden sollte, oder ob sie tatsächlich vergessen hatte, dass ich die nächsten drei Tage in ihrem Gästehaus wohnte, als die mich freudig begrüßenden Hunde ihr unterstützend klar machten, dass ich da irgendwie hin gehöre. „Ach, ja. Sie sind ja der Franzose. Ich wollte nur noch mal fragen.....“ Und das war nicht das letzte Fragezeichen, dass dort aufgeworfen wurde. Und ich war auch nicht das letzte Mal dort. Wenn die dort noch leben, vorausgesetzt. In diesem Sinne Es grüßt der Papendieck P.S.: Mal wieder haben die Bilder nicht unbedingt unmittelbaren Zusammenhang zum Lesbaren ;-)
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