"Virtual Reality" ist tot, es lebe "Augmented Reality". Mit der Technik lässt sich auf modernen Smartphones durch die reale Welt browsen - der Weg in eine neue Form des Internets. Von Felix Disselhoff

Sein "Terminator"-Auge könnte bald Realität werden: Auf der diesjährigen CeBIT stellte Arnold Schwarzenegger die neue Technik vor© John Macdougall/AFP
Sie bahnen sich ihren Weg durch das Stadion, und das integrierte Display in ihrer Brille lotst Sie zielsicher zu Ihrem reservierten Platz. Gleichzeitig werden in Ihrem Sichtfeld die Positionen Ihrer Freunde markiert, mit Telefonnummern und aktuellen Statusmeldungen. Beim Blick aufs Spielfeld erfasst das eingebaute Display Ihren Lieblingsspieler mitsamt Statistiken und den neuesten Meldungen zu seinem Privatleben. Das hört sich nach Science-Fiction an. Doch die Entwicklung im Mobil-Markt geht in Richtung "Augmented Reality", zu Deutsch "Erweiterte Realität". Moderne Smartphones bringen alle notwendigen Sensoren mit, um die exakte Position und sogar die Blickrichtung des Users zu bestimmen. Mobile Browser verknüpfen die Live-Bilder dann mit Wikipedia, Flickr, Twitter und sogar Wohnungssuchmaschinen. Die kleinen Helfer beginnen, unsere Sichtweise auf die Welt komplett zu verändern.
Von der eben beschriebenen Stadion-Szene sind wir noch weit entfernt. Doch die Technologie dafür steht schon längst in den Startlöchern: "Augmented Reality" (AR) funktioniert als computergestützte Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung. Sie blicken beispielsweise durch die Videokamera Ihres Handys auf ein Museum. Ein integrierter GPS-Chip und ein Kompass bestimmen für die AR-Software Standort und Blickrichtung. Das Programm fügt dann dem Live-Bild automatisch einen Pfeil mit Namen und Telefonnummer des Museums hinzu. Über einen eingeblendeten Link könnten Sie dann direkt zur Museums-Homepage surfen und online Eintrittskarten kaufen. Mit der in Hollywod-Filmen so oft gepriesenen "Virtual Reality" hat das nichts mehr zu tun. "Augmented Reality" ist vielmehr das Gegenteil. "Virtual Reality" schaffte es seit Beginn der 90er nicht in die Wohnzimmer der Menschen. Die Technik war zu klobig, der User musste mit Kamera, Bildschirmbrille und einem Koffer voller Technik völlig abgeschottet in eine virtuelle Umgebung eintauchen.
"Augmented Reality" hingegen nutzt die reale Welt und kompakte Technik als Basis. Die bisher viel versprechendste Software heißt "Layar". Sie ist bisher nur für Smartphones mit dem Android-Betriebssystem verfügbar. Auch das aktuelle Iphone 3GS verfügt über die notwendige Technik. Apple-Jünger sollen allerdings erst aber Version 3.1 die AR-Funktionen nutzen können. "Layar" ist schnell erklärt: Hält der User die Handykamera auf einen bestimmten Punkt, werden zusätzliche Infos über Objekte, die im Bild zu sehen sind, angezeigt. Auf Wunsch kann zwischen einzelnen "Folien" gewechselt werden. Je nachdem, was Sie in der zweiten Realität sehen wollen: Twitter-Kollegen, Facebook-Freunde oder freistehende Wohnungen. Der User "browst" sprichwörtlich durch die Welt.
Dabei ist "Augmented Reality" kein ganz neuer Trend. In der Autoindustrie werden mit entsprechenden Programmen und speziell angepassten Datenbrillen schon seit Jahren Automodelle konzipiert und entwickelt. Die immer leistungsfähigeren Smartphones machen die Technologie nun für die Straße nutzbar.
Doch AR taugt nicht nur als virtueller Freundes-Kompass. Die Unterhaltungsindustrie mischt schon jetzt kräftig im Markt der "Erweiterten Realität" mit. Sony stellte auf der Gamescom 2009 Spiele für PSP und Playstation 3 vor, bei denen die Grenze zwischen virtuell und real fällt. Bisher musste der Spieler mit Controllern gewappnet in eine Welt eintauchen. Jetzt kann praktisch alles zur Spieloberfläche werden: der Bürgersteig, das gute Geschirr oder Omas Küchentisch. Sonys "Invizimals" zeigt auf der PSP die mit der Kamera aufgenommenen Bilder der Echtwelt und fügt perspektivisch korrekt Spielemonster ein. Damit das funktioniert, verwendet das Programm eine kleine Plastikkarte, deren Linien der Software beim Umrechnen der Daten helfen - das Spiel tut so, als sei die Karte ein Fanggerät.
Für eine junge Zielgruppe gedacht ist Eyepet, das für die Playstation 3 erscheint und ebenfalls mit einer Kamera arbeitet. Auch Eyepet arbeitet mit einer Plastikkarte zur Kalibrierung. Doch an Stelle eines Monsters hüpft ein Haustier aus dem Wohnzimmerboden. Der Spieler kann direkt mit ihm interagieren und sich dabei beobachten, wie das Tierchen auf seine Handbewegung reagiert. Der Mensch taucht nicht mehr in das Spiel ein, sondern das Spiel in die Welt des Menschen. Beide Spiele sollen noch Ende dieses Jahres in die Läden kommen.
Diese AR-Tools gibt es schon In Sachen "Augmented Reality" liegt Googles Android klar vorn. Der mobile Browser Layar zeigt Ihnen etwa beim Spaziergang durch eine fremde Stadt die Wikipedia-Einträge zu den Hotspots in Ihrer Nähe, aber auch die Richtung und die Entfernung, oder aber Immobilienangebote aus der Umgebung.
Die Software Wikitude nutzt diese und versieht so im Handybildschirm angezeigten Häuser mit Infos. Im Prinzip kann das Programm alles einbinden, was mit Koordinaten versehen ist.
Auch das Soziale Netzwerken wird durch die erweiterte Realität einfacher. Eine der ersten Anwendungen, die die offene Programmierschnittstelle von Layar genutzt hat, ist Tweetmondo.com, ein Dienst, mit dem sich Twitter-Nutzer auf bestimmten Plätzen per GPS-Signal aufspüren lassen.
Seit einigen Tagen sind gleich drei iPhone-Applikationen erhältlich, die georeferenzierte Daten mit dem Livebild der Kamera verknüpfen: London Bus, Metro Paris Subway und Yelp.