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17. Juni 2010, 21:04 Uhr

Daddeln direkt aus der Steckdose

Der Videospiel-Streamingdienst Onlive will die Games-Branche revolutionieren: Teure Hardware, Softwareinstallationen und Raubkopien sollen der Vergangenheit angehören. Das Spielerlebnis kommt direkt aus der Datenwolke im Netz auf den Bildschirm. Von Ralf Sander, Los Angeles

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Das Bild aus der Beta-Phase von Onlive zeigt, wie durch den Spielekatalog geblättert wird© Hersteller

Computerspielen so einfach wie Fernsehen - das verspricht der neuartige Videogames-Abodienst Onlive, der auf der Spielemesse Electronic Entertainment Expo (E3) offiziell in den USA gestartet ist. Die Firma aus Palo Alto in Kalifornien bietet das Streaming von Spielen aus dem Internet an. Eine Idee, die die Games-Branche revolutionieren könnte - wenn sie funktioniert.

Onlive macht aus jedem Game einen Datenstrom. Die Spielesoftware läuft nicht mehr auf der Konsole oder auf dem PC des Spielers, sondern auf Serverfarmen, die über die USA verteilt sind. Die Hochleistungsrechner dort erledigen alle notwendigen Berechnungen für Grafik, Sound und Spielmechanik und verarbeiten die Eingaben des Spielers. Zurückgeschickt wird nur das Ergebnis, das der Spieler sehen und hören muss. Dieses so genannte Cloud Computing wird in anderen Bereichen bereits mit Erfolg eingesetzt: Webmail-Dienste, Online-Versionen von Programmen wie Excel, Word oder Photoshop, und das Streaming von Musik- und Filmen sind nur einige Beispiele. Allerdings ist nirgendwo der Faktor Zeit so kritisch wie beim Spielen - das Geschehen auf dem Bildschirm ändert sich blitzschnell. Schon geringe Verzögerungen beim Grafikaufbau oder der Reaktion auf Eingaben beeinträchtigen das Spielerlebnis stark: Ein verzögerter Knopfdruck, und Lara Croft stürzt in den Abgrund. Eine ungenaue Zuckung des Analogsticks, und der Rennwagen klatscht an die Bande.

Kompression ist das Geheimnis

Onlive behauptet, in mehr als achtjähriger Entwicklungsarbeit das Problem der Zeitverzögerung gelöst zu haben. Die Rechner des Unternehmens seien in der Lage, innerhalb von Millisekunden den neuen Bildschirminhalt zu berechnen, zu komprimieren und an den Spieler über das Internet zurückzuschicken. Onlive arbeitet standardmäßig mit der HD-Auflösung 720p, die schon bei einer Datenrate von fünf Megabit pro Sekunde – ein durchschnittliches DSL-Tempo - problemlos übertragen werden könne, sagt ein Firmenmitarbeiter auf der E3-Messe. Kommen die Bits und Bytes doch langsamer aus der Steckdose, reduziere Onlive automatisch zuerst die Ton- und dann die Bildqualität, um das Spieltempo nicht zu gefährden.

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Die "Micro Console" soll Onlive-Spiele auf den Fernseher bringen© Hersteller

Das Ende der Hardware?

Da das Videospiel zur Bilderflut wird, verliert die Hardware an Bedeutung. Onlive verspricht, dass man auch mit billigen und alten Computern Games der neuen Generation spielen kann. Auch für teure Konsolen wie die Playstation 3 und die Xbox 360 bestünde kaum noch Bedarf. Um Onlive auf einem Windows-PC oder Mac zu nutzen, muss man lediglich ein kleines Programm installieren, das die Verbindung zum Angebot herstellt und den Katalog der Spiele anzeigt. Später im Jahr soll es außerdem die "Micro Console" geben, ein Kästchen von der Größe einer externen Festplatte, mit dem Onlive die Spiele auf den Fernseher holt. Ein Erfolg von Onlive könnte die Konsolenbauer Sony, Microsoft und Nintendo ebenso treffen wie Hersteller von PC-Prozessoren - Intel und AMD - und leistungsstarker Grafikkarten wie Nvidia und ATI. Denn der Hardware-Hunger moderner Spiele ist einer der Hauptgründe, warum Gamer ihren Computer aufrüsten. Ebenfalls zu leiden hätten die Einzelhändler, die Videogames auf physikalischen Datenträger wie Blu-ray oder DVD verkaufen.

Es gibt allerdings auch eine Gruppe in der Games-Branche, für die Onlive sehr attraktiv ist: die Spielehersteller. Das Abomodell ist für sie ein weiterer Vertriebsweg, der zudem von dem Problem der Raubkopien nicht betroffen sein dürfte. Der Nutzer hat ja keinen Zugriff auf die Spielesoftware. Wichtige Publisher wie Atari, Konami, Take-Two Interactive, Capcom, Ubisoft und Electronic Arts werden als Partner ihre Spiele auf Onlive anbieten. Die Anpassung des Programmcodes eines Games übernimmt Onlive. Zum Start umfasst der Katalog nur fünf Titel, darunter Blockbuster wie "Assassin's Creed II", "Mass Effect 2", und "Dragon Age: Origins".

Rund 15 Dollar soll Onlive monatlich kosten, dazu kommt ein einmaliger Betrag pro Spiel. Verschiedene Rabatte für Viel- und Gelegenheitsspieler sind in Planung. Onlive startet am Freitag zunächst in den USA und will als Startanreiz für ein Jahr die Abogebühren erlassen. Eine Ausweitung des Angebots nach Europa und andere Teile der Welt gilt als wahrscheinlich - vorausgesetzt, Onlive wird in den USA ein Erfolg.

Von Ralf Sander, Los Angeles
 
 
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