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"Es zählt nur, dass wir die Besten sind"

Seit über 40 Jahren geht Amar Bose mit seiner Audiofirma eigene Wege. Im Exklusiv-Interview mit stern.de erklärt er, wie er es trotz hoher Preise an die Spitze geschafft hat.

Von Karsten Lemm, Boston

Die Luft im Bunker vibriert. Sie zittert vom Lärm aus Dutzenden von Lautsprechern, die in langen Reihen an Metallregalen hängen und mit voller Kraft in den Raum dröhnen. Heavy Metal wäre eine kleine Nachtmusik im Vergleich zum "rosa Rauschen", das die Schallschränke produzieren - aber in diesem Testraum der Hifi-Firma Bose, der seinen Spitznamen dicken Betonwänden verdankt, geht es ja auch nicht um Wohlklänge, sondern um einen Belastungstest. "Wir wollen sichergehen, dass die Lautsprecher Millionen von Schwingungen überstehen", erklärt der leitende Forscher Tim Holl. "Manche Tests gehen über Jahre."

Einer begann 1993 und endete erst im neuen Jahrtausend. So viel Gründlichkeit schlägt sich auch im Preis nieder: Boses Top-Heimkino-Systeme kosten mehr als 5000 Euro, Kopfhörer bis zu 350 Euro, und selbst PC-Lautsprecher sind nicht für unter 150 Euro zu haben. Bose ist so edel, so teuer, so detailbesessen, dass viele glauben, es mit einer deutschen Firma zu tun zu haben. Dabei verdankt die Audioschmiede aus Framingham bei Boston sowohl ihren Namen als auch die Hingabe zur Forschung dem Firmengründer Amar Bose, einem Amerikaner, der schon mit 13 Jahren anfing, Radios zu reparieren. Sein aus Indien eingewanderter Vater erkannte das Talent und nahm einen Kredit auf, um den Sohn aufs berühmte MIT schicken zu können, das Massachusetts Institute of Technology.

Bose auf Platz eins im Punkt Kundenvertrauen

Dort unterrichtete Bose jahrzehntelang Psycho-Akustik, während er zugleich damit beschäftigt war, aus seinem kleinen, 1964 gegründeten Lautsprecher-Hersteller ein Unternehmen von Weltrang zu machen. In einer Umfrage von Forrester Research landete Bose auf Platz eins der Technikmarken, denen Kunden am meisten vertrauen - noch vor Apple, Sony oder IBM. Heute ist die Firma, die mehr als 8000 Mitarbeiter beschäftigt, erfolgreicher denn je. Mit geschicktem Marketing und populären Lifestyle-Produkten wie dem iPod-"Sound Dock" hat Bose den Umsatz in wenigen Jahren auf über zwei Milliarden Dollar (1,5 Milliarden Euro) verdoppelt.

Geld allerdings interessiert den 77-jährigen Firmengründer, den Mitarbeiter ehrfürchtig nur "Dr. Bose" nennen, eher am Rande. Es dient als Mittel zum Zweck, um Forschungsprojekte zu finanzieren; wenn es sein muss, über Jahrzehnte hinweg und gern auch abseits des Kerngeschäfts: 27 Jahre lang werkeln Bose-Entwickler nun schon an einem neuen Federungssystem für Automobile - einem, das elektronisch arbeitet und deshalb schneller auf Bodenwellen und Schlaglöcher reagieren kann als traditionelle Systeme. "Bis heute haben wir über 100 Millionen Dollar in das Projekt gesteckt", verrät Bose, "und noch keinen Pfennig verdient. Es wird noch lange dauern, bis wir schwarze Zahlen damit schreiben."

Aber das macht nichts, denn Bose gehört keinen ungeduldigen Wall-Street-Anlegern, sondern ausschließlich ihm: Amar Bose - einem ungewöhnlichen Unternehmer, der sich nicht hetzen lässt. Weder von den eigenen Entwicklern, die Produkte manchmal gern schneller auf den Markt bringen würden, noch von seinem Terminkalender. Vor kurzem nahm er sich drei Stunden Zeit, um exklusiv mit dem stern und stern.de zu sprechen. Lesen Sie dazu auch das Porträt "Wer steckt hinter Bose" in Stern Nr. 36/2007 vom 30. August.

Dr. Bose, stimmt es, dass alle Gewinne komplett wieder in Ihre Firma zurückfließen?

Ja, zu einhundert Prozent. Es mag merkwürdig klingen, aber ich habe die Gewinne meines Unternehmens nie als Teil meines persönlichen Vermögens betrachtet. Anfangs musste ich manchmal etwas zuschießen, wenn die Firma in Schwierigkeiten steckte, aber jetzt, da alles gut läuft, will ich mit dem Ganzen so wenig wie möglich zu tun haben. In all den Jahren habe ich auch nicht ein einziges Mal mein eigenes Gehalt festgelegt. Wir beauftragen zwei Agenturen damit, Gehälter bei vergleichbaren Unternehmen zu ermitteln, und wählen die Mitte. Das gilt als Richtschnur für alle Mitarbeiter - wer wirklich gut ist, erreicht diesen Mittelwert.

Mehr nicht?

Ich will nicht, dass Leute zu Bose kommen, nur weil sie glauben, dass sie hier reich werden können - das sind die Falschen. Ich will, dass Leute zu uns kommen, weil sie die technische Herausforderung suchen. Und das klappt auch. Die meisten bleiben, unsere Fluktuation ist gering.

Auch Sie denken mit 77 Jahren nicht ans Aufhören?

Was mich antreibt, ist die Begeisterung am Forschen und Entwickeln - das Ziel, ein Produkt zu erschaffen, bei dem Menschen sofort erkennen, dass es besser ist, wenn sie es benutzen. Das ist der Lebensinhalt der Firma Bose, unsere Existenzgrundlage. Und wenn etwas nicht überlegen ist, bringen wir es gar nicht auf den Markt. Sollten wir je anfangen, Produkte ins Programm zu nehmen, ohne uns um die Qualität zu scheren, wäre mir an dem Punkt auch die Firma egal.

Steckt Ihnen die Leidenschaft für Musik im Blut?

Eigentlich nicht. Im Alter von 7 bis 14 habe ich Geige gelernt, also hatte ich einen gewissen Bezug zur klassischen Musik. Aber in meiner ganzen Studienzeit habe ich mich auf Technik konzentriert und nur zwei Stunden Musik pro Woche gehört, auf einem kleinen Radio. Erst als ich anfing, an meiner Doktorarbeit zu schreiben, leistete ich mir eine bessere Anlage. Ich habe sie gekauft wie ein Ingenieur: allein auf Basis der technischen Daten. Zu Hause stellte ich fest, dass die Boxen grauenhaft klangen. Ich hatte extra eine Schallplatte mit einem Violinkonzert gekauft - und stattdessen... Vergessen Sie's!

Als Sie sich anschließend auf Akustik-Forschung stürzten, entstanden Produkte, die bis heute einzigartig sind - etwa das "Wave Radio", das seinem kleinen Gehäuse erstaunlich satten Klang entlockt. Wie kommt es, dass Bose bei allem Erfolg so wenig Nachahmer gefunden hat?

Es gibt viele, die versuchen, unsere Produkte einfach zu kopieren. Deshalb sind wir sehr schweigsam, wenn es um Forschungsprojekte geht. Schließlich stecken darin viele Jahre harter Arbeit. Manche werfen uns vor, ein "klagefreudiges Unternehmen" zu sein; ich finde, das ist in Ordnung. Wir investieren ein Vermögen in die Entwicklung neuer Produkte und Patente. Wenn uns jemand einfach kopiert - peng! Das verfolgen wir entsprechend vor Gericht.

Sie waren unter den Ersten, die Köpfhörer mit Schallschluck-Technik entwickelt haben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Das war 1978 auf einem Flug von Zürich zurück nach Boston. Die Swissair hatte gerade elektronische Kopfhörer eingeführt, als Ersatz für die bis dahin üblichen Schläuche, die man sich in die Ohren steckte. Ich konnte es gar nicht erwarten, die Kopfhörer auszuprobieren - aber mir war nicht klar, dass sie nicht gegen den Flugzeug-Lärm abschirmten, anders als die Schläuche. Du lieber Himmel, welch eine Enttäuschung! Man musste die Lautstärke voll aufdrehen, und dann klang alles verzerrt. Ich legte meine Arbeit beiseite und überlegte mir stattdessen, wie Kopfhörer den Lärm ausblenden könnten. Als das Flugzeug landete, war das Konzept im Grunde fertig.

Schon 1978? So lange gibt es solche Kopfhörer doch noch gar nicht?

Die Mathematik ist ja nur ein Teil des Ganzen. Für den ersten Prototypen brauchten wir acht Jahre. Wir gaben ihn Dick Rutan und Jeana Yeager, den Piloten, die 1986 als Erste non-stop um die Welt flogen. Unser erstes kommerzielles Modell, der "Quiet Comfort 2", kam erst sieben Jahre später in den Handel. Irgendwann zwischen 1993 und heute haben wir bei dieser Investition die Grenze zum Profit überschritten. Jetzt wissen Sie, warum ich als Chef einer Börsen-AG längst gefeuert worden wäre, wenn ich derart mit dem Geld anderer Leute spielen würde. (Lacht.)

Dennoch ist Bose sehr erfolgreich - obwohl Ihre Produkte nicht eben billig sind. Wie erklären Sie sich das?

Einer der Gründe, dass die Produkte nicht billig sind, ist die sehr lange Entwicklungszeit. Aber im Grunde spielt das keine große Rolle, denn wenn unsere Kunden glücklich sind, haben wir unser Ziel erreicht. Das ist das Wichtigste. Glückliche Kunden sind unsere besten Verkäufer - sie empfehlen uns weiter.

Trends müssten Ihnen auch helfen, etwa der zum Heimkino. Früher hätte sich schließlich kaum jemand um Surround-Sound fürs TV geschert...

Das stimmt sicher. Aber es ist mir egal, ob wir dabei unter den Ersten sind - und bei einigen dieser Trends, etwa Surround-Sound, waren wir es nicht. Für mich zählt nur, dass wir die Besten sind. Wenn das bedeutet, dass wir später auf den Markt kommen, soll mir das auch recht sein. Manchmal ist es schwer, das in der Firma durchzusetzen, weil alle schreien: "Los, los, wir müssen mitmachen!" Und dann muss ich dagegenhalten und sagen: "Nein, erst wenn wir die Besten sind!"

Haben Sie je erwartet, dass Bose so auf zwei Milliarden Dollar Umsatz kommen könnte?

Ach wissen Sie, am Anfang geht es nur ums Überleben. Da denkt man nicht ans Großwerden. Das ist so ähnlich wie beim Kinderkriegen; wenn Sie Ihr Baby anschauen, fragen Sie sich nicht ständig: "Wie sieht der Kleine wohl später mal aus?" Und wenn das Kind erwachsen ist, fällt es schwer, es sich wieder als Baby vorzustellen. Tag für Tag hat man die Hände voll mit aktuellen Aufgaben. Die Frage, wie groß Bose einmal werden könnte, ist mir nie in den Sinn gekommen.

Wie sieht ein typischer Tag heute für Sie aus?

Es gibt die notwendigen Tage, an denen ich in die Firma kommen muss, und die technischen - das sind die interessanten. Wenn Sie sich hier in meinem Büro umsehen, werden Sie feststellen, dass es keinen Computer gibt. Arbeiten kann ich nur zu Hause, hier gibt es zu viel Ablenkung, zu viele Leute, die etwas von mir wollen.

Und woran arbeiten Sie so?

Das sind alles künftige Produkte, dazu kann ich leider nichts verraten. Außerdem kommt es darauf an, wen Sie mit "Sie" meinen - mich oder die Firma.

Da gibt es also doch einen Unterschied?

Ja, zum Glück. Einige Ideen entstehen inzwischen ohne meine Mitwirkung, und das muss auch so sein. Schließlich ist meine Zeit auf Erden begrenzt.

Aber Sie sind Chairman, Technischer Direktor und Alleininhaber. Deshalb führt das Magazin "Forbes" Sie als Nummer 664 auf seiner Liste der Superreichen - mit einem angeblichen Vermögen von 1,5 Milliarden Dollar...

Das ist das Letzte, was ich wollte - die Firma oder ich selbst in diesem Magazin! Wir haben zu "Forbes" gesagt: Bitte lasst uns raus, wir sind auch bestimmt nicht böse. Aber sie haben nicht hören wollen. Und natürlich stimmen die Zahlen nicht. Alles nur geraten! Das Entscheidende ist, dass alle meine Anteile an der Firma auf eine Stiftung übertragen werden, die wir gerade einrichten.

Werden kommende Generationen, die nun mit komprimierten MP3-Songs als Qualitätsstandard aufwachsen, überhaupt noch einen Unterschied hören zwischen Bose und Billig-Stereo?

Meine Frau ist Schweizerin, und ich höre viel klassisches Radio aus der Schweiz - per Internet auf meinem Bose "Wave Radio", egal ob wir hier in Framingham sind oder in unserem Ferienhaus auf Hawaii. Der Sender unterstützt verschiedene Kompressions-Verfahren, und nach meiner Erfahrung klingt MP3 auf einer guten Stereoanlage wesentlich besser, als man erwarten sollte.

Welche Art von klassischer Musik hören Sie gern?

Ich habe keinen Lieblingskomponisten. Ich mag einfach eine bestimmte Epoche - Beethoven, Schubert, Haydn, Mozart. Wunderbar! Moderne Klassik ist nicht so mein Fall.

Also haben Sie kein Faible für Zwölftonmusik?

(Lacht.) Nein, nein, nein! Das ist nur etwas für die Ingenieure.

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