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Dr. Burdas digitales Gipfeltreffen

Verlegerlegende Hubert Burda bittet einmal im Jahr Größen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kultur nach München. Diesmal plauderte Gen-Entschlüsseler Craig Venter mit dem Gottesgegner Richard Dawkins. Telekom-Chef René Obermann mit EU-Kommissarin Viviane Reding - und ein Facebook-Topmanager schaute auch vorbei.

Von Dirk Liedtke, München

Diese Konferenz ist in ihrer Mischung einmalig. Im schmucken München trafen sich zum vierten Mal Internet-Unternehmer, Wissenschaftler, Künstler, Bosse und Blogger auf Einladung des kleinen Medienmoguls Hubert Burda zur DLD Conference (DLD=Digital, Life, Design), um nicht weniger zu tun, als die Welt zu retten. Oder um sie zumindest zu einem "better place" zu machen, wie man auf Englisch sagt, der offiziellen Tagungssprache. Der kunstsinnige und vielseitig neugierige Verleger von eher leichtgewichtigen Blättern wie "Focus" oder "Bunte" widmet sich mit seinen Gästen den richtig großen Fragen unserer Zeit. Und weil's München ist, wird das Ganze mit Bussi-Bussi-Schickimicki abgeschmeckt.

Der brasilianische Bestsellerproduzent Paulo Coelho erzählt, was ihn zu seinen Eso-Kitsch-Schwarten inspiriert. Der italienische Fotograf Oliviero Toscani verrät, warum er Models HIV-Tattoos aufmalt, um Pullis zu verkloppen. Wikipedia-Erfinder Jimmy Wales erläutert, weshalb er die geniale Erfindung der gemeinnützigen Internet-Enzyklopädie noch mal als Kommerzversion nachbauen will. Und der Boss der größten Werbeagentur der Welt, WPP, Sir Martin Sorrell, weshalb er heute in Bejing leben würde, wenn er noch mal 25 wäre. Die Konferenz brachte für drei Tage den Geist von Davos, wo gleich im Anschluss der Weltwirtschaftsgipfel stattfindet, und die ewig frische Aufbruchstimmung des Silicon Valley in die heimelige Heimatstadt von Laptop und Lederhose.

Immer ein Platz für Hubert frei

In der ersten Reihe wird immer ein Platz freigehalten für wahlweise "Hubert", "Dr. Burda" oder gar "Professor Burda". Amerikaner sprechen ihn mit dem Vornamen an, Deutsche und seine Angestellten mit dem akademischen Grad des promovierten Kunsthistorikers. Neben dem 67-Jährigen nimmt bei manchen Vorträgen seine 26 Jahre jüngere Gattin Maria Furtwängler Platz. Die Schauspielerin ist als "Tatort"-Kommissarin Charlotte Lindholm ein in Maßen glamouröser Fernsehstar. Neben ihrer Tochter sitzt sie würdevoll da. Frisch toupiert mit gerader Haltung, gar nicht so ungeschminkt burschikos wie in der Fernsehrolle. Ihren Gatten überragt sie deutlich. Immer wieder spielt sie mit ihrem Blackberry.

Der Patriarch von "Hubert Burda Media" und seine Familie halten Hof. Die teils ungeheuer geleckten jungen Mitarbeiter umschwirren Burda. Eine zweite Gruppe des DLD-Teams wirkt in grauen Kapuzenpullis dagegen sichtbar als legerer Teil der Generation Google. Alles wird fotografiert, gefilmt, gebloggt und quasi live ins Netz gestellt. Eine Konferenz in Echtzeit, die man zwar nur auf Einladung besuchen darf, deren Diskussionen man aber im Netz problemlos verfolgen kann.

Wenn auf dem Podium nicht alle Platz finden, schreitet der Patron schon mal persönlich ein. "Hier ist noch ein Stuhl", sagt er dann. In der Eröffnungsrunde der Konferenz mit schwerreichen, alten, weißen Männern freut sich Burda, dass ihn seine Kinder aus zweiter Ehe am Puls des digitalen Lebensstils ihrer Generation halten. Anekdoten darüber, wie man sich in Davos mal eine Stretchlimousine vom anderen gemopst habe, belegen nur eins: Wir sind etabliert, reich, und wir müssen nichts mehr beweisen.

Es muss ein befriedigendes Gefühl sein, sich so wie Burda ganz viele interessante Menschen einzuladen, die dann eine Art Studium Universale, einen Crash-Kurs in brennenden Themen von Wirtschaft, Wissenschaft und Technologie auf hohem Niveau abliefern.

Entzauberer und Entschlüsseler

Wenn Richard Dawkins, Evolutionsbiologe und Entzauberer des Gotteswahns, und Craig Venter, erster Entschlüsseler des menschlichen Erbguts, sich begegnen, fühlt sich der Zuhörer privilegiert, lauschen zu dürfen, und strengt sich an, den nicht ganz leichten Gedankengängen zu folgen. Die beiden Denker sind sich einig. "Genetik ist ein Teil der Informationstechnik geworden", erkennt Dawkins. Das wachsende Verständnis für die Zusammensetzung unserer Gene und deren komplexes Zusammenspiel sei "die größte Revolution in der Geschichte des Selbsterkenntnis des Menschen".

Craig Venter, der immer mal wieder auf seinem Segelboot um die Welt kreuzt, ist dagegen ein Praktiker, ein Macher, der Business mit Wissenschaft und Umweltpolitik verbinden will: "Wir sind in die Design-Phase eingetreten. Wir erschaffen die biologischen Maschinen der Zukunft." Venter hat keine Cyborgs wie den Schwarzenegger-Terminator im Sinn. Er träumt von Designer-Mikroorganismen, die das Kohlendioxid auffuttern, das wir mit unserer Sucht nach Öl und Erdgas bei deren Verbrennung ausstoßen, und die das klimaschädliche Gas in nutzbares Methan umwandeln. Ein schlauer, einfallsreicher Wissenschaftler wie Venter, der Theorie und Praxis, Laborkittel und Manageranzug, Wissenschaft und Börse als Doppeltalent beherrscht, verbreitet Optimismus bei aller Klimahysterie und Weltuntergangs-Angstlust: "Das Überleben unserer Spezies beruht auf Wissenschaft", sagt er. Und mit einem ironischen Seitenhieb auf den Bestseller "Der Gotteswahn" seines Gesprächspartners: "Wir können nicht Gott spielen, wenn es keinen Gott gibt." Mit dieser Volte nimmt Venter allen Skeptikern die Luft aus den Segeln, die ihn als Wiedergänger Doktor Frankensteins fürchten.

Obermann gibt Vollgas

"Need for Speed" ist das Tagesmotto des urlaubsgebräunten, schlanken, immer ungeduldig wirkenden Telekom-Chefs René Obermann. Der als Freund von TV-Talkerin Maybrit Illner im Nebenberuf zum Society-Star mutierte Manager ist nicht unter die Gamer gegangen, "Speed" steht für das immer schnellere Tempo im DSL-Netz, das Obermann für viel Geld bauen lässt und gern exklusiv verkaufen möchte. Sein Merkspruch dabei: "Das Breitband von heute ist das Schmalband von morgen!" Die für Telekommunikation zuständige EU-Kommissarin Viviane Reding ist auch ein Speed-Freak, aber in der mit verbalen Wattebäuschen ausgetragenen Debatte bleibt unklar, ob Obermann sein Speedy-Gonzalez-DSL auch für Arcor und Co. öffnen muss. Die wirklich geschäftsrelevanten Themen werden eben nicht auf offener Bühne verhandelt. Ebenso wenig, dass Obermann bislang nur mickrige 100.000 Kunden für sein Hyper-DSL mit Turbo-Downloads, Digital-TV und Live-Bundesliga begeistern konnte.

Facebook gibt Deutschland-Start bekannt

Das über sechzig Millionen Mitglieder starke soziale Netzwerk Facebook gibt am Rande der Konferenz den Beta-Start seiner deutschen Version bekannt. Interessanterweise sollen auch hier die Nutzer die Arbeit selbst machen, genau wie bei Wikipedia. Mit dem großen Unterschied, dass Wikipedia von einer Stiftung getragen wird, Facebook aber eine Firmenbewertung von 16 Milliarden Dollar hat. Eine überzeugende Antwort, wie die riesigen sozialen "Versorgungsunternehmen" (so das Selbstverständnis des Facebook-Managers Matt Cohler) für die vernetzte Generation sich finanziell über Wasser halten können, steht aber noch aus. Oder wollen Sie eine "soziale" Werbe-E-Mail von Adidas bekommen, bloß weil ein ebenfalls auf Facebook registrierter Freund sich gerade neue Adiletten gegönnt hat?

Die spannenden Deals werden in zahllosen Gesprächen bei Smoothies (teuren pürierten Fruchtcocktails), feinem Fingerfood und Cappuccino gemacht. Haben die legendären Samwer-Brüder (Alando/Ebay, Jamba) wirklich nur 0,3 Prozent am boomenden US-Netzwerk Facebook gekauft oder doch mehr? Kauft Facebook als Nächstes StudiVZ? Die an filigranen Metallbrillen, pomadierten Haaren und extremer Blackberry-Sucht leicht erkennbaren Money-Männer, die Investoren, suchen hier nach der nächsten zündenden Idee. Es gibt sogar junge Web-2.0-Unternehmer, die ihre Idee für so genial halten, dass sie nicht einmal andeuten, um was es überhaupt geht - ein Onlineshop für maßgemixte Säfte vielleicht (mysmoothie.de) oder vielleicht doch nur eine neue Suchmaschine, die auf User-Mitarbeit beruht wie die von Wikipedia-Gründer Jimmy Wales? Die Luft ist warm und enthält zu viel CO2 in dem überfüllten HVB-Forum im Herzen Münchens. Es riecht nach Menschen. Aber in den Augen funkeln Euro-Zeichen.

Israel vom Öl abnabeln

"Ich habe genug Geld für meine zwei Kinder gemacht", sagt der ehemalige SAP-Manager Shai Agassi entwaffnend. Fast wäre er sogar Boss der deutschen Geschäftssoftware-Schmiede geworden. Damals fuhr er einen spritschluckenden Testosteron-Mercedes vom Typ E 55 AMG. Jetzt will er in seinem Heimatland Israel die Abhängigkeit vom Öl beenden. "Better Place", eine bessere Welt heißt sein Projekt. Er will das ganze Land mit 500.000 Steckdosen für Elektroautos überziehen. Die passenden, summenden Gefährte will der Renault/Nissan-Konzern bauen. Der Mann ist überzeugend, eloquent, hat Humor und eine gute Idee. Ob der Strom für die E-Autos aus Sonnenenergie gewonnen werden soll, erwähnt er nicht. Aber er glaubt daran, Israel bis zum Ende des nächsten Jahrzehnts komplett von Öl-Lieferungen abkoppeln zu können.

Der Welt geht es nicht besonders gut. Das Öl ist in absehbarer Zeit aufgebraucht. Das Thermometer steigt, weil der Mensch am Thermostat gespielt hat. Viele Menschen hungern, viel zu oft zu Tode, oder sie sterben an schrecklichen Krankheiten. Aber diese Konferenz macht Mut, dass schlaue Wissenschaftler, gewitzte Architekten und kreativ-gierige Investoren das Ruder ein bisschen herumdrehen können.

Ein Happy End blieb der bunten, inspirierenden DLD-Konferenz unverdienterweise versagt. Bei der Schlussrunde über wirtschaftliche Chancen für Afrika blieb ein Stuhl auf dem Podium bis zum Schluss leer. Naomi Campbell sollte eigentlich über ihre Arbeit für den Nelson-Mandela-Fonds berichten. Aber die berüchtigte Superzicke wurde ihrem Ruf gerecht. "Sie sitzt in ihrem Hotelzimmer, schreit wie eine Primadonna herum. Und wir wissen nicht, warum", sagte die Mitorganisatorin Stephanie Czerny mit gekränkter Offenheit. Nicht traurig sein. DLD ist auch ohne Supermodel eine in Deutschland einmalige, lohnenswerte Sache und allemal eine Reise oder einen Besuch der Website wert. Und abgesehen davon: Zum Abschlussmittagessen mit Hubert Burda und allen Gästen im Münchner Edelrestaurant Schumann's erschien Naomi Campbell dann doch.

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