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Das bisschen Haushalt ...

Der Staubsauger "Roomba" soll der ersten Roboter für jedermann werden. Er ist zwar nicht so intelligent wie Maschinenwesen im Kino - aber ordentlich sauber machen kann er. Und manche Besitzer bauen sogar eine emotionale Bindung zu dem Haushaltsgerät auf.

Von Karsten Lemm, San Francisco

Kaum zu glauben, mit welcher Begeisterung sich manche in den Staub werfen. Fröhlich blinkend und piepend kurvt der Kleine los, als gäbe es nichts Aufregenderes, als die Wohnung vom Schmutz zu befreien. Gewissenhaft dreht er seine Runden, fährt mal im Zickzack, mal im Kreis über Teppich und Parkett, tastet sich an der Wand entlang, weicht zurück, wenn er an ein Hindernis stößt. Dreck, der sich ihm in den Weg legt, bürstet der Roboter namens "Roomba" unter seinen Bauch und saugt ihn auf. Stundenlang ist er so unterwegs, ohne Aufsicht und voller Energie; bis die Batterien nachlassen, die Arbeit getan ist und die stolzen Besitzer sein Werk bewundern können. "Wir lieben unseren Robi!", jubelt etwa die Schuldirektorin Jean Helfman, die mit ihrem Mann Marc im Städtchen Kenwood bei San Francisco wohnt. "Er saugt viel gründlicher Staub als wir, weil er immer wieder über dieselben Stellen fährt - so viel Geduld hätten wir gar nicht."

Mit seinen Qualitäten als Reinigungskraft, die klaglos eine lästige Pflicht übernimmt, hat der Roomba (gesprochen: "Ruumba") bereits die Herzen von Millionen Amerikanern erobert. Allein zu Weihnachten verkaufte der Hersteller iRobot mehr als 400.000 Exemplare des jüngsten Modells, das nun in zwei Varianten für 300 und 400 Euro auch in Deutschland auf den Markt kommt. "Unsere Kunden sind nicht nur die Technikverliebten, die immer das Neueste haben müssen", erklärt Firmenchef Colin Angle den Erfolg, "sondern ganz allgemein Menschen, die ihr Haus in Ordnung halten wollen, aber keine Lust haben, ihre Zeit mit Routineaufgaben zu verschwenden."

Angle ist ein jugendlicher 41-Jähriger vom Typ Klassenbester in Physik und Mathe, allerdings keiner von der Sorte, die nur in Formeln und Schaltkreisen denken. Er weiß: Science-Fiction-Fans, die auf nichts sehnlicher gewartet haben als einen persönlichen Roboter, sind in der Minderheit; deshalb verlegt seine Firma sich lieber darauf, Haushaltshelfer zu bauen, die nützlich und erschwinglich sind - selbst wenn sie nicht unbedingt den Vorstellungen entsprechen, die Hollywood über Jahrzehnte genährt hat. "Beim Stichwort Roboter denken die meisten Leute an menschenähnliche Maschinen, die Betten machen, Essen kochen, all solche Sachen", sagt Angle. "Das klingt verlockend, aber bis wir soweit sind, werden wohl noch 20 Jahre vergehen."

Zehn Jahre bis zum Roomba

Es war schon schwer genug, eine Maschine zu bauen, die eigenständig über den Fußboden flitzt und dabei Staub und Fussel einsammelt. Die ersten Versuche schlugen fehl, und lange hielt sich die 1990 gegründete Firma mit Militäraufträgen über Wasser. Gut zehn Jahre brauchten die iRobot-Entwickler, viele von ihnen Absolventen des berühmten MIT in Cambridge bei Boston, um die größten technischen Hürden zu überwinden. Sie mussten ihren Roomba schlau genug machen, um sich in jeder Umgebung zurechtzufinden, leistungsstark und ausdauernd - aber zugleich aufpassen, dass er nicht zu teuer wird, zu viel Strom verbraucht oder zu übermütig ans Werk geht. Eine Vielzahl an Sensoren sagt dem Automaten, ob er irgendwo aneckt; Gefahr läuft, die Treppe hinunterzufallen; oder Krimskrams mit einsaugt, an dem er sich verschlucken könnte.

"Es muss alles stimmen", sagt Angle. "Eine Fehlentscheidung genügt, um das ganze Projekt zum Scheitern zu bringen. Am Ende hat man womöglich einen Roboter, der nicht sauber macht, oder einen, der so teuer ist, dass es billiger wäre, ein Haushaltsmädchen anzustellen." Der "Trilobite" des schwedischen Herstellers Electrolux war so ein Fall: Vom Konzept dem Roomba ähnlich, trieb komplizierte Technik den Preis des smarten Saugers auf über 1500 Euro - zu viel, um das Interesse einer breiten Masse zu wecken, die ohnehin erst überzeugt werden muss, dass ein Roboter ihr Leben versüßen würde. "Wer selbst keinen Roomba hat, glaubt erstmal nicht, dass er funktioniert", sagt Angle. "Das war schon immer eine Herausforderung für uns."

Vor dem Saugen: aufräumen!

Zum Glück für iRobot neigt die rasch wachsende Kundenschar dazu, ihre mechanischen Hausgenossen kultisch zu verehren. "Wir erzählen Leuten immerzu von unserem Roomba", berichtet Jean Helfman fröhlich. "Wir sind sozusagen freiwillige Vertreter." Der Funke ihrer Begeisterung sprang schon auf mehrere Bekannte über, "und bisher gab es keine Klagen." Dabei ist das Leben mit einem Saugroboter nicht ganz ohne. Zunächst gilt es, die Wohnung herzurichten. Wer seinem Roomba eine faire Chance geben will, an der Aufgabe nicht zu scheitern, darf ihm keine Räuberbude präsentieren - Gerümpel ist Gift, weil der Heinzelmann nichts aus dem Weg räumen kann, und Möbel sollten so platziert sein, dass der tortengroße Diskus zwischen ihnen hindurchsausen kann.

"Es gibt Menschen, die ihre ganze Wohnung umbauen, um es dem Roomba leichter zu machen", sagt Beki Grinter, Soziologin am Georgia Institute of Technology in Atlanta, die in einer Studie das Zusammenleben von Zweibeinern und Robosaugern untersucht hat. Manche Besitzer wechseln den Teppich aus, andere den Kühlschrank, einige veranstalten Rennen, und so gut wie niemand nimmt es seinem Kleinen übel, falls er trotzdem mal nicht so will, wie er soll. "Die Leute bauen eine Beziehung zu ihrem Roomba auf", erklärt Grinter. "Deshalb sind sie eher bereit, ihm zu vergeben, wenn etwas nicht funktioniert."

Spitznamen für den Staubsauger

Ein Stück Schnur, das sich um die Räder wickelt, oder eine Büroklammer, die sich im Saugstutzen verfängt, können genügen, um den Roboter außer Gefecht zu setzen. Die Helfmans haben das schon öfter erlebt. "Man schaltet ihn ein, er fährt los, und plötzlich bleibt er einfach stehen", erzählt Marc Helfman, der es als Hobbybastler noch jedes Mal recht mühelos geschafft hat, seinen Hausgenossen wieder flottzumachen. Viele Probleme, glaubt er, lägen auch schlicht an mangelnder Pflege. "Wer nie etwas anderes macht, als nur den Staubbehälter auszuleeren, muss mit Ärger rechnen", sagt der 60-jährige Kalifornier. "Wir Amerikaner sind eben einfach zu faul", pflichtet seine Frau bei, die nichts auf ihren "Robi" kommen lässt. Selbstverständlich hat die 67-Jährige dem Gerät einen Spitznamen gegeben, so wie mehr als die Hälfte aller Roomba-Besitzer auch. Viele gehen noch weiter und schneidern ihrem Staubsauger ein Stoffkleidchen, damit er nicht nackt durch die Wohnung huschen muss.

"Was bringt Menschen dazu, ihre Roboter zu verkleiden?", fragt Beki Grinter, selbst verblüfft. Ihre Theorie: Weil der Roomba nicht auf Befehle wartet, sondern von allein losläuft und entscheidet, was er macht, wirkt er intelligent - weit intelligenter zumindest als Mikrowelle und DVD-Spieler. "Er ist kein tumbes technisches Gerät, aber auch kein Mensch", sagt Grinter, "sondern irgend etwas dazwischen." Vielleicht wird man den unscheinbaren Plastik-Rundling sogar irgendwann als Urahn einer neuen Gattung würdigen: "Haushaltsroboter könnten eines Tages so verbreitet sein wie das Auto", sagt Phil Solis, Analyst beim Marktforscher ABI Research. Im Augenblick ist das Geschäft zwar noch überschaubar - gut 400 Millionen Dollar brachten Roombas, Lego-Roboter und eine Handvoll andere Modelle im vorigen Jahr weltweit ein. Doch bis 2015, schätzt ABI Research, könnte der Umsatz auf 15 Milliarden explodieren.

Roombas Geschwister warten schon

Viele sehen in intelligenten Automaten nicht nur unterhaltsame Hausgenossen, sondern den besten Weg, eine alternde Gesellschaft vor dem Pflegenotstand zu bewahren. "Wir fangen mit Putzen an und werden Stück für Stück immer weitere Aufgaben übernehmen, die es Menschen erlauben, länger in ihren eigenen vier Wänden zu leben", verspricht Colin Angle. Schon jetzt bekommt der Roomba in wachsendem Tempo immer neue Geschwister, die den Fußboden schrubben ("Scooba"), den Swimmingpool säubern ("Verro") oder auch Dreck aus der Dachrinne schaufeln ("Looj"). Auf all diese Alltagshelfer werden die Deutschen allerdings noch eine Weile warten müssen. Erst soll der Roomba zeigen, ob sich genügend Menschen zwischen Rhein und Oder mit dem Gedanken anfreunden können, ihren Hausputz einer Maschine zu überlassen. "Viele werden anfangs skeptisch sein, genau wie Amerika", weiß Angle. "Aber wenn sie erstmal sehen, was der Roomba kann, werden sie sich fragen: Warum sollte ich je wieder einen Staubsauger in die Hand nehmen?"

Allzu pingelig sollte man freilich nicht sein. Selbst nach vielem Hin und Her kann es vorkommen, dass der beflissene Hausgeist ein paar Staubkörner übersieht. "Aber das ist ja kein Beinbruch", sagt Marc Helfman. "Das kann man schnell auffegen." Seine Frau ist ohnehin immer glücklich, nach Hause zu kommen und die Wohnung sauber vorzufinden - ganz oder beinahe. "Ich bin einfach dankbar, dass mir einer die Arbeit abnimmt", erklärt Jean Helfman, "und wann immer der Roomba fertig ist, gehe ich zu ihm hin und sage: 'Gut gemacht, Robi. Du bist wirklich ein toller Kerl!'" Kein Wunder also, dass sich der Kleine so ins Zeug legt - für so viel Liebe wirft man sich natürlich gern in den Staub.

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