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Strahlender Abriss

Die Demontage eines Kernkraftwerkes ist langwierig und Hunderte Millionen Euro teuer. Spezialisten müssen der strahlenden Ruine mit aufwendigen Prozeduren zu Leibe rücken.

Von Horst Güntheroth

Am Mittwoch, dem 16. März, war Schluss. In den Abendstunden fuhren die Männer in der Leitwarte des Kernkraftwerks Neckarwestheim den Druckwasserreaktor herunter, um 22.41 Uhr ging Block 1 vom Netz. Seit 1976 war die atomare Stromfabrik in Betrieb gewesen - nach dem Desaster von Fukushima aber hatten die Regierungen des Bundes und des Lands Baden-Württemberg eilends die Stilllegung beschlossen, binnen Tagen kam das Aus. Das endgültige Aus, so verkündete der inzwischen abgewählte Ministerpräsident Stefan Mappus.

Nun wird Neckarwestheim 1 kein Energielieferant mehr sein, sondern eine strahlenverseuchte Ruine. Atomarer Sperrmüll, ein komplizierter Entsorgungsfall. Zwar gibt es noch keinen genauen Plan, wie man sich des ausgemusterten Beton- und Stahlkolosses entledigen will, doch fest steht: Es wird ein äußerst aufwendiges Unterfangen. Wie die Demontagen anderer Kernkraftwerke, die gerade im Gange oder bereits abgeschlossen sind. Ex-Atommeiler wie Niederaichbach, Gundremmingen A, Stade zeigen: Eine Verschrottung kann Jahrzehnte dauern. Sie verschlingt hohe Millionenbeträge und hinterlässt einen Berg von nuklearem Abfall.

Zwei Möglichkeiten

Prinzipiell gibt es zwei Möglichkeiten, ein Kernkraftwerk zu beseitigen: den "gesicherten Einschluss" oder den "direkten Rückbau". Im ersten Fall wird die Anlage 30 oder 40 Jahre lang versiegelt, bis die Strahlung abgeklungen ist. Dann kann sie großteils wie ein normales Gebäude abgerissen werden. In aller Regel jedoch wählen die Stromkonzerne die Variante ohne lange Wartezeiten. Denn das hat deutliche Vorteile. Das gesamte Know-how des Betriebspersonals ist noch vorhanden, auch Systeme wie Lüftung und Kräne funktionieren noch. Außerdem steht die Infrastruktur des Standortes zur Verfügung, etwa Werkstätten und Wachpersonal. Der Nachteil beim flotten Abriss: Es muss unter starker Strahlung gearbeitet werden.

Zunächst kommen dabei die hoch radioaktiven Uranbrennstäbe aus dem Reaktor in ein mit Wasser geflutetes Becken im Gebäude. Dort klingt ihre Aktivität über mehrere Jahre ab. Dann werden sie in Castor-Behälter verfrachtet und für weitere Jahre in einer Halle des Betriebes aufbewahrt. Das aus dem Kraftwerksbetrieb stammende radioaktive Wasser dampft man ein, sodass die Rückstände wie anderer fester Strahlenmüll behandelt werden können.

Reise zum Mittelpunkt des Reaktorkerns

Nach der Umlagerung der Brennstäbe verläuft der Abriss der Anlage in mehreren Phasen von außen nach innen - eine Reise zum Mittelpunkt des Reaktorkerns. "Für jeden Schritt ist eine Genehmigung der zuständigen Atomaufsichtsbehörde nötig", sagt Ulrich Schröder, Sprecher der Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) in Karlsruhe. "Darin wird genauestens geregelt, wie zu verfahren ist."

Der Konzern, der sich nun um den Rückbau von Neckarwestheim kümmern muss, hat bereits Erfahrung mit einer anderen Nuklearruine: dem Kernkraftwerk Obrigheim. Der Reaktor am linken Neckarufer ging 2005 im Zuge des Atomausstiegs vom Netz. Stand der Abrissbemühungen heute, sechs Jahre danach: Gerade mal das Maschinenhaus ist ausgeweidet. Jetzt wartet man auf die Genehmigung für die nächsten Rückbauschritte, die "heiße Phase", mit der Demontage der kontaminierten und aktivierten Komponenten. "Wir gehen davon aus, dass die komplette Anlage bis 2018, spätestens aber 2020 verschwunden ist", sagt Schröder. 15 Jahre nach ihrer Abschaltung. Der Bau des Reaktors hat lediglich drei Jahre gedauert.

Längst gibt es Teams von Rückbauspezialisten im Lande, Kraftwerksbestatter. Geschult durch die Projekte der Vergangenheit, ersinnen und entwickeln sie immer bessere Techniken, um die Probleme beim Abwracken eines Atomfossils zu meistern. Mithilfe dreidimensionaler Computermodelle der Anlage können sie ihre Arbeiten schon im Vorfeld simulieren. Fernsteuerbare Bagger und Roboterarme unterstützen sie beim Herauslösen der strahlenden Teile. Sie nutzen Hightech-Wasserstrahlschneider und energiestarke Lichtbögen, um selbst dicksten Edelstahl in Häppchen zu zerteilen. Abschirmwände aus dickem Beton und hermetisch abgeschlossene Zerlegekabinen sind dabei ein Muss. Schutzanzüge sowieso, meist sogar auch Atemmasken.

Jede Schraube wird auf Strahlung untersucht

Strahlenschutzbeauftragte wachen darüber, dass die Auflagen der Behörde und die Vorgaben der Strahlenschutzverordnung eingehalten werden. Und darauf, dass die Dosimeter an der Kleidung der Arbeiter nicht zu viel anzeigen. Maximal 20 Millisievert pro Jahr sind für jeden aus der Rückbaumannschaft erlaubt, diese Dosis gilt als medizinisch noch unbedenklich. Sollte jemand den Grenzwert erreichen, muss er pausieren.

Alles wird beim Abriss auf Radioaktivität gecheckt, jede einzelne Schraube. Aber nicht alles, was kontaminiert ist, muss komplett entsorgt werden. Das große Ziel heißt: Minimierung des Gefahrenguts. So reicht es bei den vielen Teilen, die nur oberflächlich verseucht sind, die äußeren Schichten zu entfernen - zum Beispiel durch Fräsen. Stahl- und Betonkomponenten werden so lange behandelt, bis sie kaum noch Strahlung aussenden. Dann können sie "freigemessen" werden. Das heißt: Sie kommen nach einer letzten Prüfung als ganz normaler Schrott in den öffentlichen Handel - und können etwa im Straßenbau oder zu Kochtöpfen verarbeitet werden.

So wird das meiste Material aus dem Inneren des Meilers ins Alltagsleben entlassen. "Lediglich etwa ein Prozent der gesamten Materie des Kraftwerks bleibt als radioaktiver Abfall übrig", sagt Schröder, "bei Obrigheim sind das von den ursprünglich 275.000 Tonnen nur noch 2300 Tonnen." Dieser "endzulagernde" Schrott wird in Spezialbehälter gefüllt und kommt zunächst in ein Zwischenlager auf dem Gelände oder in eines bei anderen kerntechnischen Betrieben. Dabei gibt es neben dem kalten Abfall aus der Dekontamination auch jenen wärmeentwickelnden von Teilen, die durch intensiven Neutronenbeschuss radioaktiv geworden sind - etwa vom Reaktordruckgefäß.

Rückbau verschlingt Unsummen

Die Kosten für die Verwandlung einer Atomanlage in eine grüne Wiese sind enorm. "Im Fall Obrigheim ist es für den Rückbau ein mittlerer dreistelliger Millionenbetrag", sagt Schröder. In dieser Höhe liegen auch die Preise für die Verschrottung vieler anderer Kernkraftwerke in Deutschland - und damit bei einem Vielfachen der Bausumme. Der Rückbau von fünf Reaktorblöcken in Greifswald verschlang bisher sogar schon mehrere Milliarden Euro.

Während bei früheren Demontagen oft die öffentliche Hand die Finanzierung übernahm, müssen jetzt die Betreiber selbst zahlen - aus steuerfreien Rückstellungen, die aus dem Strompreis und damit vom Kunden stammen. So hatte etwa der Energiekonzern Eon für seinen Kernkraftwerkspark vor zwei Jahren insgesamt 12,2 Milliarden Euro Rückstellungen gebildet, RWE 9,5 Milliarden Euro und EnBW 4,7 Milliarden Euro. Wenn das jedoch bei einer politisch erzwungenen Stilllegung nicht reichen sollte, muss auch hier wohl wieder der Steuerzahler einspringen.

"Es ist zwar extrem teuer, eine Atomanlage sicher abzuwracken, aber wir kommen ja nicht drum herum", sagt Mathias Steinhoff, Sachverständiger für den Rückbau von Kernkraftwerken beim Öko-Institut in Darmstadt. "Und es ist besser, es jetzt zu tun als später." Allerdings wisse heute noch immer keiner, wo die hoch radioaktiven Reste nach ihrer Zwischenlagerung dauerhaft bleiben sollen. Ein Endlager für den wärmeentwickelnden Atommüll nämlich gibt es bisher nirgendwo. "Solange man das nicht gefunden hat, wird dies Problem nicht aus der Welt geschafft", sagt Steinhoff, "sondern der nächsten Generation aufgebürdet."

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