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Flaute auf hoher See

Windenergie ist eine der Branchen mit dem weltweit dynamischsten Wachstum. Ihre Zukunft liegt vor allem auf See. Denn in Offshore-Windparks lässt sich viel Energie gewinnen. Zwar sind deutsche Anlagenbauer weltweit führend, doch im eigenen Land herrscht noch immer Flaute.

Bisher gibt es keinen einzigen Windpark vor deutschen Küsten. Das soll sich aber noch in diesem Jahr ändern. Europaweit waren im Jahr 2007 Offshore-Windparks mit einer Leistungskapazität von insgesamt 1.012 Megawatt (MW) in Betrieb, wie eine Marktstudie der KPMG im Auftrag des Wirtschaftsverbands Windenergie (WVW) zeigt. An der Spitze liegen demnach Dänemark, Großbritannien, die Niederlande und Schweden, Deutschland liegt ganz am Ende.

Entgegen früherer Prognosen der Bundesregierung drehen sich hierzulande erst zwei Testräder - eines im Rostocker Hafen und eines rund 100 Meter vor Emden. Die aktuelle Zielsetzung sieht nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur (dena) vor, bis 2011 rund 1.500 MW Offshore-Leistung zu erzielen.

Zwölf Windräder bis zum Herbst

Bis 2030 sollen zirka 15 Prozent des heutigen Stromverbrauchs aus Anlagen auf See stammen. "Die Windverhältnisse auf See sind wesentlich günstiger als an Land", sagt der Projektleiter Regenerative Energien der dena, Albrecht Tiedemann. Die erwartete Volllast sei mit 4.000 bis 4.500 Stunden pro Jahr zwei- bis drei Mal so groß wie bei herkömmlichen Anlagen. Der erste deutsche Offshore-Windpark, das 45 Kilometer vor Borkum gelegene Testfeld "Alpha Ventus", soll im Sommer 2009 in Betrieb gehen.

Schon in diesem Herbst sollen sich die ersten der insgesamt zwölf Windräder drehen. Für dieses Projekt schlossen sich die sonst konkurrierenden Anlagenbauer Repower und Multibrid mit den Energiekonzernen Vattenfall und E.ON sowie dem norddeutschen Versorger EWE zur Stiftung Offshore Windenergie zusammen. "Ich erwarte, dass neben den großen Energiekonzernen weitere unabhängige Investoren auf die Offshore-Windenergie in Deutschland setzen werden", sagte der parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller, Mitte Januar anlässlich der Präsentation des Windparks "Borkum West II", der von kommunalen Versorgungsunternehmen umgesetzt wird.

Bau nur weit vor der Küste möglich

Das erste gewerbliche Großprojekt mit 80 Windrädern soll 2010 in Betrieb gehen und rund 1,2 Milliarden Kilowattstunden Strom pro Jahr liefern. Dies würde den Bedarf von mehr als 300.000 Haushalten decken. Als Grund dafür, dass die Investitionen bisher fast ausschließlich ins Ausland geflossen sind, nennt der WVW die günstigeren ökonomischen Rahmenbedingungen. Bau und Instandhaltung seien in deutschen Gewässern viel teurer, sagt Sprecher Rainer Heinsohn. Denn hierzulande dürfe erst jenseits der als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Wattenmeere und der Seeschiffahrtsstraßen 35 bis 50 Kilometer vor der Küste und damit in einer Wassertiefe von 25 bis 30 Metern gebaut werden. In anderen Ländern sei dies küstennah möglich.

Erschwerend hinzu kommen laut WVW die niedrigen Einspeisevergütungen: In Großbritannien beispielsweise liege die Vergütung bei 15 bis 16 Cent pro Kilowattstunde. Bei den ohnehin niedrigeren Projektkosten bringe das eine Rendite von 14 bis 16 Prozent. "In Deutschland beträgt die Vergütung 9,6 Cent, und die Rendite liegt bei null Prozent", sagt Heinsohn. Erst mit einer Erhöhung auf 14 Cent bestehe die Chance, im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.

"Deutschland ist schon viel zu spät dran, und das liegt ausnahmsweise nicht an langwierigen Genehmigungsprozessen." Das für die Zulassung von Windenergieanlagen innerhalb der ausschließlichen Wirtschaftszone zuständige Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) genehmigte bisher in der Nordsee 17 Parks mit insgesamt 1.177 Anlagen und in der Ostsee drei Parks mit insgesamt 240 Anlagen.

Mangel an Anlagen

Darüber hinaus gibt es in der Ostsee noch zwei weitere Offshore-Parks in der Zwölf-Seemeilen-Zone. Derzeit liegen dem BSH Anträge für mehr als 30 weitere Offshore-Windparks mit jeweils rund 80 Anlagen vor. Die Offshore-Stiftung gibt sich optimistisch: "Wir haben noch keinesfalls den Anschluss verloren", sagt der Vorstandsvorsitzende Jörg Kuhbier. Der Boom stehe weltweit erst noch bevor: "Der ganze Maschinenpark läuft heiß." Es herrsche sogar ein Mangel an Kabeln und Schiffen, die Auftragsbücher der Anlagenbauer seien voll.

Tatsächlich sind viele Hersteller derzeit mit Onshore-Aufträgen ausgelastet, andere scheuen noch das Risiko mit dem Offshore-Geschäft. Auch für den deutschen Markt sieht die dena gute Chancen: "In den vergangenen Jahren sind die Rahmenbedingungen von der Bundesregierung drastisch verbessert worden", sagt Tiedemann unter anderem im Hinblick auf das Erneuerbare Energien Gesetz, dessen Novelle Anfang 2009 in Kraft treten soll. Ein Entwurf sieht vor, Windkraftstrom aus allen Anlagen, die bis Ende 2013 ans Netz gehen, mit 14 Cent je KWh zu vergüten, für Strom aus später errichteten Anlagen soll es zwölf Cent geben.

Simone Utler/AP/AP

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