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28. September 2007, 13:27 Uhr

"Ich bin dann mal da!"

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Wolfgang Clement, SPD, holte Miriam Meckel 2001 als Staatssekretärin und Regierungssprecherin. Der stern traf Miriam Meckel am Tiefen See in Potsdam© Heinrich Voelkel

Sie nennen diesen Effekt die "unterbrochene Gesellschaft"

Genau. Im Durchschnitt kann sich ein Büromensch zweieinhalb Minuten auf eine Sache konzentrieren, bevor er von außen unterbrochen wird, durch einen Anruf, von einem Kollegen, durch eine E-Mail. Wir leben inzwischen so stark in dieser Unterbrechungs-Unkultur, dass die Arbeit nicht mehr durch Mails unterbrochen wird, sondern das Mailen durch die Arbeit. Wir können uns gar nicht mehr richtig konzentrieren. Ich kenne das von mir selbst gut. Ich hänge vor einem Text, komme nicht weiter, dann gucke ich in mein Postfach oder surfe komplett planlos eine Stunde im Internet rum, vollkommen unproduktiv. Ich habe das Gefühl, ich hätte etwas gemacht, aber faktisch ist der Text immer noch keine Zeile weitergekommen.

Das ist aber ein Widerspruch: Sie sind Medienwissenschaftlerin und bilden Studenten zur Kommunikation aus, andererseits raten Sie zur Abstinenz vom Kommunizieren.

Überhaupt nicht. Ich würde mein Handy nur ungern hergeben. Es geht darum, Zeiten zu schaffen, in denen Pause ist. Wenn Sie sich wirklich konzentrieren wollen, etwa um ein Buch zu lesen, dann darf es nicht sein, dass es ständig bimmelt und immer jemand etwas will. Dann muss man sich technisch abkoppeln und unerreichbar sein. Ich nenne das ein „existenzielles Funkloch“. Wie eine ausgewogene Ernährung brauchen wir auch einen guten Informations- und Kommunikationsmix.

Wie kommt man raus aus der Erreichbarkeitsfalle?

Ausmachen. Es klingt total einfach, ist aber extrem schwer für die meisten Menschen, die diese Geräte benutzen. Wir brauchen Zeiten der technischen Unerreichbarkeit, um uns auf eine bestimmte Aufgabe oder einen Menschen wirklich zu konzentrieren und uns zuzuwenden - nach dem Motto: Ich bin dann mal da! Voll da nämlich, nur für die eine Sache, die eine Person.

Wie lernt man das?

Das kann man lernen mithilfe bestimmter Regeln, die einen unterstützen. Ich reagiere zum Beispiel aus Prinzip nicht auf E-Mails, die mit der höchsten Dringlichkeitsstufe kommen. Ich hatte mal 270 solcher Mails aufbewahrt. Nach vier Wochen hat bei einer einzigen jemand nachgefragt. Beim Mailprogramm hilft es, die Geräusche und Fenster abzuschalten, die bei jeder neuen EMail ausgelöst werden. Sonst reagiert man darauf ganz automatisch - und schon gibt’s wieder eine Unterbrechung. Ein Trick, um die eigene Kommunikation zu entschleunigen, ist, ganz bewusst eine vernünftige Sprache zu benutzen, auf Grammatik und korrekte Rechtschreibung zu achten und eine ordentliche Anrede und Grußformel zu verwenden. Wenn man sich die Zeit für die Formulierung nimmt, dann gewinnt auch der Inhalt. Und in Konferenzen oder Diskussionen gehört das Handy ausgeschaltet, das muss eine Frage der Umgangsformen werden. Wenn in meiner Vorlesung das Handy eines Studenten klingelt - das macht mich rasend.

Sie bringen im Buch das schöne Beispiel, dass es früher praktisch tabu war, während der "Tagesschau" bei anderen Menschen anzurufen.

Genau solche Regeln müssen wir auch für die moderne Kommunikation entwickeln. Helmut Schmidt hat damals während der Ölpreiskrise den autofreien Sonntag verordnet. Viele meiner Kollegen meinen, man sollte einen E-Mail-freien Tag haben.

Wie schnell reagieren Sie auf eine E-Mail?

Früher habe ich meist innerhalb von zwei Stunden geantwortet. Jetzt nehme ich mir 48.

Zwei Tage? Das ist sehr lange. Da hätten wir schon alle Hoffnung auf Antwort aufgegeben.

Diese Einstellung sollten Sie überdenken. Meinen Sie wirklich, dass das Thema der Mail dann weg ist?

Gab es denn Beschwerden von denen, die eine Mail geschickt haben?

Nicht eine. Natürlich gibt es auch Nachrichten, die ich schnell beantworte. Aber für den Großteil plane ich alle zwei Tage gezielt drei Stunden ein, um sie zu beantworten. In der Zeit mache ich dann aber auch nichts anderes. Und man kann ja auch erst mal nur kurz schreiben: "Danke, melde mich übermorgen." Es hat ja auch viel mehr Qualität, wenn ich mich mit einer Mail wirklich in Ruhe auseinandersetze, bevor ich antworte.

Und das alles machen Sie jetzt, nachdem Sie das Buch geschrieben haben?

Ich halte die Regeln, die ich aufstelle, tatsächlich ein. Natürlich mit Ausnahmen, klar. Und ich habe eine ganz andere Wahrnehmung von der Pause gewonnen. Die Pause ist nicht Faulheit, sondern ein ganz kreativer, konstruktiver Moment, der mich regeneriert, mir neue Ideen gibt und mich auch glücklich macht. Das ist eine Erfahrung, die ich beim Schreiben gemacht habe - und das ist sehr schön.

Interview: Thomas Borchert, Dirk Liedtke

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2007

Seite 1: "Ich bin dann mal da!"
Seite 2: Sie nennen diesen Effekt die "unterbrochene Gesellschaft"
 
 
 
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