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13. April 2009, 18:00 Uhr

Die Handy-Evolution

Gerade mit Kollegen in den USA ein Video-Konferenzgespräch gehabt, um eine Präsentation gemeinsam fertig zu stellen. Alle dafür notwendigen Daten sind auf einem virtuellen Server gespeichert, aufgerufen werden können diese nur mit registrierten Handys. Habe Pause und nutze die, um laufen zu gehen. Dafür stelle ich mein Handy auf Stand-by und lasse es in der Dockingstation. Kein Problem, denn der Zugang zu den Daten ist per Fingerabdruck-Sensor gesichert, der im Touchscreen integriert ist. Meine Pulsuhr wird mich schon informieren, wenn mich jemand erreichen will.

Die ersten Mobiltelefone mit einem integriertem Fingerabdruckscanner sind bereits im Handel. Doch noch ist diese Technologie nicht ausgereift und kann getrost als Experiment betrachtet werden. Außerdem sind die Unternehmen derzeit dabei, weitere Geräte wie Uhren oder Headsets mit einer kompletten Handyfunktionialität auszustatten. Auch gibt es erste Konzepte von Mobiltelefonen, die ein abnehmbares Mini-Handy an Bord haben.

Der Welt-Speicher

In San Francisco stellte Sandisk kürzlich neue Speicherkonzepte vor. Derzeit fassen die winzigen Micro-Speicherkarten für Handy und Digicam bis zu 16 Gigabyte Daten - soviel wie die aktuellen iPhone-Modelle. Platz genug für ganze Musiksammlungen oder komplette Staffeln der Lieblings-Fernsehserien. Doch damit nicht genug, bereits im kommenden Jahr sollen bis zu 32 Gigabyte auf den Speicherzwerg passen und in naher Zukunft sind bis zu zwei Terabyte, also 2000 Gigabyte, möglich. An Platz für digitale Daten mangelt es den Handynutzern also nicht. Und wenn das Fassungsvermögen so groß ist, wechselt man die Karte auch nicht ständig aus. Künftig sollen die Karten also mehr können, als nur Daten speichern. Sie dienen dann zusätzlich als Server oder als Wlan-Einheit. Oder sie machen das Handybetriebssystem überflüssig. Mit künftigen Speicherkarten könnten Mobilfunkbetreiber eigene Inhalte installieren, die für Nutzer erst dann erreichbar sind, wenn diese per Code oder per Fernwartung freigeschaltet werden. Dabei kann es sich um Software, Musik oder Filme handeln, die so nicht mehr extra über das Handynetz heruntergeladen werden müssen. Auch wird der Handywechsel mit diesen Karten so einfach wie der Wechsel der Unterwäsche. Der Nutzer hat zudem den Vorteil, dass individuelle Einstellungen und bereits herunter geladene Programme auch mit dem neuen Gerät, egal welchen Herstellers, auf vertraute Weise funktionieren.

Die Tage werden länger, mehr Zeit also, das Handy aufzuladen. Die gesamte Oberfläche des Geräts kann Tageslicht in Energie umwandeln. Und falls nicht, kann ich das Gerät in meiner Wohnung kabellos mit Strom versorgen. Da fällt mir ein: Ich muss noch schnell ein neues Gerät aus dem Automaten ziehen, denn ich wollte eines verschenken.

Ökosystem

Die grüne Welle hat auch die Mobiltelefone erreicht, die ersten Geräte mit dem Öko-Touch sind bereits im Handel. Samsung hat auf dem Mobile World Congress in Barcelona ein Solar-Handy vorgestellt. Nokia arbeitet in London im eigenen Designstudio an Ladekabeln, die keinen Strom verbrauchen, wenn man sie in der Steckdose vergisst, und an Handys, die fast komplett aus receycelten Materialen produziert werden. Zudem wird der Stromverbrauch der Geräte deutlich reduziert, da die Geräte künftig über Displays verfügen, die Energie effizienter nutzen können. Als Vorbild dienen die Displays von E-Books, die trotz kristallklarer Darstellung der Inhalte kaum Strom verbrauchen. Allerdings werden die neuen Handyfähigkeiten für mehr drahtlosen Datenverkehr sorgen - und damit für mehr Elektrosmog. Wer ständig auf seine per Cloud Computing ausgelagerten Daten zugreifen will, muss auch ständig mit dem Internet verbunden bleiben. "Always on" sorgt also auch für eine strahlende Zukunft.

Noch schnell aufs Fahrrand, um ein paar Kilometer zu fahren. Das Handy klemme ich an den Lenker, es dient mir als Navigationsgerät und projiziert die Route mit Richtungspfeilen auf das Stück Straße vor mir. Zuhause kann ich meine heutigen Ergebnisse mit denen der vergangenen Tagen vergleichen. Mein Trainer ist mit dem Resultat nicht so zufrieden und meldet sich per Videobotschaft. Nun habe ich Hunger. Auf meinem Handy-Display sehe ich, was noch in meinem Kühlschrank ist - und bekomme automatisch ein paar Rezeptvorschläge. Meine Nichte hat sich übrigens sehr über ihr erstes Mobiltelefon gefreut. Von außen sieht es aus wie meines, allerdings habe ich eine Software für Kinder aktiviert, die nur spezielle und ihrem Alter entsprechende Software und Services enthält.

Per Software lässt sich bereits jetzt schon das Handy zum Fitnesstrainer umwandeln. So zeichnet das Handy in Verbindung mit dem GPS-Chip die Laufstrecke auf oder dient als Anleitung für Yoga-Übungen. Und wer auf seine Ernährung achten will oder muss, kann per integrierten Barcodescanner die Inhaltsstoffe seiner Lebensmitteln anzeigen lassen.

Die globale Flatrate

Mobilfunkprovider werden künftig hauptsächlich Flatrates anbieten, also Datennutzung und Telefonieren so viel man will. Mit reinen Telefonaten und dem Versand von Kurznachrichten ist nicht mehr viel zu verdienen. Schon jetzt verdrängen immer häufiger kostenlose Twitter-Nachrichten die SMS und Skype-Telefonate die viel teureren Gespräche übers Handy-Netz. Mobiltelefone werden zudem immer häufiger den Festnetzanschluss verdrängen. Auch wird Wlan, zumindest in Großstädten, fast flächendeckend zur Verfügung stehen. So werden Nutzer überall kostenlos ins Internet kommen, müssen aber dafür verstärkt Werbung auf ihren Endgeräten in Kauf nehmen. Das Handy wird zur Schaltzentrale des digitalen Lebens und verbindet sich mit der Einrichtung. Ob Einkauf, Geldtransaktion oder Eintrittskarte, das Mobiltelefon wird so wichtig wie ein Personalausweis, kann diesen möglicherweise sogar ersetzen. Das bedeutet aber auch, dass der Datenschutz immer wichtiger wird und Persönliches möglicherweise noch schneller in unbefugte Hände gelangt. Auch werden Mobiltelefone zum bevorzugten Ziel von Hackern, denn die Geräte sind, im Gegensatz zu Privatrechnern, wirklich ständig im Betrieb.

Endlich im Bett, ich schau mir zum Einschlafen noch schnell die Late-Night-Show an, die mein Handy an die Zimmerdecke projiziert. Sobald ich einschlafe, wird das vom Handy registriert, wodurch das Gerät automatisch die Übertragung beendet. Gute Nacht.

Von Gerd Blank
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KOMMENTARE (10 von 10)
 
RolfZinner (14.04.2009, 14:44 Uhr)
Leben mit den digitalen Alleskönnern
Es ist gar nicht so schwer, auchmit der Technik zu leben. Sie informiert und unterhält in der Freizeit und im Business. Wer lieber nur telefonieren will, der soll das doch tun, aber wer Spaß am Umgang mit den Medien hat, für den ist das iPhone mit seinen Klonen perfekt. Inzwischen gibt es auch (ausser den Spielen) tolle Anwendungen, um diese Geräte beruflich vernünftig ein zu setzen. Und was das Wichtigste ist, sie sind smart.
rinaldi (14.04.2009, 12:34 Uhr)
Apropos: Embryos
Schon die Bezeichnungen der Geräte sind verräterisch:
"Händie", "Navie" ...
Klingen wie Kitschwörter, mit denen unreife Erwachsene ihre armen kleinen Kinder -"Bäbies" - traktieren.
Fehlen bloß noch "Promis" wie "Schumi" u.a.
Lasst uns alle auf das Niveau der US-Amerikaner sinken, dann sind alle immer wunschlos glücklich.
rinaldi (14.04.2009, 12:21 Uhr)
Kann man wirklich so naiv sein?
Jede Fertigkeit, die man nicht übt, verkümmert.
Also: die Intensiv-Benutzer von "Navi", "Handy" ... sind schon jetzt graduell verblödet und werden immer mehr verblöden. Und sie werden immer abhängiger. Wie Embryos an der Nabelschnur.
Aber das ist ja wohl auch gewollt !!!
der-fisch (14.04.2009, 10:06 Uhr)
@zappuser
du geiler typ. trägst bestimmt n fell um die schultern und sammelst kastanien !
fällt dir was auf ? ich wette, sobald du ein iphone hast, kannst du es nicht mehr loslassen.
ich finde die technologie spitze. ob man sich davon abhängig machen will, muss halt jeder selber wissen. aber die technik ist atemberaubend ..., ausserdem kann man ganz prima selber entscheiden wie weit man diese technik für sich selber nutzt. ich kann trotzdem am feuer sitzen und gitarre spielen.
oh, ich hab einen beischlaftermin, tschöö
zappuser (14.04.2009, 09:15 Uhr)
Nicht mit mir,
Handy nur zum telefonieren, sonst nix. Ich lasse mich nicht derart von der Technik vereinnahmen.
confused (14.04.2009, 09:11 Uhr)
schöne aussichten
für die Mobilfunkbetreiber, denn eines hat der liebe Hr. Hightechschreiberling in dem Artikel vergessen. Das was er beschreibt zählt zu den Hochwertigen Endgeräten die Preis sogar mit TEUREM VERTRAG im obersten Preissegment angesiedelt sind, will heissen Geräte die sich "Otto Normalverbraucher" nicht zulegen wird zu züglich Vertragsmodell in der obersten Klasse. Jetzt mag es Unkenrufe geben von wegen, die Geräte werden irgendwann billiger, NEIN denn die sogenannten Alleskönner (nach heutigem Stand der Technik) sprich MDA oder PDA gibt es schon seit Jahren auf dem Markt und diese Geräte sind noch immer in einer Preisklasse angesiedelt wo man dann z.b. lieber einen schönen Wochenendausflug inkl. Übernachtung von macht mit zwei Personen. Daher diese Zukunftsvisionen der Anbieter werden Zukunftsvisionen bleiben ausser vielleicht für die mit Dicker Brieftasche in den oberen Etagen. Otto Normalverbraucher wird weiterhin Sex haben, und weiterhin sein Leben leben und sich Frau/Freundin selbst aussuchen *g*
arniston (14.04.2009, 00:31 Uhr)
von den leihen
wie soll ne frau den da schwanger werden,
kein wunder nix wird gebohren..
vegefranz (13.04.2009, 22:35 Uhr)
nur Dienstboten müssen immer erreichbar sein
ich habe seit 2 Jahren kein Handy mehr. Klappt trotzdem alles prima
EliasmachtMusik (13.04.2009, 19:14 Uhr)
Hilfe
Das ist ja schrecklich!
Dann ist das Ding ja nicht nur Begleiter, sondern man wird ja regelrecht existenziell abängig davon. Wenn man heute das Handy liegen lässt, ist es oft schon doof, aber machbar und verpasste Anrufe kann man zurückrufen später. Mit einem wie hier beschriebenem Gerät steht man irgendwann vor seiner Wohnung und kommt nicht mehr rein, weil das Handy drinnen liegt und es mich nur per Fingerabdruck rein lässt. Ohne diesen bin ich doch für mein Handy dann ein wilder Einbrecher, es ruft automatisch die Polizei und ich werde von meinem eigenen Handy automatisch verknackt und bleibe auf ewig dadrinnen, weil ich meinen Fingerabdruck nicht aufs Handy ditschen kann.
Und auch ohne worst case Szenario: Nachdem mir mein Handy wie im Artikel endlich das Schlafen erlaubt hat, bestimmt es mir dann auch, dass ich mittwochs um 3:43Uhr endlich mal wieder mit meinem Partner Sex haben sollte, weil sonst, laut Handy-Trainer und integriertem Yogaberater, die Gefahr lauert, dass des Partners Handy ihm berechnet, dass ich auf Dauer nicht gut für ihn bin???
Ahhhh,
ein irrer Wahnsinn.
Da mach ich lieber Lagerfeuer am Strand und schalt mein Handy mal in Ruhe ab!
Danke und Prost,
Arno
Laberschlumpf (10.04.2009, 22:30 Uhr)
klasse artikel
sehr realistisches szenario und schön geschrieben.
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