. .
News am 21.11.2009
RSS Mobil Wetter stern.de Blogs Hefte
29. März 2006, 15:42 Uhr
Schriftgröße: A A A

Heftige Diskussionen um Handy-Nutzungsverbot

Nutzloser Aktionismus oder wichtiger Beitrag zum Jugendschutz? Bayerns Schüler dürfen an den Schulen ihre Handys nicht mehr benutzen - und Experten streiten sich über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme.

Während des Unterrichts ist Telefonieren sowieso nicht gestattet. Aber was ist mit den Pausen?© Marcus Führer/DPA

Das von der Staatsregierung erlassene Nutzungsverbot von Handys an Bayerns Schulen hat eine heftige Debatte ausgelöst. Lehrerverbände, Psychologen, Pädagogen und Politiker äußerten sich unterschiedlich zu der Notwendigkeit und Umsetzung der neuen Vorschrift. Der Bayerische Philologenverband prophezeite eine "Wirkungslosigkeit" der Regelung. "Das wird endlose Diskussionen provozieren, die uns nur vom Kerngeschäft des Unterrichts abhalten", sagte Max Schmidt, der Vorsitzende des Verbands.

"Völlig daneben"

Der SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget kritisierte, es sei bezeichnend für eine gewisse Hilflosigkeit, wenn die CSU- Staatsregierung auf gesellschaftliche Herausforderungen immer gleich mit Verboten reagiere. Das Handyverbot auch in den Pausen sei "Schwachsinn" und "völlig daneben". "Warum soll sich mein Sohn nicht in der Pause mit seinem Freund verabreden dürfen? Oder warum soll ein jüngerer Schüler seinen Eltern nicht per SMS mitteilen, dass die letzte Stunde ausfällt?" Maget fügte hinzu: "Bloß weil zwei oder drei Pornos auf Schüler-Handys gefunden worden sind. Früher hat man halt ein Heftl mitgebracht."

"Handy-Kultur gerät außer Kontrolle"

Unterstützung der Initiative der Staatsregierung kam von Experten. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Franz Josef Freisleder sagte der DPA, "die Entscheidung der Staatsregierung war vielleicht überemotional, aber notwendig." Angesichts der bekannt gewordenen Fälle von Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys sei es wichtig gewesen, "die Handbremse zu ziehen". Die Handy-Subkultur unter Heranwachsenden drohe außer Kontrolle zu geraten.

"Die Jugendlichen müssen merken, so kann es nicht weiter gehen", sagte Freisleder. Lehrer, Eltern und Schüler müssten die Problematik zum Gesprächsthema machen. "Verbote allein helfen nicht, Eltern müssen mit ihren Kindern darüber reden", sagte Freisleder. Es sei höchste Zeit, gegen Gewalt- und Pornodarstellungen auf Schüler-Handys einzugreifen. Harte Pornodarstellungen könnten bei Jugendlichen Angstpotenziale freisetzen und eine Entwicklung zum "normalen Sex" erheblich behindern.

"Gegen seelische Verrohung"

Als Maßnahme gegen eine "zunehmende seelische Verrohung" unter Schülern hat der Leiter der Schulberatung in München, Rudolf Hänsel, im DPA-Gespräch das Handyverbot verteidigt. "Die Schule darf kein rechtsfreier Raum sein und muss geltende Rechtsnormen durchsetzen." Den Vorwurf der Lehrerverbände, ein Verbot verlagere das Problem aus der Schule, wies Hänsel zurück. Das sei wie mit Drogen, die seien in der Schule auch verboten. "Weil es außerhalb der Schulen Drogen gibt, können wir doch Drogen in der Schule nicht tolerieren." Handys seien inzwischen in der Schule zur Hauptquelle der Ablenkung geworden, wodurch die Schüler am Lernen gehindert würden.

"Simple Rezepte"

Aus pädagogischer Sicht ist die Maßnahme dagegen fragwürdig. "Ein Verbot ist das simpelste Rezept, das leicht umgangen werden kann", sagte Ekkehard Sander, Wissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München und Experte für Medien bei Heranwachsenden der DPA. Gewalt- und Pornovideos auf Schüler-Handys seien ein Jugendschutzproblem. Deshalb sei statt Verboten eine "pädagogische Reaktion" notwendig. Ein Handyverbot an Schulen mache wenig Sinn. "Das ist wie bei Tabak und Alkohol. Die sind auch in der Schule verboten, ohne dass damit die Problematik behoben wird."

Nach neuen Untersuchungen sei die Hauptnutzung von Handys in Schülerhänden das Verschicken von SMS-Nachrichten und das Herunterladen von Klingeltönen. Einzelfälle, bei denen Gewalt- und Pornovideos gefunden wurden, dürften nicht dramatisiert werden. Wichtig sei das Vorgehen gegen die Hersteller von Gewalt- und Pornoseiten im Internet, die auch Jugendlichen zugänglich seien.

DPA
KOMMENTARE (8 von 8)
 
CarstenP (30.03.2006, 14:49 Uhr)
Hey slap882
Ich denke die möglichen Sanktionen sind einfach nicht abschreckend genug. Man muss neue Wege gehen. Verbot muss wieder VERBOT bedeuten und sich nicht wie alle anderen Grundsätze und Werte in diesem Land zu tode diskutieren lassen. Spätestens wenn der erste coole Typ "Hose auf halb acht, Baseballkappe falsch herum, NBA-Shirt, Goldkettchen" sein gerade neu gekauften HANDY abgenommen bekommt und es erst dann wieder bekommt, wenn er seinen Schnitt bedeutend verbessert hat, wird man umdenken müssen. Diese Kuschelei mit Leuten die eh keinen Bock auf das alles hier haben, nervt zusehends. Rigoros durchgreifen, auch wenn das den lieben 68ern wieder mal nicht passt.
Just my 2 cents
slap882 (30.03.2006, 10:38 Uhr)
Als ob die Kinder sich darum scheren würden
Hallo,
nicht umsonst wartet die bayrische Regierung noch immer auf die göttlichen Eingebungen. Was für ein ausgemachter Blödsinn anzunehmen dass die kids sich auch nur ansatzweise an ein solches Verbot halten würden. Statt lauter Klingeltöne gibts dann halt tagsüber Vibrationsalarm und Ohrstöpsel. Bei 1 Lehrer auf n-hundert Schüler in der Pausenaufsicht ist die Gefahr erwischt zu werden verschwindend gering. Darüber hinaus sind ja auch die möglichen Sanktionen nicht wirklich dazu geeignet, ein solches Verbot durchzusetzen.
Viele Grüße
Sven Dirks
manniro (30.03.2006, 10:06 Uhr)
Aber Carsten!
"CarstenP (30.03.2006 09:14)
Handies waren früher nicht nötig, wozu heute?"
Der Weltmarkt, die Globalisierung, die Arbeitsplätze - haben Sie wirklich die neuen Universalargumente schon vergessen?
Die haben doch erst unlängst die ehemals beliebten "Das haben wir schon immer so gemacht. - Da könnt' ja jeder kommen. - Das wär' ja noch schöner!" abgelöst.
Mal ganz abgesehen von der "persönlichen Freiheit" und dem "neuen Denken", das sich zugegebenermaßen für viele vom "alten Schwachsinn" nur schwer unterscheiden lässt.
MfG
manniro
CarstenP (30.03.2006, 09:14 Uhr)
Handies waren früher nicht nötig, wozu heute ?
Alle haben eines, aber wer braucht es wirklich? Die Gesellschaft ist eh zu kurzsichtig und die Handies in den Händen von Schülern sind nur ein weiteres Beispiel dafür. Verbot geht in Ordnung, nur bitte nicht ewig darüber diskutieren, sondern einfach schnell verbieten!
CarstenP (30.03.2006, 09:11 Uhr)
Handies waren früher nicht nötig, wozu heute ?
Alle haben eines, aber wer braucht es wirklich? Die Gesellschaft ist eh zu kurzsichtig und die Handies in den Händen von Schülern sind nur ein weiteres Beispiel dafür. Verbot geht in Ordnung, nur bitte nicht ewig darüber diskutieren, sondern einfach schnell verbieten!
paularosi (30.03.2006, 09:05 Uhr)
Interhumanitäre Kommunikation
Ich finde es absolut akzeptabel, dass an Schulen Mobiltelefone verboten sind. Die Majorität unserer Kinder ist sowiso schon dabei vor nutzlosen Computerdialogen zu absoluten Individualisten zu verkommen die nicht mehr in der Lage sind einen verständlichen Dialog mit gleichaltrigen bzw. mit Erwachsenen zu führen. Das, was auf den Displays der Handys abläuft, kann nicht so wichtig sein, als dass es nicht zwei oder auch 3 Stunden warten könnte. Für wichtige Informationen gibt es ja schliesslich auch noch ein Sekreteriat an jeder Schule. Ausserdem sind meiner Meinung nach Pausen dazu da, sich miteinander auseinnander zu setzen, als seine volle Aufmerksamkeit einem Display zu schenken ! Ich wünsche mir mehr Kommunikation und weniger Handys an allen Deutschen Schulen !
MFG
Ullrich Genius
gemini56 (30.03.2006, 08:04 Uhr)
Warum soll es alle treffen?
Warum sollen wieder alle wegen ein paar wenigen bestraft werden. Die Schöpfer dieser Videos sowie deren Verbreiter sollten ermittelt und bestraft werden. Denen kann man dann auch das Handy gerne abnehmen, wenn sie es nicht vernünftig benützen können.
Der-Zauberer (29.03.2006, 19:50 Uhr)
Wo steht geschrieben...
dass Jugendliche ein Handy mit in die Schule nehmen dürfen. Soweit mir bekannt ist, soll in der Schule "gelernt" werden. Eltern, die hier nicht die Schule unterstützen, sollten sich darüber im klaren sein, dass damit die Gewalt und das Leck- mich-am-Arsch-Gefühl der Schüler verstärkt wird.
MEHR ZUM ARTIKEL
Bayern Handy-Nutzung in Schulen verboten

Bayrische Schüler dürfen ihre Mobiltelefone in die Schule mitbringen, benutzen dürfen sie nicht mehr. Mit dieser Entscheidung soll der Tausch von Pornos und Gewaltvideos per Handy unterbunden werden. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Partnerangebot DSL-Vergleich
DSL-Vergleich Sparen bei DSL-Flatrates

Sparen Sie bares Geld. Vergleichen Sie aktuelle Internetanbieter und erfahren Sie welche DSL-Flatrate wirklich zu Ihnen passt. mehr

 
Adobe Flash Player

 
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Günther Jauch
sternTV - Information und Unterhaltung mit Günther Jauch

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...