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29. März 2006, 15:42 Uhr

Heftige Diskussionen um Handy-Nutzungsverbot

Nutzloser Aktionismus oder wichtiger Beitrag zum Jugendschutz? Bayerns Schüler dürfen an den Schulen ihre Handys nicht mehr benutzen - und Experten streiten sich über Sinn und Unsinn dieser Maßnahme.

Während des Unterrichts ist Telefonieren sowieso nicht gestattet. Aber was ist mit den Pausen?© Marcus Führer/DPA

Das von der Staatsregierung erlassene Nutzungsverbot von Handys an Bayerns Schulen hat eine heftige Debatte ausgelöst. Lehrerverbände, Psychologen, Pädagogen und Politiker äußerten sich unterschiedlich zu der Notwendigkeit und Umsetzung der neuen Vorschrift. Der Bayerische Philologenverband prophezeite eine "Wirkungslosigkeit" der Regelung. "Das wird endlose Diskussionen provozieren, die uns nur vom Kerngeschäft des Unterrichts abhalten", sagte Max Schmidt, der Vorsitzende des Verbands.

"Völlig daneben"

Der SPD-Landtagsfraktionschef Franz Maget kritisierte, es sei bezeichnend für eine gewisse Hilflosigkeit, wenn die CSU- Staatsregierung auf gesellschaftliche Herausforderungen immer gleich mit Verboten reagiere. Das Handyverbot auch in den Pausen sei "Schwachsinn" und "völlig daneben". "Warum soll sich mein Sohn nicht in der Pause mit seinem Freund verabreden dürfen? Oder warum soll ein jüngerer Schüler seinen Eltern nicht per SMS mitteilen, dass die letzte Stunde ausfällt?" Maget fügte hinzu: "Bloß weil zwei oder drei Pornos auf Schüler-Handys gefunden worden sind. Früher hat man halt ein Heftl mitgebracht."

"Handy-Kultur gerät außer Kontrolle"

Unterstützung der Initiative der Staatsregierung kam von Experten. Der Münchner Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Franz Josef Freisleder sagte der DPA, "die Entscheidung der Staatsregierung war vielleicht überemotional, aber notwendig." Angesichts der bekannt gewordenen Fälle von Gewalt- und Pornovideos auf Schülerhandys sei es wichtig gewesen, "die Handbremse zu ziehen". Die Handy-Subkultur unter Heranwachsenden drohe außer Kontrolle zu geraten.

"Die Jugendlichen müssen merken, so kann es nicht weiter gehen", sagte Freisleder. Lehrer, Eltern und Schüler müssten die Problematik zum Gesprächsthema machen. "Verbote allein helfen nicht, Eltern müssen mit ihren Kindern darüber reden", sagte Freisleder. Es sei höchste Zeit, gegen Gewalt- und Pornodarstellungen auf Schüler-Handys einzugreifen. Harte Pornodarstellungen könnten bei Jugendlichen Angstpotenziale freisetzen und eine Entwicklung zum "normalen Sex" erheblich behindern.

"Gegen seelische Verrohung"

Als Maßnahme gegen eine "zunehmende seelische Verrohung" unter Schülern hat der Leiter der Schulberatung in München, Rudolf Hänsel, im DPA-Gespräch das Handyverbot verteidigt. "Die Schule darf kein rechtsfreier Raum sein und muss geltende Rechtsnormen durchsetzen." Den Vorwurf der Lehrerverbände, ein Verbot verlagere das Problem aus der Schule, wies Hänsel zurück. Das sei wie mit Drogen, die seien in der Schule auch verboten. "Weil es außerhalb der Schulen Drogen gibt, können wir doch Drogen in der Schule nicht tolerieren." Handys seien inzwischen in der Schule zur Hauptquelle der Ablenkung geworden, wodurch die Schüler am Lernen gehindert würden.

"Simple Rezepte"

Aus pädagogischer Sicht ist die Maßnahme dagegen fragwürdig. "Ein Verbot ist das simpelste Rezept, das leicht umgangen werden kann", sagte Ekkehard Sander, Wissenschaftler am Deutschen Jugendinstitut in München und Experte für Medien bei Heranwachsenden der DPA. Gewalt- und Pornovideos auf Schüler-Handys seien ein Jugendschutzproblem. Deshalb sei statt Verboten eine "pädagogische Reaktion" notwendig. Ein Handyverbot an Schulen mache wenig Sinn. "Das ist wie bei Tabak und Alkohol. Die sind auch in der Schule verboten, ohne dass damit die Problematik behoben wird."

Nach neuen Untersuchungen sei die Hauptnutzung von Handys in Schülerhänden das Verschicken von SMS-Nachrichten und das Herunterladen von Klingeltönen. Einzelfälle, bei denen Gewalt- und Pornovideos gefunden wurden, dürften nicht dramatisiert werden. Wichtig sei das Vorgehen gegen die Hersteller von Gewalt- und Pornoseiten im Internet, die auch Jugendlichen zugänglich seien.

DPA
 
 
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