Sie hießen "Knochen" oder "Banane": Handys aus den Anfängen des Mobilfunk-Zeitalters sind bei Sammlern hoch begehrt.

Der 13-jährige Benny Streu aus Flöha bei Chemnitz will für seine Sammlung von bisher 113 alten Mobiltelefonen ein eigenes Museum aufbauen.© Jörg Gläscher
Es ist wirklich noch nicht lange her: Vor gerade einmal elf Jahren wurde in Deutschland der digitale Mobilfunk eingeführt - mit den D-Netzen. Massenhaft finden Handys seitdem Verbreitung, wöchentlich bringen die Hersteller neue Modelle heraus. Und deren Vorläufer entwickeln sich zu heiß begehrten Sammlerobjekten oder "Retro-Objekten", die gerade deshalb verwendet werden, weil sie eben nicht den allerletzten Schrei von Technik oder Design verkörpern. Viele Besitzer älterer Handys allerdings halten ihren betagten Mobilfunkapparaten die Treue, weil sie einfach keine Lust haben, neue PIN-Nummern oder Tastenkombinationen zu lernen. Oder weil man seinem kommunikativen Begleiter ja viel Privates anvertraut hat - zum Beispiel Telefonnummern von Freunden oder SMS-Meldungen vom Lover.
"Mich interessiert nicht, wie's aussieht - ein Handy ist zum Kommunizieren da", meint Linda Rebmann. Die 21-Jährige studiert "Internationale Entwicklung" an der Uni Wien. Ihren ersten Handy-Freund, einen eher bieder gestylten Gesprächspartner namens Siemens C25, hat sie nun schon gut vier Jahre. Wegen einer Wette wird ihr der Oldtimer noch erhalten bleiben: "Meine beste Freundin Magdalena und ich haben uns gegenseitig ein Handy geschenkt, um gut erreichbar zu sein. Wir machten aus, dass diejenige, deren Apparat als erster kaputtgeht, eine Reise nach Granada zahlen muss." Und deshalb ist das blaue Siemens ihr ständiger Begleiter, bis der Handytod sie scheidet. "Ich behalte es. Ich hab den Akku mal erneuert, und es ist auch schon zigmal runtergefallen. Ich würd's sogar kleben!" Damit unterscheidet sie sich von den weltweit mehr als 423 Millionen Käufern, die sich allein im vergangenen Jahr ein neues Handy zugelegt haben.
Für brandneue Geräte interessiert sich auch Benny aus Flöha bei Chemnitz kaum. Trotzdem ist der 13-Jährige ein waschechter Handy-Man, ein Jäger und Sammler: Bereits mit acht Jahren wurde er Handybesitzer, als er ein AEG PT-10 fand. Kaputt war's, aber ein kleiner Schatz für den Schüler. Damals hat es bei Benny so richtig geklingelt: Der Realschüler blies zur Jagd auf Handys, egal ob gebraucht, kaputt oder Auslaufmodell. "Benny hat Annoncen geschaltet, deutschlandweit Adressen im Telefonbuch gewälzt und Handzettel verteilt. Er ist an dieser Aufgabe richtig gewachsen", sagt seine Mutter Evelyn Streu.
113 Handys hat Benny bis jetzt gesammelt. Zu seinen Lieblingen zählt ein mehrere Kilo schweres Motorola-Ungetüm aus den frühen Neunzigern. Und Benny hat Visionen: Er will aus seiner Sammlung ein Handymuseum machen. Wenn Besuch ins Haus Streu kommt, probt er schon mal und kassiert einen Euro Eintritt für die Besichtigung. Dass ihm die Sammelobjekte ausgehen, ist unwahrscheinlich: Experten schätzen, dass in Deutschland rund 60 Millionen Mobilfunkapparate nicht mehr im aktiven Dienst stehen.
Die Oldies werden immer öfter von Sammlern entdeckt. In der rustikalen Wirtsstube der Gaststätte "Zum Löwen" in Stuttgart-Stammheim fiepst und piepst es zu Maultaschen und Apfelschorle. Mit Begeisterung tauschen junge Männer und Frauen Sätze, die mit Fachbegriffen wie "MMS", "Simlock-Karte", "Netz" und anderem Mobilfunk-Vokabular angereichert sind.

"Knochen" war der Kosename dieses Motorola-Handys.
Gleich 40 Telefon- und Mobilfunk-Fans kamen zum Treffen von "www.telefon-treff.de" - mancher gleich mit einem prall gefüllten Rucksack. "Ich habe zu Hause etwa 50 Handys in zwei beleuchteten Vitrinen. Ab und zu nehme ich auch ein altes mit raus, dann gucken manche Leute schon etwas komisch", sagt Tobias Lang aus Nürtingen. Auf der Besitzliste des 24-Jährigen stehen etwa das erste Telefon mit WAP-Funktion in Deutschland (Nokia 7110) und ein wassergeschütztes Ericsson R310s.
Das wird beim Treffen der Handy-Sammler gleich ausprobiert: Ein anderer Ericsson-Besitzer lässt sein blaues R310s in ein Wasserglas plumpsen, ein Sammlerkollege wählt dessen Nummer, und schon entfacht das robuste Teil mit türkis leuchtendem Display einen kleinen Sturm im Wasserglas. "Haifisch" nennen Fans das R310s respektvoll. "Das hab ich gern, weil es viel aushält", erklärt Dennis Bote aus Völklingen. Der 21-jährige Call-Center-Agent ist außerdem Besitzer von gleich drei Exemplaren des kultigen Nokia 7110. Hasan Halici aus Balingen dagegen liebt sein brandneues Nokia-Modell. Doch auch er hat ein paar ältere Apparate. "Das ist einfach Kult", meint der 17-Jährige. "Wenn man die anguckt, erinnert man sich an diese Zeit damals."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2003
Im Web Handymuseum.de
Handy-Sammler.de
Telefon-Treff.de
Benny Lührs Homepage