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28. September 2007, 13:27 Uhr

"Ich bin dann mal da!"

Die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel plädiert dafür, Handy und E-Mail regelmäßig abzuschalten - um Menschen und Momenten die volle Aufmerksamkeit schenken zu können.

Die 40-jährige Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen in der Schweiz war mit 31 Deutschlands jüngste Professorin - damals in Münster© Heinrich Voelkel

Frau Meckel, Ihr Buch "Das Glück der Unerreichbarkeit" erscheint diese Woche. Darin fordern Sie, dass wir uns bewusst Freiräume schaffen sollen, in denen wir nicht ständig per E-Mail und SMS, Handy und Computer erreichbar sind. Wo ist das Problem?Diese Geräte haben doch alle einen Aus-Schalter.

Man muss ihn aber auch betätigen! Das fällt vielen Menschen schwer.

Warum?

Weil wir eine gewisse Zuneigung zur permanenten Erreichbarkeit entwickeln. Das ist schließlich ein Zeichen dafür, dass wir bei unseren Mitmenschen gefragt sind. Und wir sind immer bestens mit Informationen versorgt. So entsteht das Gefühl, mitten im Strom des Lebens zu schwimmen - und dann ist es einfach schwer, das zu stoppen.

Das klingt doch gut. Warum sollte man solch positive Gefühle abschalten?

Weil das nur eine Seite ist. Ich benutze viele Geräte zur Kommunikation, aus Sicht mancher Freunde sogar exzessiv. Aber es gibt so einen Punkt, wo zu den guten Gefühlen auch negative kommen, und es gibt einen weiteren Punkt, wo die negativen die positiven überwiegen. Dann meint man, immer auf alles reagieren zu müssen, und gerät unter Druck. Auf einmal ist keine Zeit mehr, zu überlegen, sich auf die wichtigen Fragen zu konzentrieren: Was will ich eigentlich antworten, was will ich sagen, will ich mit dem, der mich da anspricht, überhaupt reden? Dann tappen wir in die Kommunikationsfalle.

Schildern Sie nicht ein Luxusproblem?

Wer ist schon so stark in elektronische Kommunikation eingebunden? Das wandelt sich gerade. Die Kommunikation in allen Bereichen unserer Gesellschaft verlagert sich auf technische Plattformen wie E-Mail und SMS, Handy und PC. Es gibt immer weniger persönliche Gespräche, sogar die Zahl der Telefongespräche sinkt zugunsten von SMS und Mail. Diese Technik macht Erreichbarkeit zu jeder Zeit möglich - und die wird dann einfach erwartet. Das betrifft nicht nur Manager, es geht inzwischen bis in die Ebene der ganz normalen Angestellten. Der Druck ist so groß, dass die sich sogar regelmäßig da raus lügen.

Wie meinen Sie das?

Nirgendwo wird so viel gelogen wie in EMail und SMS, ergeben Untersuchungen. "Akku war leer", "Kein Netz", "Bin gerade im Flieger" - nur durch solche Lügen kann man noch legitimieren, dass man nicht erreichbar ist. Keiner traut sich zu sagen: Lass mich in Ruhe, ich will arbeiten - oder einfach nur Privatleben haben.

Wie entsteht so ein Druck?

Das kann sogar ganz unabsichtlich sein, wie es mir mit meinen Mitarbeitern passiert ist. Als ich mit denen über das Buch diskutiert habe, sagte eine: Chefs neigen dazu, sonntagabends eine Flut von EMails an ihre Mitarbeiter abzuschicken, damit die schon mal vom Tisch sind und dann am Montagmorgen gleich bearbeitet werden können. Derjenige, der sie bekommt, hat aber das Gefühl, das muss jetzt sofort sein. Ich saß da und dachte: Die meint mich! Die wollen "Tatort" gucken, denken durch das Hierarchieverhältnis aber, meine Mail muss sofort erledigt werden. Das geht so natürlich gar nicht.

Und die Lösung?

Wir müssen klare Richtlinien aufstellen. In einigen Unternehmen hat man erkannt, dass die Leute sonst irre werden, durch dieses ewige Kommunizieren. Da wird in betrieblichen Vorgaben klar festgelegt, wann die Geräte ein- und ausgeschaltet sind, wie schnell Mails und Anrufe beantwortet werden müssen.

Im Privatleben scheinen zumindest Jugendliche mit dem Kommunikationsstress gut klarzukommen.

Die Anerkennung unter Jugendlichen definiert sich zu einem großen Teil darüber, wie viele SMS und E-Mail sie bekommen. Das wird untereinander sogar verglichen und diskutiert. Und wenn Sie frisch verliebt sind oder eine Affäre haben, ist SMS die ideale Plattform.

Man hat den Eindruck, den Kids macht das Durcheinander der Kommunikationsformen gar nichts aus.

Die sind natürlich damit groß geworden. Wenn ich mir meinen sechsjährigen Neffen anschaue, der kann das wirklich toll, der macht alles zur gleichen Zeit. Aber die Gehirnforschung zeigt ganz klar: Wir können mehrere Dinge nicht wirklich gleichzeitig machen. Wir machen sie sehr schnell im raschen Wechsel nacheinander. Und das hat Folgen: Je schneller man zwischen verschiedenen Aufgaben wechselt, desto länger braucht man, um die Aufgaben insgesamt zu verarbeiten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 39/2007

Ihr Buch

Ihr Buch Miriam Meckel: "Das Glück der Unerreichbarkeit", Murmann Verlag, 272 Seiten, 18 Euro

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