. .
Telefon - Handy und Festnetz
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
23. Mai 2007, 11:22 Uhr

Vom Zwang der Erreichbarkeit

Das Handy ist viel mehr als nur ein Telefon - und nicht nur in technischer Hinsicht. Der Soziologieprofessor Günter Burkart beschreibt im stern.de-Interview, wie Mobiltelefone unser Leben verändert haben und warum wir nicht mehr auf sie verzichten wollen.

Manchmal lässt uns das Handy manisch werden© Sören Stache/DPA

Professor Burkart, Sie haben Ihr Buch über die Einflüsse des Mobiltelefons auf unser Leben "Handymania" genannt. Die medizinische Definition von "Manie" liefern Sie auch mit: "Ständige Geschäftigkeit ohne nennenswerten Nutzeffekt." Sind wir alle krank?

Ich denke, dass zumindest leichte Suchttendenzen mit dem Handy verbunden sind, vielleicht aber nicht so stark wie bei manchen anderen elektronischen Medien. Ich würde nicht sagen, dass wir alle krank sind. Es gibt eher eine kulturelle Disposition, eine Veranlagung zur Sucht nach dem Handy.

Aber unsere Gesellschaft wird immer mobiler. Da ist doch die Verbreitung des Handys eine logische Folge.

Eisenbahn, Autos, Flugzeuge sind viel wichtiger für Mobilität. Die Fern-Kommunikation ist durch das Handy zwar beschleunigt worden. Aber E-Mail haben wir ja auch schon eine ganze Zeit. Man könnte sich eine Gesellschaft vorstellen ohne Handy, aber mit normalem Telefon. Das Handy ist , eigentlich nicht wirklich für die Mobilität notwendig, denn das Reisen und die Möglichkeit zu telefonieren hat man schon lange. Es geht ja nur um die Abkopplung von einem festen Ort.

Wir könnten also auf das Handy verzichten. Wir tun es aber nicht, weil - wie sie schreiben - es uns nicht allein um den reinen Nutzwert des Geräts geht?

Die Faszination für ein Gerät kann auch daher kommen, dass man bestimmte Dinge leichter, eleganter, schneller machen kann, ohne dass das sachlich zwingend notwendig wäre. Es bedürfte nur einer etwas größeren Mühe, um auch ohne Handy zum gleichen Ergebnis zu kommen. Das Seltsame ist, dass jeder so sein Ding in der Tasche trägt. Für die meisten Leute ist das Gerät nicht zwingend notwendig.

Welche Eigenschaft macht das Handy unerlässlich?

Es betont den Individualismus. Wir sind in der Tat eine sehr individualisierte Gesellschaft. Dabei geht es gar nicht so sehr um Entscheidungsautonomie, die ist oft eine Illusion. Aber mit dem Handy hat man das Gefühl oder die Illusion von Individualität, von Einzigartigkeit. Man kann sich einerseits rausziehen aus allem und ist dennoch "always connected". Permanentes Verbundensein, das ist ein wichtiger Punkt, der die Balance hält zwischen Individualität und Vergemeinschaftung. Individualismus bedeutet nicht Egoismus oder Einsamkeit. Es heißt eher, dass man sich aus unmittelbaren Kontakten heraushalten und dennoch ständig in Bereitschaft dazu sein kann.

Diese Überlegungen machen wir uns doch nicht, wenn wir ein Handy kaufen.

Inzwischen ist das Mobiltelefon genauso unverzichtbar wie ein Fernseher. Wenn ein Gerät selbstverständlicher Bestandteil der Lebenswelt geworden ist, dann muss man es nicht mehr begründen. Es handelt sich nicht mehr um sachliche oder technische Unverzichtbarkeit, sondern um eine kulturelle. Das meinte ich am Anfang mit "kultureller Disposition".

Aber es ist auch ein Ausdrucksmittel des sozialen Status, des Lebensstils, der Gruppenzugehörigkeit.

Ein Handy allein bietet einem kaum noch Möglichkeiten, sich von anderen zu unterscheiden, es sei denn, man hat ein sehr teures Handy, ein Blackberry oder ein UMTS-Gerät. Aber der reine Besitz eines Mobiltelefons ist nichts Besonderes mehr. Bei Jugendlichen allerdings spielen Marken eine gewisse Rolle, und es kommt auch auf die Oberschale des Geräts an, auch auf die Gestaltung des Displays und natürlich die Klingeltöne.

Erreichbarkeit hat sich stark verändert durch das Mobiltelefon. Wie wird der Alltag der Menschen beeinflusst?

Die Erreichbarkeit war am Anfang eine Möglichkeit, die durch diese Technik geschaffen worden ist. Jetzt ist sie aber eine Norm geworden. Eine soziale Norm im Sinne einer Erwartung. Man muss sich eben auch rechtfertigen, wenn man nicht erreichbar ist. Man muss Erklärungen abgeben, Ausreden erfinden usw. Deswegen ist das Positive nicht weg. Für bestimmte Berufsgruppen zum Beispiel ist es einfach zweckmäßig und eine Verbesserung der Möglichkeiten, beruflich außer Haus tätig zu sein. Aber für die meisten wird es eher zu einer etwas seltsamen Norm.

Weshalb seltsam?

Schauen Sie doch mal, wie viele Leute sich rechtfertigen, wenn sie etwas später kommen. Ganz auffällig ist das im Zug, selbst wenn es nur um ein paar Minuten geht. Pünktlichkeit wird eine noch stärkere Norm, obwohl sie durch das Handy ja eigentlich ausgehebelt werden könnte. Man könnte sagen, wir treffen uns heute irgendwann und klären alles weitere spontan. Doch es scheint viel wichtiger, dass sich jede Minute erneut abgesichert wird.

Pünktlichkeit galt als eine urdeutsche Tugend, hat aber in jüngerer Vergangenheit an Wichtigkeit verloren. Erlebt sie durch das Handy so etwas wie ein Revival?

Im Gefolge von "Achtundsechzig" gilt Pünktlichkeit als der Inbegriff des Spießigen. Aber unsere Gesellschaft hat bei aller Modernisierung nie auf Pünktlichkeit verzichtet. Pünktlichkeit als Wert, der offensiv gepredigt wird, das ist vorbei. Aber eigentlich ist es viel wichtiger, die Zeitkontrolle einzuhalten und sie zu akzeptieren. Zur Koordination des Zusammenlebens ist sie wichtiger geworden. Das Handy unterstützt die Flexibilisierung der Pünktlichkeit. Aber nicht das Verschwinden der Pünktlichkeit.

Zeitplanung, Erreichbarkeitszwang - das Handy ist auch ein Kontrollinstrument. Sie beschreiben, wie Jugendliche, die ihre Eltern um ein Handy bitten, häufig das Argument bringen: Dann kannst Du mich immer erreichen und weißt wo ich bin.

Auch die Kontrolle ist flexibler und angenehmer geworden. Sie ist eine Art Selbstkontrolle, die man nicht als Kontrolle empfindet. Man kann sich leichter die Illusion der Selbstbestimmung machen, wenn die Kontrolle nicht über ganz so autoritäre Mechanismen läuft, sondern über eine Art Vereinbarung. Dass man sich darauf einigt, sich gegenseitig zu kontrollieren. Bei den Jugendlichen ist das der Preis, den sie für das Telefon bereit sind zu zahlen.

Zur Person

Zur Person Günter Burkart, geboren 1950, ist Professor für Soziologie an der Universität Lüneburg. Burkarts Fachgebiet ist die Familien- und Paarsoziologie. Er beschäftigt sich aber auch mit Mediensoziologie und der kulturellen Bedeutung technischer Entwicklungen wie Auto oder Mobiltelefon

  zurück
1 2
 
 
KOMMENTARE (5 von 5)
 
wurzelkitt (24.05.2007, 16:07 Uhr)
Inhalte
Wenn ich mir anhöre(n muss), was die Leute so alles am telefon für Banalitäten erzählen, frage ich mich wirklich, wie die früher ohne Handy überlebt haben. Ob der Zug nun gleich pünktlich einläuft ist hochgradig uninteressant. Interessant wirds erst wenn das über 10 Minuten ist undselbst das kriegt der am Bahnhof ja auch noch mit. Gut, zu Hause nicht.
Oder wenn man an der Fleischtheke zu Hause anruft, pb man 100 der 150 gr Salami kaufen soll, da fass ich mir wirklich an den Kopf.
JenFuchs (23.05.2007, 09:26 Uhr)
Es muss schwer sein so ohne
Ich möchte zu dem Kommentar von Klingelfee noch ergänzen, dass niemand wirklich mehr ind er Lage ist das Handy auszuschalten, lieber im Stummmodus, aber wehe es summt dann wird doch nachgeschaut.
Ich habe mein Handy abgeschafft, als Klienten anfingen mich kurz vor dem Termin anzurufen per Handy auf mein Handy und mich versetzten. Das habe ich nun abgeschafft, es gibt Terminvereinbarungen und daran hält man sich oder der nächste Termin bei mir dauert erst wieder.
Jugendliche haben zeigen sich untereinander die Videos , Musikstücke etc. aber muss sowas denn im Bus, Cafe oder Restaurant sein - wo bleibt da die Höflichkeit ? Für mich bedeuten Handys nur Ausreden und Lärm, und die mßten benötigen nicht mal ein udnh stürtzen sich so in Unkosten.
klingelfee (22.05.2007, 23:39 Uhr)
Eine Frage der Selbstreflexion
Ich denke, dass sich Erreichbarkeit und Ruhe durchaus miteinander kombinieren lassen. Dies erfordert allerdings vom Einzelnen die Überlegung, wann er Erreichbarkeit nötig hat bzw. haben will und wann er darauf verzichten kann/will. Wenn er (oder sie) für sich diese Entscheidung getroffen hat, fällt der Schritt zu einem partiellen Verzicht auf Erreichbarkeit (sprich: zum zeitweisen Ausschalten des Handys) relativ leicht.
Allerdings nehme ich an, dass die meisten unserer Mitbürger Fähigkeit und Wille zu einer solchen Selbstreflexion besitzen.
targui (22.05.2007, 22:27 Uhr)
Autonomie
Interessantes Thema und guter Artikel, ich hätte aber auch erwartet, dass folgender Aspekt der Handymanie mehr Beachtung findet:
Dass viele Menschen nicht mehr zu lernen scheinen, allein zu sein und Situationen autonom zu bewältigen. Gefühle der Einsamkeit, Unsicherheit, Ängste... werden mit einer SMS oder einem Handy-Gespräch gestillt.
hevosenkuva (22.05.2007, 21:06 Uhr)
ständige Erreichbarkeit ist Blödsinn
kein Mensch muss ständig erreichbar sein. man braucht keine Ausreden. man ist nicht erreichbar und Punkt. so einfach und selbstverständlich kann das sein.
MEHR ZUM ARTIKEL
NFC Das Handy begleicht die Rechnung

Die Near Field Communication ist eine Technologie, die unseren Alltag deutlich beeinflussen könnte. Mit ihr können etwa Mobiltelefone zu Reiseführern oder Kreditkarten werden. mehr...

Wissenstest Mobiltelefonie

"iPhone", neue N-Serie-Modelle von Nokia und frische Motorola-Funker: Handys sind derzeit das große High-Tech-Thema. Doch was wissen Sie über das mobile Telefonieren? Testen Sie Ihr Wissen! mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Partnerangebot Der stern.de-DSL-Vergleich Der stern.de-DSL-Vergleich Sparen bei DSL-Flatrates

Mit einem DSL-Tarif-Vergleich finden Sie einfach und schnell den zu Ihnen passenden Anbieter. Kostenlos, schnell und sicher! mehr

 
 
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft