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19. Juni 2007, 08:40 Uhr

Wenn der "Asi" vom Call-Center anruft

Unerwünschte Werbeanrufe kennt jeder. Was passiert, wenn der Call-Center-Agent einfach weiterquasselt, obwohl sich längst der Anrufbeantworter angeschaltet hat, erlebte stern-Redakteur Dirk Liedtke.

Manchmal findet man auf seinem AB Perlen der Alltagskomik© Corbis

Call-Center sind die Galeeren des digitalen Zeitalters. Überforderte, unterbezahlte Mitarbeiter sind mit dem Kopfhörer-Mikro an ihre Rechner gekettet. Im unerbittlichen Takt der Akkord-Trommel des Auftraggebers müssen sie Telefonnummern tippen und ahnungslosen Menschen DSL-Verträge verkloppen, Handy-Pakete oder dubiose Gewinne anpreisen - vielleicht ein Fall für Amnesty International, mindestens aber für Verdi.

Entspanntere Arbeitsbedingungen herrschen offenbar bei der Telekommunikationsfirma Tele 2. Hart, aber herzlich war der Anruf eines Mitarbeiters, der mich vor kurzem erreichte. Zunächst kapierte er offenbar nicht, dass er es mit einem Anrufbeantworter zu tun hatte. Dann verpennte er aufzulegen und plapperte munter weiter. Minutenlang in einem Dialekt, der nach Südhessen oder Mannheim klingt. Es ging um den Job, Diäten und Sex, angeblich viel Sex. Eben alles, was Jungmänner so bereden, wenn sie unter sich sind. Es ist ein Dokument des Telefonterrors der unfreiwillig komischen Sorte. Live aus dem öden Alltag im Call Center von Tele 2:

"Ja, wunderschönen guten Tag, mein Name ist Müller (Name von der Redaktion geändert) von der Firma Tele 2. Ich bin richtig bei Liedtke? Hallo? Hey, yo? Ein Mundwerk haben sie doch zum Reden, oder? Hören Sie mich nicht? Hallo! Sie sind so was von langweilig, das gibt's gar nicht!"

An diesem Punkt wendet sich Herr Müller erstmals einem Kollegen zu, vielleicht einem Coach?

"Hab ich schon öfters gehabt. Laber, laber, laber - und was war's zum Schluss? Biep. ... Game Over! Hopp, Du Alter, nochmal, nochmal."

Spielt Herr Müller etwa mit seinem Gameboy, während er meinen Anrufbeantworter vollquatscht?

"...lass Dich bloß nicht von anderen erwischen. Das sagt mir jeder Teamleiter. Jeder. Schulze (Name von der Redaktion geändert) soll mich coachen. Ich hab jetzt zwei Aufträge, weißt Du - hö, hö, hö. ... Hast Du gerade Pause?"

Von dienstlichen Themen wechseln die offenbar unausgelasteten Agenten jetzt zum Privaten. Ein erfolgreicher Flirt im Call Center?

"Jetzt hab ich die Nummer von ihr. Ich hab gewusst, dass ich sie krieg. So wie die mich gestern schon angeglotzt hat. Alter Schwede! Die hat die Augen nicht mehr runtergekriegt. Seit ich irgendwie diese sieben Kilo runter hab. Ohne Scheiß, da läuft es nur noch. Zack, zack. Da kommt eine nach der anderen. Aber richtig, Alter, aber richtig."

Das Thema wechselt erneut. Wahrscheinlich geht es um eine gemeinsame Bekannte, eine Kollegin?

"Sagt er zu Dir? Alter Schwede, ist das ein Asi. ... Meine Freundin, gestern seh' ich sie: Heute war Dings da, der Vermieter und die Stadtwerke und so. Und dann sagt sie: Kommst Du morgen Abend vorbei? Ich so, yo... Dann kommt eine SMS: 'Mir haben sie den Strom abgestellt, aber ich kümmer' mich drum. Kuss.' Die Alte, weißt Du, die kriegt doch von mir keine Kohle. Bin doch nicht bescheuert, ich brauch das Geld doch selber. Die geht doch nur arbeiten bei ihrer Oma, weißt Du. ... Ich weiß nicht, irgendwie kümmert sie sich nicht um Arbeit. Deswegen juckt mich das nicht. Jedenfalls rutsch ich rüber, und gut ist für mich. Mich nervt das voll ab, Alter, was ist denn das? Hier wollte sie nicht arbeiten, weil Call-Center nicht ihr Ding ist, da sag ich, pass auf, da geb' ich ihr zwanzig Adressen, wo Du überall telefonieren kannst. Und da ist bestimmt irgendwas dabei. 'Nee, ich hab kein Bock.' Wenn ich mit so einer Einstellung irgendwo hingehe, hätte ich auch keinen Bock drauf. Ich mein, gut ist, wenn die unbedingt so leben will..."

An diesem Punkt schaltet sich mein Anrufbeantworter ab. Zu der wahren Identität des Anrufers aus dem Call Center habe ich meine eigene Theorie: Wahrscheinlich steckt dahinter die legendäre Internet-Figur "Vollassi Toni". Dieser in tiefstem hessisch zotenreißende Jungmacho geisterte vor einigen Monaten durch Videoportale. Die Stimme kommt ungefähr hin.

Auf seiner Internet-Seite weist Tele 2 übrigens darauf hin, dass die Beschwerderate bei "mehr als 2,5 Millionen Kunden" in Deutschland bei "weniger als 0,01 Prozent" liege.

Woher haben die meine Nummer?

Meine Daten hat Tele 2 laut Pressesprecherin bei einer Tochterfirma des Bertelsmann-Konzerns erworben, zu dem indirekt auch stern und stern.de gehören. Angeblich habe ich am 21.10.2005 um 15.11 Uhr an einem "Auto-Gewinnspiel" der Firma PC-Tickets.de teilgenommen, was ich sehr stark bezweifle. Mit diesem angeblichen Klick hätte ich meine "Einwilligungserklärung" gegeben, meine Adresse zu verkaufen. Sehr dubios ist das alles. Vielleicht trage ich meine Telefonnummer besser in die Robinsonliste ein. Dann werde ich künftig von ungebetenen Anrufern wie dem Call-Center-Asi verschont.

Einige Tage nach dem ersten Anrufer rief übrigens ein anderer Tele-2-Mitarbeiter bei mir an: der legte aber - schlau, schlau - gleich wieder auf, nachdem er sich meinem Anrufbeantworter mit Vor- und Nachnamen vorgestellt hatte.

Dirk Liedtke
 
 
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