Dieser Mann fordert Google und Apple heraus

19. August 2013, 14:56 Uhr

Mark Shuttleworth war der erste Afrikaner im Weltraum und ist Gründer des Linux-Betriebssystems Ubuntu. Nun will er mit einem Smartphone neue Maßstäbe setzen. Von Christoph Koch

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Ubunto Edge, Mark Shuttleworth, Apple, Google

Der südafrikanische Unternehmer Mark Shuttleworth fordert mit einem Ubuntu-Smartphone Apple und Google heraus.©

Es war vergangenen Freitag, als der Exil-Südafrikaner Mark Shuttleworth die Liste seiner Rekorde um einen weiteren verlängerte: Mehr als 10,3 Millionen Dollar hatte er gesammelt und damit die bisher größte Crowdfunding-Aktion in der Internet-Geschichte laufen. Selbst den bisherigen Spitzenreiter "Pebble" hatte er übertroffen, eine clevere Armbanduhr, die als ebenso diskretes wie allzeit sichtbares Display für iPhone oder Android-Geräte dient. Geschlagen wurde die Uhren-Finanzierung von Shuttleworths jüngstem Baby: Das Smartphone, "Ubuntu Edge", das als erstes seiner Art den klassischen PC vollständig ersetzen soll. Mit extremer Rechenkraft und mehreren Betriebssystemen: volle Leistung daheim, erträgliches Batterieleben unterwegs. Warum macht der Mann so etwas, wo es doch Samsung und Google gibt und natürlich Apple, die den Mobil-Markt ganz offensichtlich beherrschenn?

Dazu zunächst ein kleiner Auszug aus der Shuttleworth-Rekord-Liste: Als südafrikanischer Jung-Unternehmer gelang ihm ein steiler Aufstieg, 1999 hatte er 500 Millionen Dollar mit Software verdient, da war er 26 Jahre alt. Er war der erste Afrikaner im Weltall, als zahlender Tourist flog er 2002 mit der Sojus TM-34 auf die Internationalen Raumstation ISS. Und natürlich: Ubuntu. Wahrscheinlich (die Community zankt ständig darüber) ist es die erfolgreichste Distribution des freien und quelloffenen Betriebssystems Linux. Ubuntu – der Name stammt aus der Zulu-Sprache, er bedeutet in etwa "Menschlichkeit" und soll für das Teilen stehen, für die Überwindung der digitalen Kluft zwischen Arm und Reich.

Ein wohlwollender Diktator

Letzteres gehört zu den Lieblingsthemen Shuttleworths, der selbst sehr reich ist. Nicht absurd reich zwar wie Gates und Zuckerberg und Bezos. Aber doch so reich, dass er in seiner Community jederzeit als "wohlwollender Diktator" auftreten kann. Das sagt er selbst über sich, das hat der Autor nicht nur in der Wikipedia gelesen, sondern selbst gehört. Denn er durfte der Verleihung Shuttleworths Ehrendoktorwürde am 11. September 2010 in Versailles beiwohnen. Oder besser gesagt: Einer seiner Ehrendoktor-Verleihungen, denn bei nur einem Doktor ist es nicht geblieben.

Shuttleworth tut tatsächlich gern Gutes, und die Welt weiß es zu würdigen. Doch schätzt er es auch, Unternehmer-typisch, wenn andere nach seiner Pfeife tanzen, sobald er einen Weg für richtig befunden hat. Ubuntu ist auch deshalb ein Champ in der Linux-Welt, weil Shuttleworth immer dort und immer dann Geld einimpfen kann, wo der Geist der Freiwilligkeit unbezahlter Entwickler nicht reicht.

Das ist auch jetzt der Fall. Hardware zu machen ist teuer, aufwendig und – angesichts der mikroskopischen Komponenten innovativer Handys – schon lange kein Bastelkeller-Job mehr. Deswegen sollen wir auch alle für das neue Smartphone zuschießen, mindestens 695 Dollar pro Gerät. Denn es gilt, Übles zu verhindern.

Kampf gegen die Googlifizierung

Dieses absolut Üble ist, aus Shuttleworths Perspektive, die vollständige Googlifizierung der Welt. Nicht nur mittels der alles dominierenden Suchmaschine, sondern vor allem im total entscheidenden Zukunftssegment: dem mobilen Computing. Da sah es so aus, es ist erst drei, vier Jahre her, als gehöre Apple die ganze Welt – überall iPhones und iPads. Aber heute heißt der Sieger praktisch aller Smartphone-Gewichtsklassen: Google.

Android, hinter dem Google steckt, hat einen Marktanteil von drei Vierteln. Und was Shuttleworth ganz fürchterlich ärgern muss, wenn er auf seinem Anwesen auf der Isle of Man (geflüchtet vor dem südafrikanischen Fiskus, sagen seine Kritiker) in der Irischen See über die Besserung der Welt sinniert: Android ist auch eine Linux-Variante. Google, das Imperium aus Mountain View, Kalifornien, liegt, wenn man so will, in Shuttleworths Heim-Stadion mit acht zu null in Führung. Unerträglich.

Ubunto Edge, Mark Shuttleworth, Apple, Google

Das Ubuntu Edge werde "die Mobilität eines Smartphones und die Power eines Desktop-PCs verbinden", schwärmt Shuttleworth©

Formel-1-Projekt in Mobiltelefon-Gestalt

Als privater Raumfahrer war Mark Shuttleworth immerhin die Nummer zwei in der Menschheitsgeschichte, daher die Betonung: Erster Afrikaner, der Amerikaner Dennis Tito war vor ihm oben. Doch im Mobiltelefonmarkt ist er ein Nobody, dafür aber auf klassischen Computern ganz gut zu Hause. Das "Ubuntu Edge" ist der Brückenschlag zwischen beiden Welten. Und die Idee, dass es sich an einem HDMI-Monitor in einen "richtigen" Computer verwandelt, der ein vollständiges Desktop-System bootet, hat Charme. Der ganze digitale Alltag in einem handlichen Paket, ein ehrgeiziger Einfall von Shuttleworth-Format.

Damit sein Ehrgeiz ansteckt, hat Shuttleworth ein Inspirationsvideo gedreht, er selbst ist dort die Hauptperson, er vergleicht sein Traumtelefon mit der Formel 1. Deren erfolgreichstes Team, Red Bull, hat seinen Sitz in Milton Keynes, einer wenig berühmten Stadt 70 Kilometer nordwestlich Londons. Die Open University, die Shuttleworth damals in Versailles zum Ehrendoktor machte, residiert ebenfalls dort – dank Fernstudium und Zugang für jedermann (auch ohne Abitur) ist sie zur größten Hochschule Großbritanniens aufgestiegen und unter den größten drei in Europa, ganz nach dem Ubuntu-Prinzip: Die Kluft überwinden.

So schließt sich der Kreis: Wer möchte, könne sich nun an einem Formel-1-Projekt in Mobiltelefon-Gestalt beteiligen, sagt Shuttleworth, und er glaubt, dass daraus ein Konzept erwachsen wird, das die Idee des Computers für alle Menschen der Welt vollendet. Gegen Google, gegen all die anderen Platzhirsche.

Erst ein Drittel der Summe finanziert

"Ubuntu Edge" ist eine typische Shuttleworth-Idee, aber sie hat auch ein typisches Shuttleworth-Problem: Einen gewissen Hyperoptimismus bezüglich der Mitmach-Bereitschaft. Denn, Stichtag heute, beträgt der Kontostand des Crowdfunding-Projektes weniger als zwölf Millionen Dollar, ein Drittel der geforderten Summe. Misslingt der Anlauf, muss Shuttleworth zurückzahlen, das Projekt wird abgeblasen. Und der Rekordjäger aus Südafrika hätte einen Fehlstart hingelegt. Aber Shuttleworth ist ein Mehrkämpfer. Und im Mehrkampf sind Startwiederholungen erlaubt.

 
 
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