Ferne Länder, fremde Schilder: Die Mobil-App "Word Lens" schaut hin, übersetzt in Echtzeit und macht sogar Google und Microsoft etwas vor. Wer steckt dahinter? Von Karsten Lemm, San Francisco

Übersetzung in Echtzeit: Mit der App "Word Lens" gehören Sprachprobleme der Vergangenheit an. Noch funktioniert das Programm aber nicht auf Deutsch© Word Lens
Die Flitterwochen führten im großen Bogen von Paris nach Rom, Mailand, Venedig und Neapel - und wo immer die frisch Verheirateten sich verloren fühlten zwischen unbekannten Schildern und Hinweisen aller Art, zogen sie Otávio Goods iPhone aus der Tasche und hielten es vor die fremden Wörter: Prompt zeigte ein kleines Programm namens "Word Lens" ihnen, was die französischen und italienischen Begriffe zu bedeuten hatten; die Übersetzung erschien sofort auf dem Display, eingeblendet direkt ins Bild der iPhone-Kamera. "Man wird manchmal etwas seltsam angeschaut", erzählt John DeWeese, aber seine Frau konnte das nicht bremsen. "Wir liefen durch Paris, und sie sagte immerzu: ‘Warte mal!'" Ehe sie wieder das iPhone zückte, um es in die Luft zu strecken.
Die Begeisterung ist verständlich: Word Lens gehört zu der Sorte von Mobil-Apps, die süchtig machen können. Auf magische Weise scheint das Programm die Welt zu verstehen: Es schaut durch die Kamera im iPhone (neuerdings auch iPad 2), erkennt Schilder, liest die Schrift darauf, übersetzt sie - und übermalt dann das Original im Bild mit der Übersetzung. All das in Echtzeit. Plötzlich steht dort nicht mehr ein spanischer Satz wie "Bienvenido al futuro", sondern virtuell aufs Handy-Display gepinselt: "Welcome to the future", willkommen in der Zukunft.
Bisher funktioniert der digitale Zaubertrick eigentlich nur mit dem Sprachpaar Englisch-Spanisch, doch John DeWeese hat einen Vorteil: Er ist einer der Erfinder von "Word Lens", und so konnte er während der Flitterwochen bereits die künftige Version testen, die auch mit Deutsch, Französisch und Italienisch klarkommen soll. "Italienisch ist noch oft abgestürzt, aber Französisch war schon sehr nützlich", sagt DeWeese.
Der 33-jährige Amerikaner, dessen Vater aus Holland stammt, sitzt zusammen mit seinem Geschäftspartner Otávio Good im Büro der gemeinsamen Firma Quest Visual in San Francisco. Good, ein Kalifornier mit brasilianischer Mutter und amerikanischem Vater, trägt ein gelbgrünes Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft. Er war es, der vor etwa drei Jahren auf den Gedanken kam, sein iPhone zum Dolmetscher zu machen. "Meine Freundin und ich standen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof, am Kiosk lagen überall deutsche Bücher und Zeitschriften, und ich verstand kein Wort", erzählt der 37-jährige Programmierer. "Also dachte ich: Vielleicht kann mein Handy helfen."
Obwohl das iPhone damals noch als Nischenphänomen belächelt wurde, machte Good sich an die Arbeit; zunächst allein, ehe DeWeese dazu stieß. Monatelang tüftelte er, um aus der begrenzten Rechenkraft der Mobilchips das meiste herauszuholen. Das Original-iPhone zeigte sich überfordert, doch mit dem iPhone 3GS, und mehr noch Version 4, gab Apple dem findigen Entwickler, die Rechenpower, die er brauchte. "Word Lens bringt das iPhone an den Rand der Leistungsfähigkeit", erklärt Good. "Ein PC ist immer noch etwa 20 Mal schneller."
Als Spezialist für Computergrafik brachte Good die wichtigste Voraussetzung für seine Aufgabe mit: Er versteht sich darauf, per Bildanalyse dem Rechner das Sehen beizubringen. "Buchstaben zu erkennen ist mit Abstand der schwierigste Teil der Aufgabe", erklärt er. Denn bei jedem Motiv muss die Software zunächst zwischen Wichtigem und Unwichtigem unterscheiden: Was gibt es hier zu sehen? Wo endet der Hintergrund, wo beginnt die Schrift - und was genau steht dort geschrieben? Mit Verzierungen, Handschrift und winzigen Buchstaben ist Word Lens oft überfordert, aber mit Schildern und klar umrissenen Schriftzeichen anderer Art kommt das Handy-Programm erstaunlich gut zurecht.
Mehr zum Thema ... ... Augmented Reality finden Sie auch im stern 36/2011