Handyspion im Selbstversuch

20. Juli 2007, 08:25 Uhr

Die Schlagzeile in der "Bild"-Zeitung von Mittwoch war fast so groß wie ein DIN-A-4-Blatt: "Abhörangriff auf unsere Handys!" Eine im Internet verkäufliche Software verwandle "fremde Handys" in "Wanzen". Big Brother für jedermann? stern.de hat die Software gekauft und ausprobiert. Von Dirk Liedtke

Überwachen uns unsere Eltern? Mit einer Anti-Virus-Software wären die Kids vor Lauschangriffen sicher©

Die Homepage des thailändischen Anbieters Vervata aus Bangkok erweckt nicht gerade Vertrauen. Sowohl auf englisch wie auf deutsch strotzt sie vor Schreibfehlern. Während die englisch-sprachige Version der Website keine Zweifel lässt, zu welchen verbotenen Zwecken sich die Flexispy genannte Software nutzen lässt, Beispiel: "Verwanzen sie Konferenzräume" gibt sich die deutsche Variante deutlich zahmer: "Kostenhandhabung für Firmen". Neben dem Foto eines halbnackten Mannes steht aber das eigentliche Verkaufsargument von Flexispy: "Dank Flexispy habe ich letztendlich entdeckt, dass meine Frau mich mit meinem Bruder betrog." Untreue Partner sollen mithilfe der Software auffliegen - mit dem ausgeschnüffelten Handy als Corpus Delicti.

Die saftigen 150 Euro für die "Platinum"-Version mit allen Schnüffel-Funktionen bezahlen wir mit ein paar Klicks bequem mit Paypal. Per englisch-sprachiger E-Mail kommt dann der Freischalt-Schlüssel und die Installationsanleitung. Kurz gesagt: die englischsprachige, 16-seitige Bedienungsanleitung ist nur etwas für geduldige, sprachgewandte und technisch versierte Handynutzer. Zum Testen benutzen wir ein Nokia N 95. Dieses teure Smart Phone verfügt über das Betriebssystem Symbian, mit dem Flexispy läuft. Auf Millionen anderer Handys mit weniger aufwendiger Technik läuft die Software nicht. Nach einigen Fehlermeldungen klappt es schließlich. Auf englisch folgt vor dem letzten Klick noch ein vermeintlicher Warnhinweis: "Sie sind dabei, eine Anwendung zu installieren, die die Aktivitäten ihres Telefons überwachen wird." Das ist ein heuchlerischer, überflüssiger Hinweis, der Spionage-Software einen seriösen Anstrich zu geben.

Gelungener Lauschangriff

Nach mehreren Neustarts des Handys und dem Versand einer fummeligen Steuer-SMS, die mit den Zeichen "<*#" beginnt, kommt es zur Feuerprobe mit Kollegen, die einige Büros entfernt sitzen. Der Spion ruft von einer festgelegten Nummer das Handy an, dieses schaltet sich ein und die Leitung steht: über das Mikrofon des Ziel-Handys wird über eine normale Mobilfunkleitung übertragen, was in der Umgebung des Raums gerade passiert. Die Qualität ist so gut wie die Freisprecheinrichtung des Handys. Der Lauschangriff ist zunächst gelungen.

Aber der Spion muss geschickt sein, damit er sich nicht verrät: Geht der Anruf ein, wacht unser Testhandy kurz aus dem Ruhezustand auf - eindeutig erkennbar am aufleuchtenden Display. Liegt das Handy unbeachtet in der Ecke oder steckt es in der Hemdtasche, bekommt der Besitzer das nicht zwangsläufig mit. Wundert sich der Besitzer, warum das Handy-Display aufleuchet und drückt eine Taste oder schiebt die Tastatur auf, wird die Lauschverbindung sofort gekappt. Die Sprechmuschel des Anrufers muss außerdem schalldicht abgedeckt werden, sonst hört der Ausspionierte das Husten des Spions am anderen Ende der Leitung.

Keine SMS an den Chef

Anders als von Bild behauptet, werden von der Software auch nicht "heiße SMS an die Geliebte" und "vertrauliche Informationen an den Chef" zur Beute der Datenspione. Lediglich gewählte Nummern, die Dauer der Anrufe und die Absender und Empfänger von SMS und E-Mails lassen sich über eine Website abrufen. "Praktisch unsichtbar" ist die Software im ausspionierten Handy auch nur dann, wenn sich der Lauscher geschickt anstellt.

In unserem Handy war unter dem Menüpunkt "Programm-Manager" und dem Unterpunkt "Installierte Programme" sauber der abgekürzte Name der Software und der Name des Herstellers vermerkt. Die Software an sich ließ sich allerdings nicht entdecken. Eine weitere Spur hinterlässt das Programm aber auf der Handyrechnung: die Daten werden regelmäßig per Mobilfunknetz an die Firma in Thailand übertragen. Und dabei entstehen Verbindungskosten, die jedem auffallen, der ansonsten nicht mit dem Handy das Internet nutzt.

Fazit: Fies ist der Gedanke schon, über das eigene Handy belauscht zu werden. Aber die Thai-Software funktioniert längst nicht so perfekt wie Bild behauptet. Wer trotzdem misstrauisch ist - wem auch immer gegenüber - sollte sein Handy mit einer Anti-Virus-Software für Handys überprüfen lassen. Der Hersteller F-Secure hat Flexispy schon Ende März in seine Datenbank von Spyware eingetragen. So lange ist das Spionage-Programm nämlich schon bekannt - und nicht erst seit dieser Woche, wie der "Bild"-Leser vermuten könnte.

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KOMMENTARE (5 von 5)
 
JosefG (20.07.2007, 16:53 Uhr)
Sehr bedenklich
Das Handy als Flatrate-Multimediagerät, das immer online ist, egal ob mit GSM, UMTS, BlueTooth, WLAN oder was immer es gerade vorfindet, das ist ja wohl das, was uns die Hersteller demnächst verkaufen werden.
Ähnlich wie bei PCs werden auch hier 99 von 100 froh sein, wenn sie die richtigen Icons finden. Und der eine, das ist wohl der, welcher auch heute einen Process Viewer, einen Disk Monitor und einen Network Protocol Analyzer auf seinem PC installiert hat. Der von allen dlls die Checksummen auf seinem USB-Stick gespeichert hat und der leicht an seiner Hornbrille und dem Propeller-Hut zu erkennen ist.
shine (20.07.2007, 10:58 Uhr)
Wieso Verbindung nach Thailand?
Anscheinend ist der/sind die Entwickler der Software selbst Voyeure, oder warum sonst werden hier Daten nach Thailand geschickt? Würde das nicht geschehen, würden die Software nicht so einfach auffallen... und zudem schlecht programmiert würde ich sagen ;)
provocateur (20.07.2007, 10:17 Uhr)
Aber es geht!
Sicherlich ist das, was einigen possierlichen Thai-Hackern eingefallen ist, nicht besonders ausgereift. Man kann sich natürlich fragen, auch ohne ein Anhänger von Verschwörungstheorien zu sein, welche Möglichkeiten die verschiedenen Geheimdienste in dieser Hinsicht haben. Da sind dann vermutlich weitaus besser ausgebildete Programmierer am Werk. Immerhin: Die Nutzung eines Mobiltelefons als Wanze funktioniert grundsätzlich, wenn auch hier nur über eine Sicherheitslücke. Für diesen Beweis sollten wir dankbar sein und uns entsprechend verhalten, wenn wir wie auch immer geartete sensible Infomationen austauschen...
screne (20.07.2007, 08:56 Uhr)
Kalter Kaffee
Über diese Software aus Thailand wurde schon vor Jahren mal bei SPON oder auch hier berichtet. Das ist uraltes Zeugs.
Es ist aber schön, dass sich auch der Stern mal mit den Neuigkeits-"Sensationen" der BILD kritisch beschäftigt und den Schrott auch mal beim Namen nennt, und nicht nur "eine große deutsche Boulevardzeitung" schreibt.
tagora-sagittara (20.07.2007, 08:46 Uhr)
Schwachsinniger Hype...
die Software bedient eigendlich nur die bekannteste aller menschlichen Schwächen,... die Neugier. Das macht sie nicht einmal besonders clever und obendrein sehr auffällig und auch nur mit Handy`s die über ein bestimmtes Betriebssystem verfügen.
Nein danke, hätte ich so etwas wie lauschen bei meiner Family nötig, würde ich mich auf die gleiche kranke Ebene begeben wie der Anbieter. Das ist mir dann doch zu niedrig!!
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