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16. Februar 2005, 14:06 Uhr

Tötet den mobilen Stillstand

Nach fünf Jahren und zeitweiliger Depression wagt sich das High-Tech-Mobilnetz UMTS wieder in die Öffentlichkeit. Mit leisem aber hörbarem Trommelwirbel versuchen die Mobilfunkanbieter nun ihre Milliardeninvestitionen zurückzuholen.

Demo-Laster von Motorola: Milliarden für die Lizenzen, Milliarden für die Infrastruktur© Picture-Alliance/Obs

Anfang 2003, es war die Zeit, als die Mobilfunkmanager so wenig Gewese wie nie um ihre sündhaftteure UMTS-Technik machten, gab der damalige Vodafone-Marketingchef Michael Paetsch zu Protokoll: "UMTS werden wir ohne Big Bang starten." Ein bisschen Bang wurde es aber doch noch, zwei Jahre später.

Anfang dieses Jahres stellte das britische Unternehmen der breiten Öffentlichkeit seine Funktechnologie der dritten Generation vor und hatte zu diesem Zweck eine Art Minisensation eingefädelt: Der Film "Was sie schon immer über Singles wissen wollten" war zu allererst auf einem UMTS-Handy zu sehen, noch vor der Erstausstrahlung auf RTL.

Wer guckt 90-minütige Filme auf dem Handy?

Nett, und ganz offensichtlich ein Marktinggag, wie Vodafone gerne einräumt. Zumal auf der gleichen Veranstaltung ein Herr des Handyherstellers Sony-Ericsson zu Bedenken gab, dass die neue Telefontechnik für vieles nützlich sei, mit ihr 90-minütige Spielfilme aufs Handy zu laden, aber sicher nicht dazugehöre.

Fünf Jahre hat es gebraucht, die spektakulärste und teuerste Vier-Buchstaben-Technik von der das Land je gehört hat, auf den Markt zu bringen. Sechs Mobilfunkbetreiber hatten 2000 die gigantische Summe von zusammen 100 Milliarden Mark auf Finanzminister Eichels Tisch gelegt, allein um eine Lizenz zu bekommen, von der alle glaubten, sie sei eine zum Gelddrucken.

Bevor das Gedrucke aber anfangen konnte, musste die Netzinfrastruktur her. Und Handys natürlich. Weil aber beides teuer in Entwicklung und Herstellung ist, die Kosten in die Milliarden gingen, verschoben die Anbieter den Start von UMTS immer wieder und immer weiter in die Zukunft.

Auch solche Nachrichten ließen die Branche nicht gerade in Verzückung geraten: 2001 hatte die Unternehmensberatung McKinsey ausgerechnet, dass die UMTS-Einführung europaweit rund 270 Milliarden Euro an Wert vernichten werde. Außerdem könnten die Mobiltelefonfirmen nicht vor 2017 damit rechnen, ihre Investitionen zurück zu erwirtschaften. Daneben waren Anweisungen aus den Führungsetagen zu hören, die es etwa verboten, mit dem Kürzel UMTS jemals zu werben.

UMTS soll heißen wie es heißt: UMTS

Passend dazu hatte Talkline, ein Mobilfunkanbieter ohne eigenes Netz, die Idee, sich einen neuen, knackigen, netten, gefühlvollen, kurz: schönen Namen für die in Ungnade gefallene Telefontechnik einfallen zu lassen. Doch es half alles nichts, weder "Swifty", "Ramona" noch "Blue Stream" vermochten zu überzeugen, für die Mehrheit der bundesweiten Abstimmenden sollte das "Universal Mobile Telecommunications System" so heißen wie es heißt: "Universal Mobile Telecommunications System", kurz UMTS.

Nun, zurück im Jahr 2005 wird der "Datenturbo" unter leisen aber hörbarem Trommelwirbel dem ganzen Volk schmackhaft gemacht, und auch der alte Optimismus lukt schon wieder um die Ecke. Ebenso wie die alten Anwendungen, von denen die Mobilfunkmanager bereits 2000 glaubten, sie würden ihre Milliarden locker amortisieren: Mobiles Fernsehen, Musik- und Spiele-Downloads, Navigation und die vielgepriesene Videotelefonie.

Doch gerade der Hoffnungsträger Videotelefonie könnte sich als Flop entpuppen: Nicht nur, dass bebilderte Ferngespräche selbst im technikverrückten Japan wenig Freunde finden, vor allem der so genannte Netzwerkeffekt werde den Anbietern Probleme bereiten, sagt der Telekomexperten Roman Friedrich von Booz, Allen, Hamilton. So nütze es einem Besitzer eines Videotelefons wenig, wenn er der einzige im Freundeskreis mit diesem Gerät ist. Wen sollte er anrufen? Solche neue Dienste werden sich daher vermutlich nur sehr langsam durchsetzen. Wichtig sei das schnelle Überschreiten einer kritischen Größe, so Friedrich. Doch für einen schnellen Erfolg seien die UMTS-Tarife noch viel zu hoch.

Nachrichten an der Bushaltestelle

Gerät der heißersehnte Durchbruch von UMTS also zum zweiten Mal ins Stocken? Der weltgrößte Handyhersteller Nokia will das nicht glauben: Auf Branchentreff 3GSM haben die Finnen ihre Einschätzung des UMTS-Marktes vorgestellt. Danach werde sich die Zahl der UMTS-Kunden in diesem Jahr von derzeit 16 Millionen auf 70 Millionen erhöhen. Immerhin eine Steigerung um mehr als 400 Prozent. Nicht viel allerdings bei geschätzten 1,7 Milliarden Handynutzern auf der ganzen Welt.

Dennoch: "Das Kundenwachstum in den rund 100 UMTS-Netzen weltweit wird deutlich an Fahrt gewinnen", sagt Nokia-Manager Simon Beresford-Wylie. Und Konkurrent Sony-Ericsson glaubt auch zu wissen, mit welchen Anwendungen die Kunden zu ködern sind: Nachrichten an der Bushaltestelle schauen, an der Supermarktkasse spielen oder im Café E-Mails schreiben. "Alles um den kurzen mobilen Stillstand zu töten", wie Steffen Grosch von Sony-Ericsson sagt.

Das ist UMTS (Universal Mobile Telecommunications System) Paketorientierter Übertragungsstandard. Über UMTS lassen sich Sprache, Bild und Text- Daten mit einer Geschwindigkeit bis zu zwei Megabit pro Sekunde etwa auf ein Handy übermittelt. UMTS ist bis zu 30 Mal schneller als ISDN und bis zu 200 Mal schneller als WAP-Handys.

Niels Kruse
 
 
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