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"Haste mal 'nen Bitcoin?" – warum wir das Bargeld retten müssen

Wir werden uns noch wehmütig an die Zeiten erinnern, in denen wir mit Scheinen und Münzen bezahlten, fürchtet Thomas Ammann

Bargeld Bitcoin

Steckt Oma dem Enkel bald statt Bargeld eine Bitcoin zu?

Heutzutage kann man jeden Schwachsinn in die Welt posaunen, und er wird sogar noch ernsthaft diskutiert. Da will man also Bargeldzahlungen auf 5000 Euro begrenzen, um Terroristen, Drogendealern und Geldwäschern das Handwerk zu legen. Von mir aus. Sollen sie uns alle unter Generalverdacht stellen und wie potenzielle Kriminelle behandeln. Das passiert bei der Vorratsdatenspeicherung inzwischen ja auch, und keinen interessiert’s. Ein paar Autohändler werden mit der Bargeld-Obergrenze vielleicht Probleme kriegen, aber sonst?

Doch jetzt kommen einige Schlauköpfe auf die Idee, man könnte das Bargeld ja gleich ganz abschaffen. In Zukunft wird nur noch mit Karte oder gleich mit dem Smartphone bezahlt, weil das ja so einfach und bequem ist. Wie bitte? Mir fällt da als erstes die Verkäuferin der Hamburger Obdachlosenzeitung Hinz & Kunzt ein, die tagein, tagaus vor dem Supermarkt meines Vertrauens steht. Im Winter darf sie in den beheizten Vorraum, was mir den Laden irgendwie sympathisch macht. Soll die Frau in Zukunft vielleicht ein Kartenlesegerät mitbringen, um ihre Zeitung loszuwerden? Brauchen die 460 anderen Hamburger Straßenverkäufer künftig alle eine App? Oder zahlt man die 2,20 Euro für Hinz & Kunzt bald mit Bitcoins? Was machen dann die Schnorrer in den Fußgängerzonen unserer Städte ("Haste mal 'nen Bitcoin?"), und was machen – noch schlimmer - all die Omas und Tanten, die den Kleinen heimlich ein bisschen Geld zustecken wollen, ohne dass es Mama und Papa merken? Müssen wir die Sparschweine bald mit iTunes- oder Amazon-Gutscheinen füllen? Fragen über Fragen.

Bargeldfrei ohne eigenes Konto?

Denkt eigentlich überhaupt noch jemand nach, bevor solche Schnapsideen an die Öffentlichkeit kommen? Die flächendeckende Abschaffung des Bargelds würde vor allem voraussetzen, dass jeder, vom Kleinkind bis zum Greis, irgendeine Art von Giro- oder Kreditkartenkonto hat. Das ist gar nicht mal so selbstverständlich. Zweieinhalb Milliarden Menschen haben auf diesem Planeten nämlich überhaupt keinen Zugang zu bargeldlosem Zahlungsverkehr – jeder zweite Erwachsene auf der Welt, wobei Frauen überrepräsentiert sind. Der Ausschluss von Finanzdienstleistungen zeigt sich als eine sehr konkrete Art der Diskriminierung. Diese Menschen besitzen kein Bank- oder Sparkonto, keine Scheck- oder Kreditkarte, keinen Zugang zu Onlinekonten und noch nicht einmal die Möglichkeit, anders als mit Pre-Paid-Karten an der mobilen Kommunikation teilzunehmen. Diese Form der "Exklusion" betrifft im Wesentlichen natürlich die sogenannte Dritte Welt, aber auch bei uns gibt es tausende Menschen, die den Banken buchstäblich nichts Wert sind. Die Gesellschaft würde mit der Abschaffung des Bargelds unweigerlich noch viel mehr auseinanderdriften, als sie es ohnehin schon tut.

Und überhaupt sollten wir uns sehr gut fragen, ob wir in Zukunft auch noch den Rohstoff für die Big Data-Analysen sämtlicher Supermarkt-, Fast-Food- und Mode-Ketten etc. liefern wollen, oder ob das vielleicht doch keine so gute Idee ist. Wer beispielsweise bei Starbucks künftig seinen Kaffee – oder wie man das in dem Pappbecher nennen soll - nur noch per Smartphone-App bezahlt, liefert dem Konzern unfreiwillig jede Menge persönliche Daten, inklusive detailliertem Bewegungsprofil. Und das bei jedem Einkauf, ein ganzes Starbucks-Leben lang. An der Kasse von Edeka, Lidl & Co. sieht es kaum anders aus, und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Wir werden damit nicht nur gläsern, sondern in unserem gesamten Verhalten berechenbar. Und niemand hat auch nur die geringste Kontrolle darüber, was die Konzerne mit diesen Informationen tun.

Der gläserne Kunde wird immer durchschaubarer

Es ist schon schlimm genug, dass wir die IT-Giganten mit unseren Daten beliefern, sie sind der Rohstoff für deren Milliardenmaschinerie. Schon heute kann der Amazon-Account mehr über unsere Ansichten und Neigungen verraten, als uns zuweilen lieb ist. Und Amazon glaubt anscheinend, bald mehr über uns zu wissen als wir selbst. Der Konzern experimentiert bereits mit der Technologie des "anticipatory shipping", bei dem die Waren an Kunden versendet werden, bevor diese sie überhaupt bestellt haben. Im Spielfilm Minority Report versucht man durch Einsatz von Totalüberwachung und „Analytics“ vorherzusehen, welche Verbrechen demnächst geschehen werden, um sie im Vorwege zu verhindern. Auch solche Verfahren sind keine Science Fiction mehr. "Predictive policing", vorausschauende Polizeiarbeit, wird in den USA schon in mehreren Städten eingesetzt und in Deutschland inzwischen auch erprobt. Die Polizisten patrouillieren verstärkt dort, wo ihnen der Computer die höchste Wahrscheinlichkeit für ein Verbrechen vorhersagt – mit Erfolg, wie es heißt. Eine mögliche Konsequenz zeigt der Minority Report: Täter werden für Verbrechen festgenommen, die sie noch gar nicht begangen haben.

Der polnisch-britische Soziologe und Philosoph Zygmunt Bauman, Jahrgang 1925, beobachtet die gesellschaftlichen Auswirkungen der digitalen Überwachung seit einigen Jahren und hat dazu einige der klügsten Analysen verfasst. "Die neuen Formen der Überwachung", schreibt Bauman in seinem Buch Daten, Drohnen, Disziplin. Ein Gespräch über flüchtige Überwachung (zusammen mit David Lyon), "bewirken, kurz gesagt, eine neue Transparenz, durch die nicht nur der Staatsbürger als solcher, sondern jeder Mensch in allen Bereichen des Alltagslebens pausenlos überprüft, beobachtet, getestet, bewertet, beurteilt und in Kategorien eingeordnet werden kann. Und zwar völlig einseitig. Während unser Alltag für die uns beobachtenden Organisationen in allen Details transparenter wird, entziehen sich deren Aktivitäten zunehmend unserer Einsichtsmöglichkeiten."

Freudig mitmachende Opfer

Die Folgen sind entweder Ausgrenzung für diejenigen, die nicht mithalten wollen oder können (zum Beispiel weil sie kein Konto haben), oder Bestärkung und Belohnung für diejenigen, die solche Verhältnisse für ganz natürlich halten. Das Bemerkenswerte daran ist, dass die Überwachung erst durch den Enthusiasmus der Überwachten – also von uns begeisterten Smartphone-Usern - ihre ganze Wirkung entfalten kann. Die Konzerne, die mit unseren Daten ihre Megagewinne machten, hätten dagegen entdeckt, sagt der 90-jährige Weise Zygmunt Bauman, dass "die Manipulation von Entscheidungen in die gewünschte Richtung am besten durch Verführung, nicht durch Zwang zu bewerkstelligen" sei.

Zum Beispiel durch die Verführung zum bequemen bargeldlosen Zahlungsverkehr. Selten wirkte es befreiender, die Straßenzeitung in "cash" zu bezahlen, als heute. 

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