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Sauber statt schlau? Die Abgas-Affäre und der Traum vom autonomen Fahren

Die Vision vom Roboterauto hat durch den VW-Skandal kräftige Schrammen abbekommen, meint Thomas Ammann.

Wie sieht die Zukunft des Autos aus? Auch der VW-Skandal könnte eine Richtung weisen.

Wie sieht die Zukunft des Autos aus? Auch der VW-Skandal könnte eine Richtung weisen.

Der VW-Skandal hat vielleicht auch sein Gutes - bei aller Tragik, die der ganze Schlamassel vor allem für die rund 600.000 Mitarbeiter des Konzerns hat. Das Gute könnte sein, dass es in der nächsten Zeit nicht mehr darum geht, wer das schlaueste Auto baut, sondern wer das sauberste Auto baut.

Bisher war autonomes bzw. pilotiertes Fahren das nächste große Versprechen, bei dem sich vor allem die technikgetriebenen deutschen Autokonzerne gegenseitig zu überbieten versuchten. Das selbststeuernde Auto sollte zum „mobilen Lebensraum“ werden, in dem man völlig entspannt durch die Gegend kutschiert wird und die gewonnene Zeit dadurch sinnvoll nutzt, dass man noch mehr mit dem Smartphone mailt, chattet und surft.

Auf der diesjährigen IAA in Frankfurt am Main (Motto: "Mobilität verbindet") war vernetztes und automatisiertes Fahren das große Thema. Mit der "New Mobility World" bekam die schöne neue Welt des Straßenverkehrs erstmals einen eigenen Ausstellungsbereich, in dem es um "Connected Car, Automated Driving, Electric Mobility, Urban Mobility und Mobility Services" ging - also um alles, was man nicht genau versteht, was aber unheimlich modern und vielversprechend klingt.

Anschluss an die Zukunft?

Zu Beginn des Jahres hatten Mercedes und Audi bereits ihre autonom fahrenden Prototypen vorgestellt: den Mercedes "F 015 Luxury in Motion", der bei der Computermesse CES in Las Vegas Premiere hatte, und einen fahrenden Roboter von Audi im Gewand einer A7-Limousine, der bezeichnenderweise seine Jungfernfahrt auf kalifornischen Highways absolvierte - in jenem US-Bundesstaat also, in dem die mutmaßlich gefährlichste Konkurrenz der deutschen Autokonzerne sitzt: Internetgiganten wie Google und Apple.

Die Digitalisierung im Straßenverkehr versprach den Anschluss an die Zukunft, die Diskussionen um die Umweltbelastungen und die damit verbundenen Fragen des Antriebs, so schien es, hatte man im Griff. Zögerlich (und teilweise auch getrieben durch die Konkurrenz aus Japan und dem Silicon Valley) wandten sich auch die großen deutschen Technologieführer elektrischen oder teil-elektrischen Antrieben zu, was sie offenbar eigentlich für unter ihrer Würde halten. So konnte sich Ex-VW-Vorstandschef Matin Winterkorn im stern-Interview im Februar einen Seitenhieb auf den US-Hersteller Tesla nicht verkneifen: "Einen Elektromotor mit der Batterie zu verbinden und vier Räder anzutreiben ist relativ einfach. Schauen Sie sich Golfcarts an: Das können sogar ganz kleine Hersteller. Verbrennungsmotoren, Plug-in-Hybride, Getriebe oder Fahrverhalten zu optimieren, das sind ganz andere Baustellen."

Denn um beispielweise traditionelle Verbrennungsmotoren auf umweltfreundlich zu trimmen, braucht es schon ganz besonders fähige Köpfe - oder besonders kreative Ideen zur Programmierung der Motorsteuerung, wie man seit dieser Woche weiß.


Skepsis bei Matthias Müller

Der bisherige Porsche- und nun Volkswagen-Boss Matthias Müller hat jetzt die Chance, eigene Duftmarken zu setzen. Den Roboterautos steht er jedenfalls äußerst skeptisch gegenüber, wie er noch vergangene Woche dem Magazin "auto, motor und sport" verriet: "Das autonome Fahren stellt für mich einen Hype dar, der durch nichts zu rechtfertigen ist. Ich frage mich immer, wie ein Programmierer mit seiner Arbeit entscheiden können soll, ob ein autonom fahrendes Auto im Zweifelsfall nach rechts in den LKW schießt oder nach links in einen Kleinwagen."

Als Porsche-Chef konnte Müller so etwas unbeschadet sagen, weil er davon ausgehen kann, dass ein Großteil seiner fahraktiven Sportwagen-Kundschaft das robotergesteuerte Fahren sowieso für eine Horrorvision hält. Als Chef des Volkswagen-Konzerns wird er etwas mehr darauf achten müssen, keinen Verbalcrash zu produzieren. Denn mit dem "pilotierten Fahren" ist die andere Volkswagen-Edeltochter Audi nach eigener Aussage gerade dabei, "die Art und Weise, wie wir Autofahren grundlegend zu verändern" und dabei natürlich "zu verbessern".

Dabei hat der künftige VW-Lenker Müller genau den wunden Punkt getroffen. Seine Vorstandskollegen in den anderen deutschen Autokonzernen sind sich des gravierenden Problems offenbar genauso bewusst. "Es kann passieren, dass ein Auto vor einem Hindernis nicht mehr bremsen kann, etwa einem Kind, das auf die Straße läuft", sagte uns Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche schon im Januar dieses Jahres im stern-Interview. "Das Auto muss dann entscheiden: Fahre ich geradeaus, oder fahre ich links oder rechts vorbei? Aber auch links und rechts können Menschen sein."

Ethische Grundfragen

Eine Lösung dafür hat aber derzeit niemand parat. Ethische Grundfragen lassen sich nicht so einfach einprogrammieren wie das automatische Erkennen einer Messfahrt auf dem Prüfstand, wie das im VW-Skandal offenbar geschehen ist. "Da brauchen wir Regeln, auf die wir uns als Gesellschaft verständigen - eine Art Roboterethik", hat auch Daimler-Chef Zetsche im stern-Interview zugegeben. Allerdings könne er sich auch vorstellen, "dass die Lösung dieser Fragen länger dauern kann, als die Technik zu entwickeln."

Da mag er wohl Recht haben. Die Tatsache, dass es heute in modernen Autos jede Menge elektronische Helferlein gibt, die selbständig auf der Autobahn die Spur halten, den Abstand zum Vordermann korrigieren, darüber wachen, ob die Person am Steuer Anzeichen für Müdigkeit erkennen lässt, oder wie von Geisterhand gesteuert selbständig einparken, sagt überhaupt nichts darüber aus, ob sich die Kombination solcher Assistenzsysteme auch nur halbwegs angepasst im Straßenverkehr verhält. 

Bislang würde noch jeder Roboter an der Aufgabe scheitern, als Fußgänger eine mäßig belebte Straßenkreuzung zu überqueren. Wie man da auf die Idee kommen kann, dass Roboter am Steuer sicher durch den Großstadtdschungel kommen, ist mir bisher noch nicht ganz klar. Der Traum vom vollkommen unfallfreien Fahren dürfte also noch in weiter Ferne liegen.

Außerdem: Bevor man sich Gedanken macht, wie man Robotern ethisches Verhalten einpflanzt, sollte man sich lieber die Frage stellen, wie es um die menschliche Ethik in manchen Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne bestellt ist. Die Abgas-Affäre bei Volkswagen hat uns da interessante Einblicke gewährt.
 

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