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Industrie 4.0: von Menschen und Pferden

Früher lief ohne Pferde im Arbeitsleben überhaupt nichts. Bis man sie nicht mehr brauchte. Geht es uns bald genauso? fragt Thomas Ammann.

Heute geht es mal nicht um die oder den , nicht um Netzpolitik und #Landesverrat und auch nicht um die Hacker im Bundestag - heute geht es zur Abwechslung um Menschen und Pferde, genauer gesagt um die Frage, ob uns demnächst das widerfährt, was den Pferden gegen Ende des 19. Jahrhunderts passiert ist. Sie wurden nämlich überflüssig, jedenfalls soweit es ihre Arbeitskraft betraf. Niemand brauchte sie mehr.

Mit der Frage, ob uns dasselbe Schicksal wie den Pferden droht, beschäftigten sich unlängst zwei absolut seriöse Wirtschaftswissenschaftler an der MIT Sloan School of Management, Erik Brynjolfsson und Andrew MacAffee. In ihrem Buch mit dem Titel „Das zweite Maschinenzeitalter“ ("The Second Machine Age: Work, Progress, and Prosperity in a Time of Brillant Technologies") stellen die Ökonomen die ultimative Frage, die uns alle angesichts der Diskussion um intelligente Roboter, Industrie 4.0, Internet der Dinge etc. beschäftigen sollte: Machen uns diese schlauen Maschinen, die wir selbst in die Welt setzen, irgendwann überflüssig?

Bestand an Pferden wuchs auf 21 Millionen

Der Vergleich mit den Pferden ist nicht so absurd, wie er auf den ersten Blick scheint. Wassily Leontief, früherer Nobelpreisträger für Wirtschaft, brachte ihn 1983 erstmals auf und steuerte sogar einige Fakten bei. Über Jahrhunderte schienen Pferde für die Verrichtung schwerer Arbeiten, für die Kriegsführung und den Transport von Menschen unverzichtbar. Und selbst mit dem Beginn der industriellen Revolution schien sich daran nichts zu ändern, wie Leontief bemerkte. Sogar als in den USA mit der Einführung des Telegrafen zur Übermittlung eiliger Nachrichten der traditionelle "Pony Express" verdrängt wurde und Dampfeisenbahnen die Pferdekutschen ersetzten, schien der Bestand an Pferden noch unaufhaltsam zu wachsen. Zwischen den Jahren 1840 und 1900 versechsfachte er sich in den USA sogar, bis auf 21 Millionen Pferde und Maultiere. In Europa war es kaum anders. Die Tiere wurden nicht nur in der landwirtschaftlichen Produktion gebraucht, sondern auch in den rasch wachsenden Metropolen für die Beförderung von Waren und Personen.

Im Jahr 1960 waren es aber nur noch drei Millionen Pferde in den USA, und die wenigsten von ihnen wurden noch für Arbeitszwecke eingesetzt. Verantwortlich war dafür natürlich vor allem die flächendeckende Einführung des Verbrennungsmotors. "Die Pferde wurden einfach irrelevant", stellen Brynjolfsson und MacAffee lapidar fest, und zwar sei das in dem Moment geschehen, in dem "die richtige Technologie" aufgekommen sei.

Werden Menschen überflüssig?

Werden wir dasselbe auch mit uns selbst erleben? Werden uns das Internet der Dinge, intelligente Computer, autonome Fahrzeuge oder humanoide Roboter aus der Wirtschaftswelt verdrängen? Für Leontief war die Antwort klar: Die menschliche Arbeitskraft wird überflüssig. "Die Rolle des Menschen als wichtigster Produktionsfaktor wird schwinden, genauso wie Pferde in der Arbeitswelt zunächst bedeutungslos wurden und schließlich ganz daraus verschwanden.“ Für das Jahr 1983 - als Computer noch die Größe von Obstkisten hatten, vorwiegend mit unverständlichen MS/DOS-Befehlen zu bedienen waren und die Bildschirme grüne Zeichen auf schwarzem Grund zeigten – war das eine reichlich steile These, die möglicherweise vor allem einen Zweck hatte: Sie sollte provozieren und auf potenzielle Gefahren hinweisen.

Denn die Frage, was die moderne Technologie mit der Arbeit und den Arbeitsplätzen macht, ist mindestens so alt wie die Industrialisierung selbst. Jetzt sind wieder einmal alle aufgeschreckt, seit smarte Roboter in der einen oder anderen Form in die Werkshallen und Büros drängen, in den Straßenverkehr, in Krankenhäuser und sogar in die privaten Wohnungen. Senioren in Japan kann es durchaus passieren, dass sie von einer mehr oder weniger freundlichen Pflegekraft mit digitalem Eigenleben umsorgt werden. "Wo bleibt da Platz für Menschen?", fragt mein Kollege Florian Güßgen im neuen stern dieser Woche. "Was soll aus all den Facharbeitern und Fernfahrern werden, den Bankangestellten und Buchhaltern?"

Tja, was? Es gibt Studien, die wahre Horrorszenarien an die Wand malen. Bis zu 59 Prozent der Arbeitsplätze seien in Deutschland bedroht, meinen Experten der ING-Diba-Bank, darunter gering qualifizierte Büro- und Hilfsarbeitskräfte, Anlagen- und Maschinenbediener. Dagegen glaubt die Unternehmensberatung Boston Consulting, es könnten hierzulande sogar bis zu 390.000 neue Jobs entstehen. Irgendwo dazwischen liegt vermutlich die Wahrheit.

Auch Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson - die mit den Pferden - spenden etwas Trost: Sie erwarten, dass die neuen Roboter für mehr Wachstum und damit mehr Wohlstand sorgen werden. Allerdings nicht für alle: Die Reichen würden noch reicher, die Armen noch ärmer werden. Kennt man irgendwoher.

Werte neu definieren

Das Schicksal der Pferde indes, da sind sich wohl alle Propheten einig, wird uns erspart bleiben. Deren Geschichte, sagen McAfee und Brynjolfsson, tauge nicht als Vorbild für uns Menschen. Wir könnten uns im Zweifel selbst davor schützen, ökonomisch irrelevant zu werden - anders als die Pferde. Die Lösung dafür käme aber nicht von den Maschinen, meinen die beiden Ökonomen. Es gehe jetzt darum, dass sich die technologisch hoch entwickelten Nationen die richtigen Ziele steckten und ihre Werte neu definierten. Wie kann der Überfluss, den die Industriegesellschaft 4.0 produziert, geteilt werden? Wie kann die wachsende Ungerechtigkeit beseitigt werden, und wie können wichtige Elemente der bürgerlichen Gesellschaft neu definiert werden – Bildung, Steuern und Abgaben, Gesundheit und soziale Sicherheit.

Und so ist dieses Neulandthema zur Abwechslung einmal nicht an den Politikern vorbeigegangen. Bei einer Regierungsklausur in Meseberg wollen sich die Kanzlerin und ihr Kabinett Mitte September um die Industrie 4.0 und ihre Folgen kümmern. „Die Zukunft ist digital und global“, legte sich Angela Merkel kürzlich in ungewohnter Weise fest. Arbeitsministerin Andrea Nahles hatte schon im April ein sogenanntes Grünbuch vorgestellt, das sich mit der Frage beschäftigt: Was kommt da auf uns zu? Bis 2016, so hört man, soll es Antworten geben. Wenn das mal nicht zu spät ist. In der Zwischenzeit werden in der Industrie mit Höchstgeschwindigkeit Fakten geschaffen.

Leben als Luxusobjekt

Die Pferde sind inzwischen regelrecht degeneriert zu lebenden Sportgeräten auf vier Beinen, zu mehr oder weniger überflüssigen Luxusobjekten. Andererseits: Ein Leben als Luxusobjekt - wo ist das Problem?

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