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Der Hass bleibt lebendig

Liebe stern-Leser!

Wie bei fast allen Scharmützeln und Kriegen der jüngeren Vergangenheit im Nahen Osten wird die Diplomatie hoffentlich auch diesmal das Blutvergießen im Libanon und Norden Israels beenden. Danach wird über eine Lösung am Verhandlungstisch gestritten - und auch darüber, wer für die Eskalation verantwortlich ist. Das lässt sich nicht nach einfachen Maßstäben wie Gut und Böse oder Recht und Unrecht bewerten: Jeder weiß, dass die Hisbollah ihr riesiges Raketenarsenal nicht zur Selbstverteidigung oder Abschreckung angelegt hat. Es sind Tausende Sprengköpfe, die auf israelischem Boden Tod und Zerstörung bringen sollen. Verständlich also, dass der jüdische Staat nach 58 Jahren Existenzkampf nicht tatenlos zusehen mag. Und dennoch: Wenn es denn vordringlich um die Vernichtung dieser Raketen geht - der eigentlichen Gefahr für das Leben der Israelis -, warum müssen dann ganze Stadtteile von Beirut in Schutt und Asche gelegt werden? Wäre es denn so unehrenhaft gewesen, die beiden verschleppten israelischen Soldaten gegen eine Hand voll Libanesen auszutauschen?

Im Ergebnis wird die Hisbollah geschwächt im Untergrund überleben, dem gedemütigten Libanon steht ein jahrelanger Wiederaufbau bevor, Hunderte, vielleicht Tausende Tote, Krüppel und Verletzte werden auf beiden Seiten den Hass lebendig halten. Die tragischen Bilder im TV-Sender al Jazeera einen aufs Neue das arabische Lager. Selbst Sunniten und Schiiten, sonst einander zutiefst suspekt, solidarisieren sich. Israel und damit auch die Vereinigten Staaten sehen sich einer frischen ideologischen Front gegenüber. Am Ende wird eine UN-Friedenstruppe im Südlibanon antreten müssen, mit "robustem Auftrag", also der Lizenz zum Töten.

An dieser Stelle wird es für Deutschland heikel. Die Kontingente einer Friedenstruppe müssen nach dem Neutralitätsprinzip ausgewählt werden. Da scheidet die Bundeswehr aus bekannten Gründen aus. Es ist undenkbar, dass deutsche Soldaten in einen bewaffneten Konflikt mit Israelis geraten. Viele der jungen Bundeswehrsoldaten haben ein Verständnis für die historische Verantwortung, die mit der Uniform ihres Landes verbunden ist. Skrupel, im Extremfall auf einen jüdischen Soldaten anlegen zu müssen, kann man auch ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust nicht mit dem Prinzip Befehl und Gehorsam auflösen! Es blieben für die Bundeswehr also nur logistische Aufgaben.

Anders liegt der Fall

bei den Einsätzen in Afghanistan oder auch im Kongo, wo die Bundeswehr mit 780 Mann die ersten freien Wahlen am kommenden Sonntag ein bisschen sicherer machen soll. Seit neun Jahren heißt das Land "Demokratische Republik Kongo", doch diesen Namen muss es sich erst verdienen. Bei ihren Recherchen in der Hauptstadt Kinshasa stießen stern-Reporter Martin Knobbe und Fotograf Günther Menn auf Vorbehalte und Verschwörungstheorien: "Warum schickt ihr Europäer bewaffnete Soldaten? Wir sind doch nicht im Krieg! Warum unterstützen die Europäer Präsident Kabila?" Unter den Bundeswehrsoldaten ist die Stimmung geteilt. Manche verstehen den Auftrag als Beginn einer neuen Einsatz-Art: Hilfe beim "Nation-Building". Andere fragen sich, was sie dort sollen, was ein so kleiner Haufen in einer Stadt mit knapp acht Millionen Einwohnern ausrichten kann. Ein Oberstleutnant antwortete den stern-Reportern mit einer Metapher: Es gehe in erster Linie um Symbolwirkung. "Wenn man am Rand der Autobahn einen Polizeiwagen sieht, fährt man automatisch langsamer, obwohl man es gar nicht muss. So ähnlich ist das auch mit unseren Soldaten..." Der Bericht beginnt auf Seite 36.

Herzlichst Ihr

Andreas Petzold

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