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5. Juni 2008, 16:48 Uhr

"Verrückt, dreckig und krank"

Leo Beenhakker sind die Angriffe der polnischen Medien mehr als peinlich© Czarek Sokolowski / AP Photo

Der FDP-Sportpolitiker Detlef Parr erklärte, er werde die "Geschmacklosigkeit" beim Besuch des Sportausschusses am 10. Juni in Warschau zur Sprache bringen. Am Montag hatte "Fakt" ebenfalls auf historische Vergleiche gesetzt und an Beenhakker appelliert: "Leo, wiederhol' Grunwald."

Die Kritisierten blieben unbelehrbar: "Fakt" warnte nun vor einer deutsch-österreichischen Verschwörung auf Kosten Polens: "Unsere Gegner machen keinen Hehl daraus, dass sie sich auf das Ergebnis ihres Spiel einigen könnten." Wenn Österreich im Spiel gegen Polen einen Sieg brauche und Deutschland bereits den Aufstieg in der Tasche habe, würde Deutschland das Spiel ganz einfach verkaufen. Belege dafür fehlen. Natürlich.

Und damit lösten die Blätter auch Bestürzung in Südösterreich aus, wo das Gros der Berichterstatter sich von den (Krawall)-Kollegen distanzierte. "Wir sind davon alle betroffen", sage Michael Szadkowski aus Warschau, Redakteur bei Gazetta Wyborcze, eine der angesehenen seriösen Zeitungen. "So etwas gibt nicht unsere Meinung und nicht die Meinung der Bevölkerung wieder." Aber was hilft das? Mit antideutschen Kampagnen lässt sich offenbar nicht nur in England gut Kasse machen. Und wie bedenklich ist es, wenn Fakt, ein in Händen des Axel-Springer-Verlages befindliches Blatt, nächsten Tag aus demselben Hause die Retourkutsche erhält? "EM-Krieg gegen uns", titelte die Bild am Donnerstag.

Doch gewisse Animositäten scheinen auch in der polnischen Auswahl tief verankert. Nicht alle sind so medienerprobt wie Krzynowek. Sonst hätte Ersatzspieler Marek Saganowski nicht gegenüber der Zeitung "Dziennik" gehetzt: "Dieser deutsche Panzer stört mich nicht. Ich werde gern mit ihm zusammenstoßen." Und der 29-Jährige sagte dort auch: "Dieser deutsche Panzer hat einen Dieselmotor. Er braucht viel Anlaufzeit. Deshalb ist es ideal, dass wir schon das erste Spiel gegen Deutschland spielen."

Eines immerhin hatte auch der Profi des FC Southampton registriert: "Vergessen wir nicht, dass es am Sonntag nicht zu einem Krieg, sondern zu einem Sportwettkampf kommen wird." Das ist auch Beenhakkers vordergründige Botschaft; der aus Rotterdam stammende Fußball-Lehrer kann über so viel Schlichtheit grundsätzlich nur den Kopf schütteln, auch wenn er nur Englisch mit seinen Spielern spricht und daher nicht alles versteht, was rund um ihn herum alles von sich gegeben wird. Aber eigentlich ist man bei ihm damit an der falschen Adresse. Der Weltenbummler bediente sich lieber seines reichen Erfahrungsschatzes, um auf das Spiel gegen einen Gegner einzustimmen, den Polen in 15 Vergleichen noch nie besiegt hat. "Wir wissen, was wir können. Und wir können sehr gut sein." Und nur weil es jetzt gegen Deutschland gehe, "werde ich unseren Weg und unsere Philosophie nicht verlassen."

Viele im Umfeld des Teams sind überzeugt, dass allein dies die Mittel sind, um Stärke zu zeigen und die Deutschen erstmals zu schlagen. In 15 Länderspielen stehen für Polen vier Unentschieden zu Buche. Und elf – teilweise schmerzliche – Niederlagen. Vor allem das 0:1 bei der WM 1974 in der Wasserschlacht von Frankfurt ist unvergessen, das 0:1 bei der WM 2006 in Dortmund fast ähnlich legendär. Tomasz Hajto, der frühere Kapitän, mit 35 der Kopf bei Gornik Zabrze, glaubt, dass die Zeit reif ist, "Deutschland zu bezwingen." Hajto: "Seit 20 Jahren ist es doch immer das Gleiche: Die erste Halbzeit sind die Deutschen schlecht. Dann stehen sie unter Druck und drehen das Spiel." Als Experte des polnischen Pay-TV-Senders Polsat hat er viel Vertrauen ins aktuelle Ensemble: "In der ersten Halbzeit, wenn die Deutschen schlecht sind, schießen wir drei Tore." Das ist ein guter Rat. Ein besserer als jener gewisser Blattmacher.

Von Frank Hellmann, Bad Waltersdorf
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