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23. Mai 2008, 10:15 Uhr

Mit Wissen zum EM-Titel

Ohne moderne Analyse-Systeme geht im Tempofußball der Neuzeit nichts mehr - und nicht nur Österreicher und Deutsche machen vor der Europameisterschaft reichlich Gebrauch davon. Laufwege und Spielzüge werden haarklein zerlegt, die Resultate können zum EM-Titel führen. Von Frank Hellmann

Das Training der deutschen Nationalmannschaft und jeder Spieler wird haarklein analysiert© Michael Hantschke / DPA

Die Begriffe wirken geheimnisvoll. "Mastercoach" heißt der eine. "Amisco Pro" der andere. Oder schlicht "sports analytics". Was sich dahinter verbirgt? Damit werden heutzutage die letzten Geheimnisse des modernen Fußballs gelüftet. Denn längst sind die Zeiten vorbei, als gegnerische Teams noch einen Spion in fremde Stadien entsandten, der sich auf kleinen Zetteln wirre Notizen machte und anschließend verschlüsselte Botschaften an den Trainer sandte.

Der aktuelle Hochgeschwindigkeitsfußball ist gläsern geworden, seit im Tribünendach installierte Kameras jeden Spielzug, jeden Laufweg, jeden Ballkontakt und jeden Zweikampf unter die Lupe nehmen. Möglich machen das so genannte Spielanalyse-Systeme, die auch in der Vorbereitung auf die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft eine tragende Rolle spielen.

Sensortechnik mit acht Kameras

"Wir werden uns auf die EM sehr professionell vorbereiten, auch wenn man Erfolg nicht planen kann", sagt Josef Hickersberger, Teamchef der österreichischen Nationalelf. Der 60-Jährige vertraut den Experten von "Amisco Pro", die mit acht unter dem Stadiondach montierten Kameras eine Sensortechnik einsetzen, die alle Spieler- und Spielbewegungen aufzeichnet. Wichtig: Diese werden nicht gefilmt, sondern die Daten werden aufgezeichnet, so dass eine zweidimensionale Animation aus der Vogelperspektive erfolgt, die mit dem Realbild synchronisiert wird. Klingt kompliziert? Ist es aber für die Trainer längst nicht mehr, der zwei Tage nach einem Spiel entweder die Kameraperspektive oder die komplette Spielübersicht anschauen können. Hickersberger jedenfalls ist nach Ansicht des Analysesystems zu dem Schluss gekommen, dass sich zur EM-Reife noch einiges verbessern muss: "Unser Gleichgewicht zwischen Defensive und Offensive stimmt noch nicht, wir leisten uns zu viele Ballverluste, die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen sind zu groß." Und: "Wir haben keine Probleme mit der Kondition, sondern mit der Ökonomie, uns die Kräfte richtig einzuteilen."

Beispiel: 80. Spielminute, 2:1 durch Fabregas (Arsenal London) beim Spiel gegen Tottenham Hotspur

Dabei hilft inzwischen sogar das Wissenschaftsministerium, das Willi Ruttensteiner, dem technischen Direktor des Österreichischen Fußball-Bundes (ÖFB) in einem so genannten "Daten-Recherche-Projekt" unter die Arme greift, um ein Dossier und eine DVD von jedem Gruppengegner zu erstellen.

Hickersberger ist überaus angetan von der wissenschaftlicher Unterstützung und zeigt sich den Errungenschaften gegenüber äußerst aufgeschlossen. "Lernen ist wie Rudern gegen den Strom. Sobald man aufhört, treibt man zurück."

Das Laufprofil eines Außenverteidigers aus der Bundesliga - protokolliert von "Mastercoach"© Mastercoach

Klinsmann war der Vorreiter

Einer Devise, der sich einst auch Jürgen Klinsmann verschrieben hatte. Der Wahl-Kalifornier, Bald-Bayer und ehemalige Teamchef der deutschen Nationalelf entdeckte nach seinem Amtsantritt 2004 die moderne Analyse-Technik für den Deutschen Fußball-Bund. Bis dahin war noch Erich Rutermöller ausgezogen, um schriftlich und mündlich vor den Gegnern zu warnen. Heraus kamen bei der WM 2002 noch Hinweise, wie etwa die erhellende Erkenntnis vor dem Auftaktspiel gegen Saudi Arabien (8:0). "Die Nummer neun ist schnell und kann den Ball gut halten."

Damit gibt sich Joachim Löw längst nicht mehr zufrieden, wenn Chefscout Urs Siegenthaler unterwegs ist. Der findige Schweizer zerlegt ein 90-minütiges Fußballspiel stundenlang akribisch in seine Einzelteile - und dabei hilft die Düsseldorfer Firma "Mastercoach", die bei jedem Länderspiel einen Mitarbeiter für Siegenthaler abstellt. Christopher Clemens von "Mastercoach" gehört inzwischen sogar zur offiziellen DFB-Delegation - gemeinsam mit Siegenthaler hockt er am Laptop des Besprechungsraumes, der Dialog mit Löw, Hansi Flick oder Andreas Köpke ist rege.

Klare taktische Vorgaben

Für die Analysten geht es schließlich auch darum, den Spielern eine Präsentation zu verabreichen, die Stärken und Schwächen des Gegners visuell sichtbar macht. Ein auf den ersten Blick verwirrendes Laufprofil des Außenverteidigers oder bunte Balkendiagramme helfen manch einem Spieler vermutlich wenig. Jens Urlbauer, Geschäftsführer von "Mastercoach", schildert die Vorzüge solcher Systeme: "Es ist ein effizientes Werkzeug für moderne Trainingsarbeit, das mit einer auf den Punkt gebrachten Visualisierung auch die Spieler noch innerhalb einer Meisterschaft oder eines Turniers erreicht. Damit gibt Mastercoach den Trainern die Möglichkeit, im taktischen Bereiche oder in der Spielvorbereitung ihre Ziele klar zu formulieren."

Und das tun bei der EM mittlerweile fast alle Teilnehmer - EM-Gastgeber Schweiz hat sich schon 2004 in Portugal der Hilfe von Clemens und "Mastercoach" bedient. Genützt hat es freilich nichts: Genau wie die - ohne unterstützendes Analyse-System angetretenen Deutschen - schieden auch die Schweizer vor vier Jahren mit nur einem Punkt als Gruppenletzter aus.

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KOMMENTARE (1 von 1)
 
peternicki (23.05.2008, 13:38 Uhr)
Mit Wissen zum EM-Titel
Hier wird vom "Tempofußball der Neuzeit" gesprochen. Sorry, im Gegensatz zur engl. Premiere League
haben wir in der Bundesliga noch nie etwas vom Tempofußball gesehen! Die Ergebnisse unserer Vereine in europäischen Wettbewerben sprechen doch für sich - oder!!!
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