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25. Juni 2008, 09:07 Uhr

Ein Herz ist groß genug

Die deutsch-türkische Journalistin Özlem Topcu denkt auf Deutsch, meistens zumindest. Das Thema Integration findet sie langweilig - erst recht im Zusammenhang mit Fußball. Auf stern.de schreibt sie, warum sie der Türkei die Daumen drückt - und warum das Halbfinale für die 1,7 Millionen Türken in Deutschland ein einfaches Spiel ist.

1,7 Millionen Türken in Deutschland drücken ihrem Team die Daumen - und wenn Deutschland gewinnt, macht es nichts: Dann unterstützen sie eben Deutschland im Finale© Volker Hartmann/DDP

Zunächst einmal: Ich bin heute Abend für die Türkei. Müssen wir jetzt eine Integrationsdebatte daraus machen? Bitte nicht! Das ist langweilig und fehl am Platz. Zumindest im Zusammenhang mit Fußball.

Ich wünsche mir, dass die türkische Nationalmannschaft heute Abend Deutschland im Halbfinale schlägt. Auf dem Rasen. Und das hat wahrlich nichts mit Nationalität zu tun. Ganz im Gegenteil geht mir das nationalistische Gehabe einiger "Landsleute", ob mit Schwarz-Rot-Gold oder Halbmond, auf dem Fan-Trikot ganz schön auf die Nerven.

Keine zwei Herzen in der Brust

Dass ich den Türken die Daumen drücke, hat auch nichts mit mangelnden Eingliederungsanstrengungen meinerseits zu tun. Geboren und aufgewachsen bin ich in Flensburg! Ich habe hier studiert und arbeite in Deutschland. Ich denke auf Deutsch, meistens zumindest. Ich könnte mir auch nicht vorstellen, dauerhaft in der Türkei zu wohnen. So.

Und bitte: Es schlagen auch nicht zwei Herzen in meiner Brust! Es gibt bald keinen Autor mehr, der dieses Bild nicht bemüht hätte. Sollten zwei Herzen in meiner Brust schlagen, verlange ich sofort, in einem Anatomie-Museum ausgestellt zu werden! Warum kann man als Deutsch-Türke nicht ein Herz haben und dennoch den Türken die Daumen drücken?

Die Türken haben den Sieg verdient

Ich bin für die Türken, einfach, weil sie einen Sieg verdient hätten. Ich bin für die Türken, weil sie seit Beginn der EM keine Chance hatten - und diese genutzt haben. Sie haben sich mehr als einmal aus chancenlosen, auswegslosen Situationen herausgekämpft, niemals aufgegeben. Sich getraut, sich ein Herz gefasst, auch in der 120. Minute. Vielleicht aus Kampfgeist, vielleicht aus Dickköpfigkeit. "Jetzt werden wir eben mal nicht verlieren!", stand auf ihrer Stirn. Beeindruckend.

Mir gefällt es, dass Bayern-Star Hamit Altintop für die Türken spielt. Vielleicht aus pragmatischen Gründen, weil er in der Mannschaft von Fatih Terim die Chance bekommen hat, die ihm in einer deutschen Nationalmannschaft verwehrt gewesen wäre. Mir gefällt es auch, dass ein Kazim Kazim alias Colin Kazim Richards in der türkischen Nationalmannschaft spielt. Sein Vater stammt aus Antigua und Barbuda, seine Mutter aus Nord-Zypern. Das ist so international!

Mir gefällt, dass Yakin für die Schweiz spielt

Und mir gefällt es auch, dass ein türkischstämmiger Hakan Yakin für die Schweiz spielt. Bei dem Spiel Türkei-Schweiz beschlich mich nach dem ersten Tor durch Yakin ein sonderbares Gefühl. Ich dachte: Okay, wenn die Schweiz gewinnt, freuen sich wenigstens zwei Türken: Yakin und sein Mannschaftskollege Eren Derdiyok, auch schön. Aber es sollte anders kommen. Und vielleicht haben sich die beiden ja auch ein bisschen für die Türken gefreut.

Ich bin heute Abend für die Türkei, für den Underdog. Und glauben Sie mir, die Türken können leiden wie Hunde. Herrlich leidenschaftlich! Aber sie können sich ebenso leidenschaftlich freuen. Zum Beispiel über dieses Spiel, das sich so viele Türken in Deutschland schon immer gewünscht haben. Weil es sie in eine praktische Lage versetzt: Gewinnen die Türken, wird ein Feuerwerk ausbrechen. Gewinnen die Deutschen, haben etwa 1,7 Millionen Türken in Deutschland trotzdem eine Mannschaft, die sie im Finale anfeuern können.

Liebe Leser, diesen Artikel veröffentlichen wir in türkisch und deutsch. Damit alle Leser an der Debatte darüber teilnehmen können und diese verstehen, finden Sie hier die türkische Version des Artikels.

Viel Spaß!

Özlem Topcu
 
 
KOMMENTARE (10 von 101)
 
Kerem (26.06.2008, 00:50 Uhr)
mmk749
Wieso wird diese Frage nicht den Italienern, Kroaten usw. gestellt?
Aus meiner Sicht kann ich dir die Frage aber so beantworten: Weiß nicht, ob das ein Vorwurf war oder eher ein Kompliment, dass mich mein Chef vor einiger Zeit mal "deutscher als die Deutschen" bezeichnet hat. Wohlwissend, dass ich das Ganze nicht so verbissen sehe, haben meine Arbeitskollegen sich nicht nehmen lassen, mir die letzten Tage gehässige Mails zukommen zu lassen. Natürlich waren diese ausschließlich auf das heutige Spiel bezogene "Scherze", die zum Teil niveaulos, aber teilweise auch sehr lustig waren.
Obwohl es mir vorher wirklich egal war, wer gewinnt, habe ich mich irgendwann genötigt gefühlt, für die Türken Stellung zu beziehen. Ich hätte noch so beteuern können, dass mir das Ergebnis egal ist, man erwartet von mir, dass ich der Türke bleibe, der ich für meine Kollegen bin - trotz deutschem Pass und der Tatsache, dass ich für sie "deutscher als mancher Deutscher" sein soll...
Dennoch. Es war ein sehr schönes Spiel. Glückwunsch für den Sieg und viel Erfolg für das Finale!
mmk749 (26.06.2008, 00:17 Uhr)
Sehr nett
...aber warum ist man für die Türkei, wenn man dort nicht dauerhaft leben möchte (wie im Artikel gesagt)? Verstehe ich nicht!
nese (26.06.2008, 00:10 Uhr)
Hochmut kommt vor dem Fall
Mir egal, wer im Finalspiel gewinnt, hauptsache Deutschland verliert.
Liebe Spanier/Russen, wir haben es nicht geschafft. Ich hoffe, euch wird es gelingen, diese hirnlosen Mitbuerger und Bunnys mundtot zu kriegen!
Leondriel (25.06.2008, 21:44 Uhr)
Extreme...
Wirklich erschreckend, was hier für Extreme ihren Senf abgeben... gut, so tolerant wie Pamela bin ich auch nicht, zum Beispiel stören mich diese Mini-Türkei-Viertel in deutschen Großstädten sehr. Aber zum Beispiel Mitbürger treibt es entschieden zu weit. Mich tangiert die EM ziemlich periphär, aber allein um sowas wie Sie zum Verstummen zu bringen bin ich für die Türkei. Sind die Deutschen raus ist die EM für Sie gelaufen und sie können wieder im Bunker verschwinden.
.
Zum Artikel: Deutschland tut einiges für die Integration von Ausländern und es gibt auch durchaus sowohl tolerante Deutsche als auch Ausländer, die sich einbürgern. Solange aber Ehrenmorde geschehen, die türkische Regierung Integration mit Assimilierung gleichsetzt und dafür Beifall erhält und unsere türkischen GÄSTE unsere Kultur ablehnen und uns ihre aufzwingen wollen (und es sind keine Einzelfälle, sorry. Siehe die Türkenviertel), so lange sind weitere Zugeständnisse und Schritte wie dieser nur Öl aufs Feuer. Viele Deutschen haben es inzwischen einfach satt immer zu kuschen oder als Nazi abgestempelt zu werden. Wobei ich jetzt ausdrücklich nicht solche Radikalen wie "Mitbürger" verteidigen will, sondern die normalen Deutschen, die stolz auf ihre eigene Kultur sind und diese gern mit anderen teilen, egal woher sie kommen.
darkover1957 (25.06.2008, 20:39 Uhr)
@Runner84
Zitat:"Ob sich der Stern angesichts mancher Kommentare eigentlich für seine Leser schämt?"
Das hoffe ich! Ich wunder mich, dass diese Beleidigungen hier stehen bleiben.
Trotzdem viel Spaß an alle, denen es um das Spiel geht.
Runner84 (25.06.2008, 20:29 Uhr)
Stern.de
Ob sich der Stern angesichts mancher Kommentare eigentlich für seine Leser schämt?
Alex64 (25.06.2008, 20:23 Uhr)
Widerlich...
... übersozial und bestrebt, sich als guten, sozial und multikulturell denkenden Menschen darzustellen.
Pamela_1971 (25.06.2008, 20:17 Uhr)
Widerlich....
... was für einen rassistischen Gedankendreck und dumpf-arroganten Überlegenheitswahn diese EM zutage fördert und hoch spült. Und das nicht nur hier im Stern-Forum... -- möge die beste Mannschaft gewinnen, und alle Fußballfans (egal ob deutsch, türkisch, beides oder keins von beidem) ein fröhliches, buntes Fußballfest feiern - denn letztlich ist es ja egal, wer gewinnt. Es ist nur Fußball, mehr nicht...
K.Martell (25.06.2008, 20:02 Uhr)
Heute wollte ich...
Heute wollte ich mal meinen tückischen Mitbürgern so richtig hintenrein kriechen - doch welche Überraschung: Der Stern steckte schon drin.
K.Martell (25.06.2008, 19:59 Uhr)
Hallo Stern.de
Hallo Stern.de-Redaktion:
Vergesst es einfach.
Gülle gülle.
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