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15. April 2008, 12:42 Uhr

Wembley-Elf '72 - einfach magisch

stern.de erinnert vor der EM in Österreich und der Schweiz in einer Serie an die magischen Momente der deutschen EM-Geschichte. Den Anfang macht ein Spiel, in dem die "beste deutsche Mannschaft aller Zeiten" ihre legendäre Geburtsstunde feierte. Von Nico Stankewitz

Zwei legendäre Gesichter des deutschen Fußballs: Franz Beckenbauer (l.) und sein Trainer 1972: Helmut Schön.© Picture Alliance

Es ist ein legendärer Jahrgang in der Geschichte der deutschen Fußballnationalmannschaften, diese Elf von 72. Und es ist ein wirklich hell strahlendes Kapitel, denn wie niemals vorher oder nachher verzauberten die deutschen Spieler die Fußballwelt, spielten nicht „nur“ erfolgreich, sondern begeisterten auch mit schwungvollem Kombinationsfußball. So wurden bei der Endrunde (damals nur Halbfinale und Finale) Gastgeber Belgien in Antwerpen mit 2:1 und im Finale die UDSSR gar mit 3:0 deklassiert.

Die eigentliche Geburtsstunde dieser Mannschaft schlug aber bereits zwei Monate vor dem Finale von Brüssel, im Londoner Wembley-Stadion. Nie zuvor hatte Deutschland auf englischem Boden gewinnen können, ausgerechnet das Viertelfinal-Hinspiel am 29. April 1972 sollte diesen Bann brechen. Deutschland spielte in den damaligen grünen Ausweichtrikots und trat mit einer stark verjüngten Mannschaft an, die nicht ganz freiwillig zustande gekommen war: Bundestrainer Helmut Schön hatte zwar auf etablierte Routiniers wie Klaus Fichtel, „Stan“ Libuda oder Wolfgang Weber freiwillig verzichtet, aber mit dem Kölner Kapitän Wolfgang Overath und dem Gladbacher Berti Vogts fehlten auch zwei Stammkräfte aufgrund von Verletzungen.

Netzer oder Overath? Netzer!

In die Anfangsformation rückten deshalb zwei „junge Wilde“, Außenverteidiger Paul Breitner und der offensive Außenbahnspieler Uli Hoeneß, beide von Bayern München. Auch deswegen gab es – ähnlich wie zwei Jahre später bei der WM im eigenen Land – immer wieder Gerüchte, der neue Kapitän Franz Beckenbauer hätte bei der Mannschaftsaufstellung ein kräftiges Wörtchen mitgeredet.

Wichtiger war aber wohl insbesondere, dass durch den Ausfall von Overath der Gladbacher Günther Netzer die Alleinherrschaft im Mittelfeld übernahm und hier nach Belieben die Fäden ziehen konnte. Nach dem Luxusproblem der beiden Mittelstürmer Gerd Müller und Uwe Seeler bei der WM 1970, hatte sich die Frage „Netzer oder Overath?“ zur meistdiskutierten Personalie an deutschen Stammtischen entwickelt, mit beiden gemeinsam funktionierte es nicht, beide besaßen aber außerordentliche Qualitäten.

Wembley – der erste Sieg

Mit beiden konnte sehr erfolgreicher Fußball gespielt werden, aber der Stil der Nationalmannschaft änderte sich stark: Mit Overath spielte Deutschland ökonomischer, mit Netzer war immer Spektakel auf dem Platz, geniale Pässe und überraschende Aktionen. Die Pässe Netzers gepaart mit dem Offensivdrang Beckenbauers und dem Torriecher, der Gerd Müller zum besten Mittelstürmer aller Zeiten machen sollte – das machte diese Elf aus, die im Jahr 1972 der absolute Maßstab im europäischen Fußball sein sollte.

Der 29. April war selbst nach englischen Maßstäben ein regnerischer Tag, der Platz war triefend nass und auch während der Partie erlebten die 100.000 Fans im ehrwürdigen Wembley-Stadion immer wieder Regengüsse. Nach hektischen Anfangsminuten übernahm die offensiv auftretende deutsche Mannschaft das Kommando und kam durch Grabowski, Netzer und Müller zu einigen Torchancen. Insbesondere das bewegliche Mittelfeld mit dem auf beiden Flügeln auftauchenden Hoeneß und dem glänzenden Gladbacher „Hacki“ Wimmer war von den Engländern nie zu stoppen. So fiel auch das Führungstor in der 27. Minute, als Hoeneß in halblinker Position an der Strafraumkante zum Schuss kam.

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