Zurück in die Zukunft

21. Mai 2008, 09:38 Uhr

Wie 2000 will sich die deutsche Nationalmannschaft auch vor dieser EM auf Mallorca ihren letzten Schliff holen. Dort lautet die Zauberformel zunächst einmal aktive Erholung. Zumal ausgerechnet der Kapitän in der ersten Woche der Vorbereitung fehlt. Dafür geht es für Andere schon um Alles oder Nichts. Von Mathias Schneider, Palma de Mallorca

Bis Ende der Woche ist Regeneration angesagt - danach soll endlich wieder der Ball rollen©

Mallorca also. Man kann dem Deutschen Fußball-Bund nicht vorwerfen, dass er sich vor seiner eigenen Vergangenheit fürchtet, oder dem Aberglauben verfallen ist. Ganz im Gegenteil, er stellt sich den dunkelsten Kapiteln seiner Geschichte. Man kann es deshalb als gelebte Konfrontationsmethode bezeichnen, was sich dieser Tage auf Mallorca abspielt.

Wie sonst ist es zu erklären, dass der Bundestrainer Joachim Löw seine Schützlinge ausgerechnet in das Arabella Sheraton Golf Hotel Son Vida auf der Insel der Deutschen bittet. Eine luxuriöse Bleibe vor den Toren der Hauptstadt Palma, umsäumt von Golfplätzen, bildet die Unterkunft zwar. Doch das Gemäuer beherbergt auch den düsteren Geist der Auswahl des Jahres 2000.

Denn man war schon einmal hier, um sich für eine EM zu präparieren – mit weit reichenden Folgen. Erich Ribbecks Jungs blamierten sich vor acht Jahren bis auf die Knochen beim kontinentalen Wettbewerb in den Niederlanden und Belgien.

Kein Sieg in drei Partien gelang, die Mannschaft zerbrach förmlich unter Ribbecks Händen. Der warf entnervt hin - der Beginn des dunkelsten Kapitels deutscher Länderspielhistorie, der Affäre Daum, die im Kokainbekenntnis des Trainers mündete.

Ein schlechtes Omen, all das?

Oliver Bierhoff lächelt beim Gedanken an das verdrießliche Kapitel jüngere Sporthistorie. Er sitzt im Presseraum des Estadio Son Moix, für gewöhnlich Heimstatt des spanischen Erstligisten Real Mallorca, und nun für zwei Wochen Trainingsstätte der Bundesauswahl. Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, war eine der treibenden Kräfte hinter der Wahl Mallorca, und weil rund 100 Medienvertreter der Auswahl gefolgt sind, gilt es, noch einmal zu verdeutlichen, warum Mallorca den perfekten Prolog zur Bergtour 2008 für die erste Auswahl des Landes bietet.

Eine "schöne familiäre Atmosphäre" habe sich in der illustren Behausung unter den deutschen Kickern bereits entwickelt, verrät Bierhoff also. Ein Tennisplatz, ein Basketballfeld sowie Dartscheiben böten genug Raum zur aktiven Zerstreuung, und genau darum soll es bis zum Donnerstag ja gehen.

Nicht alle mit Familie

Zwar werde zwei Mal pro Tag zum Training gebeten, doch in erster Linie möge der gestresste Fußballer doch mit Frau und Kind ein wenig die Seele baumeln lassen, die Bundesliga bei Barbecue und Pool hinter sich lassen.

Allein manchem ist gar nicht danach, derlei Vorzüge in Anspruch zu nehmen, zumal nicht jeder mit seinen nächsten Angehörigen anreiste (ob es daran lag, dass Frau und Kind nicht von allen Kosten befreit waren?). In jedem Fall machte der Torwart Jens Lehmann, 38, von der verordneten Ruhe keinen Gebrauch. Nachdem er wie alle am Montag vom Fitnesstrainer Oliver Schmidtlein und dem Wunderdoktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt seine Diensttauglichkeit bescheinigt bekam, habe Lehmann "direkt loslegen wollen", lobt Bierhoff. Die Zeit auf der Reservebank von Arsenal London hatte offenbar nicht eben an den Kräften gezehrt.

Ballack kommt am Montag

So geht ein jeder mit unterschiedlichen Vorzeichen in jene erste von drei Trainingswochen. Dass der Kapitän Michael Ballack erst am Montag zum Tross stoßen wird, dürfte die Feinjustierung der Taktik nur bedingt möglich machen. Ballack greift morgen mit dem FC Chelsea im Finale der Champions League gegen Manchester United nach der Krone im Vereinsfußball. Auch der Innenverteidiger Christoph Metzelder fehlt. Er spielt noch ein Freundschaftsspiel mit Real Madrid in Saudi Arabien.

Also wird in den nächsten Tagen vor allem im Fitnessbereich gearbeitet, erst am Wochenende der Ball ins Spiel kommen. Bierhoff ist sich sicher, dass dennoch kein Müßiggang aufkommt. "Die Spieler akzeptieren den Konkurrenzkampf, das ist gut, das soll ja hier kein Urlaub sein."

Marin dürfte bleiben

Drei Akteure werden am 28. Mai, wenn der endgültige Kader bei der Uefa benannt werden muss, dann keine Verlängerung ihres Mandats bis zur EM erhalten. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu erahnen, dass für die Herren Oliver Neuville (Borussia Mönchengladbach), Patrik Helmes (1. FC Köln), Jermaine Jones (Schalke 04), Piotr Trochowski (Hamburger SV) und vor allem David Odonkor (Betis Sevilla) entscheidende Tage anstehen.

Der blutjunge Mönchengladbacher Marko Marin dürfte dagegen trotz seiner vermeintlichen Außenseiterrolle wohl eher nicht aus dem Kader rutschen, wenn er nicht gerade vor Respekt in den nächsten Tagen erstarrt. Mit seinem fulminanten Tempodribbling besetzt der 19-Jährige eine Rolle in Löws Auswahl, die bislang verwaist war. Ihm dürfte vor allem in verfahrenen Spielsituationen die Rolle des wendigen Unruheherdes zufallen, der mit seiner Technik für Konfusion in Verteidigungsreihen sorgt. Ob für David Odonkor, dem die Rolle bei der WM zukam, dann noch Platz ist?

Gute Stimmung

In den nächsten Tagen gilt es für ihn und den Rest auf jeden Fall, die am Morgen zugesteckten Karteikarten mit den persönlichen Aufgaben besonders gewissenhaft abzuarbeiten. Die lockere Stimmung, von der Bierhoff gestern sprach, lässt schon einmal darauf hoffen, dass sich die nationale Pein des Jahres 2000 nicht noch einmal wiederholt.

Mallorca zeigte sich denn auch am zweiten Tag des Trainingslagers von seiner besten Seite. Die Sonne wärmte bei angenehmen 25 Grad. Noch am Vortag bildeten dunkle Wolken und massive Regengüsse eine düstere Kulisse für die Ankunft des Teams. Man hätte meinen können, der Himmel habe eine Art göttliche Warnung ausgesprochen, diesmal nicht noch einmal die Zügel schleifen zu lassen wie vor acht Jahren. Viel sind nicht übrig geblieben aus jenen Tagen. Einer, der damals dem Sturm angehörte, saß gestern mit weißem Hemd auf dem Podium. Wenn man ihm so zuhörte, wie er da voller Zuversicht referierte, durfte man Hoffnung schöpfen, dass auf Mallorca diesmal kein Sturzflug folgen wird. Der Name des Redners? Oliver Bierhoff.

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