Reichlich staatstragend berichtete die ARD vom Spiel Deutschland gegen Österreich und hievte Tribünengast Angela Merkel immer wieder ins Bild. Als mindestens ebenso großer Chancentod wie Mario Gomez erwies sich Live-Kommentator Tom Bartels. Von Björn Erichsen

Hatte auf der Tribüne mehr Spaß als im Interview mit Beckmann: Kanzlerin Merkel mit ihrem österreichsichen Pendant Gusenbauer© Michael Probst/AP
Ja ist denn jetzt schon wieder Wahlkampf? Beim Spiel Deutschland gegen Österreich drängte sich diese Frage unweigerlich auf. Mit ihrem halben Kabinett hatte sich Kanzlerin Angela Merkel auf den Weg nach Wien gemacht, um dem entscheidenden Spiel in der Gruppe B beizuwohnen. Zum Dank wurde sie ein gutes Dutzend Mal ins Bild gehoben, adrett gekleidet im fidelen Oranje-Blazer. Mal beim Bussi- Bussi mit DFB-Chef Theo Zwanziger. Dann wieder beim Jubeln über das Führungstor. Und natürlich beim tröstenden Klaps für den Bundestrainer nach dessen Platzverweis. Volk und Kanzlerin Seit an Seit in der Fußballschlacht wie dereinst beim Sommermärchen. Und selbst das enthielten uns die Kameras nicht vor: Angela Merkel, wie sie auf der Tribüne des Wiener Ernst-Happel-Stadions eine SMS empfängt. Höhepunkt der Merkel-Festspiele in der ARD war allerdings das Interview der Kanzlerin mit Reinhold Beckmann kurz nach Spielschluss. In gerade einmal zwei Minuten erteilte sie dem Fernseh-Oberkuschler eine Lektion in Sachen aktiver Gesprächsführung. "Ja, natürlich bin ich erleichtert. Ende gut alles gut", antwortete sie knapp auf Beckmanns Frage, ob sie glücklich sei, dass Deutschland nun im Viertelfinale stehe. Genauso bündig, als er sie auf ihren Tipp (2:1) ansprach: "Die Differenz hat gestimmt." Beckmann war sichtlich verwirrt, ob der kurzen Sätze und kam ins Schwimmen.
Das ist nachvollziehbar. Interviews nach Spielschluss haben anders abzulaufen: Der Reporter stellt eine belanglose Frage, die der noch ausgepumpte Spieler mit dem beantwortet, was ihm gerade in den Sinn kommt, ohne sich dabei von der Fragestellung irritieren zu lassen. Dieses "Tu-mal-so-als-ob-du-antwortest"-Spielchen ist ein bewährtes, Jahrzehnte altes Konzept in der Sportberichterstattung. Es profitieren alle davon: Der Reporter, da er sich keine schwierigen Fragen ausdenken muss. Der Fußballprofi, weil er keine schwierigen Fragen beantworten muss und gleich zum Duschen kann. Und der Zuschauer weiß, dass er nun in Ruhe aufs Klo gehen oder sich das nächste Bier aufmachen kann.
Die Kanzlerin aber, aus Berlin härtere Bandagen gewohnt, konnte sich ab der fünften seichten Beckmann-Frage das Augenrollen nicht mehr verkneifen. Sie schien unter Zeitdruck zu sein und schaute sichtlich genervt drein. Nein, oh Wunder, sie wollte die Schiedsrichterleistung nicht kommentieren, und was sie mit Jogi Löw auf der Tribüne besprochen hatte, erfuhr Beckmann auch nicht. "Sehr diplomatisch, die Kanzlerin", kommentierte ARD-Moderator Gerhard Delling süffisant lächelnd die verbale Hinrichtung seines Kollegen. Und Beckmann flüchtete sich lieber schnell in einen säuseligen Plausch mit Franz Beckenbauer. Der Kaiser kennt immerhin die ungeschriebenen Fußballregeln.