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19. Juni 2008, 08:11 Uhr

Lierhaus, die fiese Petze

Dass der Fußballabend in der ARD wegen der Sperre für Joachim Löw nicht völlig in Selbstmitleid versank, war einzig und allein Gerhard Delling und Günter Netzer zu verdanken. Dafür zeigte sich Monica Lierhaus von ihrer fiesen Seite - und Waldemar Hartmann erwies sich als großer Fußball-Philosoph. Von Mark Stöhr

Im Brustton der Empörung: Die Sperre für Bundestrainer Joachim Löw regte auch Monica Lierhaus auf© Roland Magunia/DDP

Joachim Löw ist fürs Viertelfinale gesperrt und muss das Spiel heute von der Tribüne aus verfolgen. Das war das beherrschende Thema gestern in der ARD. Wie um alles in der Welt sollen wir gegen die Portugiesen auch nur einen Millimeter Land sehen ohne unseren Schwarzwälder Fährmann auf der Bank? Immer und immer wieder wurde das verbale Techtelmechtel zwischen dem deutschen Bundestrainer, dem Österreicher Josef Hickersberger und dem vierten Schiedsrichter gezeigt. Wurden denn Nasen gebrochen oder Schwestern beleidigt? Nicht die Spur.

Die Experten im "Ersten" überschlugen sich in Unverständnis über den Beschluss der Uefa. Günter Netzer, sonst ein Freund der vornehmen Verschachtelung, geriet für seine Verhältnisse geradezu in Rage: Es habe sich um nichts weiter als eine "Wichtigtuerei par excellence" dieses "überforderten Herrn aus Slowenien" gehandelt und sei eine "selten dämliche Entscheidung". Hellmut Krug, der als ehemaliger Oberschiedsrichter des DFB das Duo Delling/Netzer in dieser kniffligen Causa unterstützte, gab hingegen den Spielverderber: Alles sei "weisungsgerecht" gelaufen, die Trainer dürften für Anweisungen bis an den Rand der Coaching Zone und müssten danach wieder auf der Bank Platz nehmen. Also da, wo Co-Trainer Hansi Flick heute Abend mutterseelenallein sitzen wird.

Lierhaus petzte wie eine Streberin

Es läuft mal wieder alles gegen uns. Gerade Córdoba mit Ach und Krach umschifft und jetzt die rote Karte für ein bisschen Ringelpietz mit Anfassen. Monica Lierhaus, die gute Fee des deutschen Hauptquartiers, zeigte sich von ihrer fiesen Seite und petzte wie eine Streberin auf dem Schulhof: "Andere Trainer springen und brüllen wie die Derwische am Spielfeldrand herum!" Das Beweismaterial wurde prompt geliefert. Der türkische Imperator Fatih Terim durchschritt die Coaching Zone wie ein Raubtier die Zirkusmanege, der Russen-Coach Guus Hiddink rempelte den vierten Offiziellen gar um. Alles eine große Verschwörung wie so oft. Und nicht die einzige: "Der Regen, die Türken und die Schweizer haben den Rasen in Basel komplett zerstört", bellte Lierhaus im Brustton der Empörung. In Windeseile wurde für 200.000 Euro ein neuer Rollrasen verlegt. Und auf diesem unsicheren Geläuf sollen unsere Filigrantechniker ihr gefürchtetes Kombinationsspiel aufziehen? Unvorstellbar. Von den Kollegen aus Portugal war dabei mit keinem Wort die Rede.

Dass der Fußballabend in der ARD nicht völlig in Selbstmitleid versank, war einzig und allein Gerhard Delling und Günter Netzer zu verdanken. Würden sich Podolski und Co. so zielgenau die Bälle zuspielen wie diese Beiden, müsste niemandem um das Erreichen des Halbfinales bange sein. Selbst den diagnostizierten Rippenbruch von Torsten Frings - Lierhaus übermittelte die böse Kunde mit Totengräbermiene - nahmen sie als Anlass für einen kleinen amüsanten Schlagabtausch. Netzer: "In einem Europapokalspiel spielte ich einmal mit einer gebrochenen Rippe. Mein Gegenspieler wusste das und rammte mich schon in der ersten Minute." - Delling: "Aber Sie haben mannhaft weitergespielt." - Netzer: "Ja, wir haben verloren." Die ZDF-Comedians von "Nachgetreten" brauchen für noch viel schlichtere Dialoge ein ganzes Heer von Autoren.

Delling und Netzer verzeiht man einiges

Da verzieh man Delling auch gerne seine üblichen pointensüchtigen Nationalklischees ("Der schwedische Trainer Lagerbäck verhält sich so, wie es sich für einen Ikea-Bastler gehört: Er hat für jedes Teil den perfekten Bauplan") und Netzer seine verqueren ethnografischen Ausflüge ("Die Asiaten machen von ihrem Naturell her immer das, was der Chef ihnen sagt"). Die Akte Löw ließ sie aber bis zum Schluss nicht los. Dem Schweden-Coach wurde ein unstatthaft langer Aufenthalt am Rande der Coaching Zone attestiert, als würde fortan in diesem badetuchgroßen Bereich über Wohl und Wehe einer Partie entschieden.

Ganz spät, als Waldemar Hartmann schon auf seinen Einsatz im "EM Club" wartete, meldete sich dann noch einmal Monica Lierhaus aus Basel. Sie war sichtlich geknickt darüber, dass Joachim Löw die Sitzung mit seinen Getreuen einem Interview mit ihr vorgezogen hatte. "Hier darf ein Mann seinen Beruf nicht ausüben", hauchte sie mit zittriger Stimme ins Mikrofon. Aus einer fragwürdigen Sperre war inzwischen ein Berufsverbot geworden. Dabei kann die Wahrheit manchmal so einfach sein. Das bewies Waldemar Hartmann mit einem Satz von Jean Paul Sartre: "Beim Fußball verkompliziert sich alles durch die Anwesenheit des Gegners." Waldi zitiert Sartre - das war die eigentliche Sensation des Abends.

Von Mark Stöhr
 
 
KOMMENTARE (10 von 15)
 
Johann58 (19.06.2008, 13:54 Uhr)
Neue Regeln
braucht der Fussball. Da wir nicht wissen in welcher Sprache Jogi Loew den 4. Schiedsrichter angesprochen hat, koennte der ja beispielsweise seinen schwaebischen Dialekt missgedeutet haben. Also brauchen wir eine internationale Fussballsprache. Ausserdem sollte man ein Emotionsverbot fuer Trainer einfuehren, Emotionen haben ja schon die Zuschauer und Spieler. Alternativ waere eine Gummizelle als Couchingzone gut. Ein paar HB-Maennchen waeren darin lustig zu betachten. Dann schlage vor konsequenter heftiges Protestieren mit gelb zu bestafen, macht bei zum Schluss 12 - 14 verbleibenden Spielern die Arbeit fuer den Schiedsrichter einfacher. Anfassen des Schiedsrichters muss sofort zu einem Platzverweis und Elfmeter fuer die gegnerische Mannschaft fuehren, gibt mehr Tore.
Die offiziellen der UEFA haben letztendlich nur getan was in Ihren Regeln stand ob gut oder schlecht, so sind sie nun mal die Regeln. Der Schiedsrichter hat total ueberreagiert und statt die Beiden zu ermahnen und mit seinem Assistenten die Sache zu besprechen seine Macht demonstriert. Hier gibt es sicher Handlungsbedarf. Jedenfalls hoffen wir dann mal auf eine passende Antwort der deutschen Mannschaft heute abend.
Zu Monika Lierhaus, sachkundig und ein optisches Highlight Sportlerherz was willst du mehr. Im uebrigen halte ich das nicht fuer gepetzt was sie gemacht hat sondern fuer legitim wenn sie aufzeigt, dass hier mit zweierlei Mass gemessen wird. Aber es muss ja auch einen Grund haben warum Justizia eine Augenbinde traegt und Schiedsrichter sind eben auch nur Richter und gelegentlich eben blind.
arniston (19.06.2008, 13:54 Uhr)
ablenkung
wenn wir schon schlecht spielen dann aber mal richtig ratschen, so füllen wir das programn...
aber mal echt, in 726 jahren redet da keiner mehr drüber...stimmts ?
Benkku (19.06.2008, 13:31 Uhr)
Das braucht sich doch keiner Gefallen zu gelassen.
"Wenn es nichts zu berichten gibt werden von der Kombo Delling, Netzer, Lierhaus und Hartmann eben Details bis zur Ermüdung in aller Breite ausdiskutiert..."
.
Mein Ratschlag: Nach den Spielen den Sender wechseln oder abschalten, wenn der Sender nichts besseres weiß, als mit Wiederkäuerei die Zeit totzuschlagen. Ansonsten fiele mir dazu nur die Parabel ein: Schad't meiner Mutter gar nichts, daß mir die Hände frieden, warum strickt sie mir keine Handschuhe.
sophisticated (19.06.2008, 11:43 Uhr)
Ja - ich habe ein Feindbild!
Und das ist "Formalismus". Mit Formalismus kann man alles aushebeln. Formalismus bedeutet, dass Regeln übertrieben beachtet werden, ungeachtet jedes individuellen Abwägens, ungeachtet des breiten Emfindens von Gerechtigkeit, ungeachtet des Einbeziehens der Gesamtsituation. Wer formalistisch denkt und urteilt ist letztlich ein Roboter. Jede Gesellschaft, jede funktionierende Gemeinschaft kann man durch Formalismus töten. - Die UEFA hat mit ihrem Schiri-Urteil gerade begonnen, den Spaßfaktor aus dem Fußball zu nehmen. Niemand ist an diesem überzogenen Formalismus im Fußball interessiert. Gerade bei Turnieren, wie die WM oder EM, da kocht doch die Emotion, da hallt doch die Begeisterung durch die Stadien und Städte. Wenn diese Emotionen aus dem Fußball genommen werden, dann ist er tot. Das sollte mal jemand nach der EM der UEFA (und FIFA) klar machen.
ganzbaf (19.06.2008, 11:42 Uhr)
Sehr fein geschrieben...

Herr Stöhr.
Und auch subtil, Bravo. Immer nur weiter so... (-;
BigEd (19.06.2008, 11:22 Uhr)
Political correctness
Oh, Freunde der schreibenden Zunft, speziell hier Mark Stöhr!
Wer will schon dieses Gejammer hören oder sehen? Ganz richtig: Eigentlich keiner! Aber mich erstaunt immer wieder, daß berechtigte Kritik an Fußball-Schiedsrichtern in Deutschland einfach nicht "angesagt" ist.
Das mag zum Teil an dem höchstens rudimentär vorhandenen Regelwissen der Journalisten, aber auch der Leser bzw. der Zuschauer liegen.
Ich sehe jedoch auch die alte Obrigkeitshörigkeit im neuen, "geläuterten" Gewande, insbesondere, wenn womöglich noch Offizielle aus anderen Ländern kritisiert werden könnten. Damit erscheint Deutschland als womöglich einziges Land, in dem Kritik vor allem an Menschen anderer Nationen als politisch inkorrekt eingestuft wird. Was für ein Wahnsinn. Da lobe mir z. B. die Franzosen. Die haben sich lautstark gegen die Leistung des deutschen Schiedsrichter Fandell im Spiel der Franzosen gegen die Niederlande zu Wort gemeldet!! Waurum auch nicht?
Mit mehr Kritikoffenheit aller Beteiligten wäre man einem Schiedsrichter Hoyzer sicher auch schneller auf die Schliche gekommen.
friedolin (19.06.2008, 11:00 Uhr)
ARD - Team sehr geil
Ich schau mir auch am liebsten die ARD-Übertragungen an, denn da bleib ich nach dem Abpfiff noch im selben Sender. Gerhard Delling und Günter Netzer sind wirklich zu geil und ich mag diese verklemmten, aber gleichtzeitig hochintelligent unterschwellig taktierenden Steifböcke.
Da kann Kerner und seine zwanghaft aktuelle Quasselshow komplett vergessen werden.
Lierhaus schau ich auch immer gerne. Genau wie der Autor beschrieben hat hat sie diese süße Streberinnenaura, sie hat was drauf und beweist diese Kompetenz täglich, behält immer Fassung uns ist einfach grundsymphatisch.
vegefranz (19.06.2008, 10:50 Uhr)
nicht unlustig
der Artikel ist nicht unlustig
RomanTicker (19.06.2008, 10:17 Uhr)
Diktatorisch
UEFA, FIFA und wie sie alle heissen sind nun mal Diktaturen. Sie dulden keine Zweifel an ihren Entscheidungen und korrigieren auch nachweislich falsche Entscheidungen nicht. In anderen Sportarten wie z.B. der Formel 1 werden Videoaufzeichnungen analysiert, um zu gerechten Entscheidungen zu kommen. Im Fußball werden nicht einmal im Nachhinein zu Unrecht vergebene gelbe oder rote Karten annuliert. Die Herrn geben sich gerne unfehlbar.
Die aktuelle Entscheidung, Löw für ein weiteres Spiel zu verbannen, ist absolut unsinnig. Es mag den Regeln entsprechen, aber dann sind die Regeln halt unsinnig. Die sind schließlich nicht in Stein gemeißelt und können geändert werden. Durch den Platzverweis beim letzten Spiel ist Löw sicherlich genug gestraft und wird in Zukunft vorsichtiger im Umgang mit den Schiedsrichtern sein.
warbird (19.06.2008, 10:05 Uhr)
...
Vielleicht spielen unsere Jungs ohne Jogi ja besseren Fussball als mit Jogi. Einen Versuch wäre es wert, schlimmer als gegen Kroatien und Österreich kanns ja kaum werden.
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