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10. Juni 2008, 10:20 Uhr

Schwächen in der Nachspielzeit

Delling/Netzer statt Kerner, Klopp und Meier: Der gestrige Spieltag markierte den Einstieg der ARD in die EM-Berichterstattung. Reporter wie Kommentatoren hinterließen dabei einen soliden Eindruck - nur die humoristische Aufbereitung im Anschluss bereitete Schmerzen Von Peter Luley

Wenig zu lachen hatten die Zuschauer bei Waldemar Hartmann und seiner Stammtischrunde© Alexander Hassenstein/Bongartz/Getty Images

Mit dem Auftaktsieg von Poldi und Co. im Rücken gemütlich die Konkurrenten aus der sogenannten "Todesgruppe" C betrachten - so lautete aus deutscher Sicht die Prämisse für den dritten Spieltag der Europameisterschaft. Dass statt des ZDF-Bodensee-Trios Kerner, Klopp und Meier die ARD-Institutionen Gerhard Delling und Günter Netzer die Einordnung des Topspiels Niederlande - Italien vornehmen würden, passte zu diesem Szenario: sezierende Logen-Analyse statt folkloristischer Fanmeilen-Euphorie.

Auf einen emotional etwas ruhigeren Abend war man also eingestellt - wenn er auch nicht ganz so ruhig hätte beginnen müssen, wie sich die 18-Uhr-Begegnung Rumänien - Frankreich gestaltete. Das müde 0:0 des Vizeweltmeisters gegen den Außenseiter bedeutete einen schleppenden Einstieg und eine veritable Bewährungsprobe für Kommentator Tom Bartels und das neue ARD-Analyse-Gespann Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl.

Der Punch nach vorne hat gefehlt

Letzterer, der markig kahl geschorene Ex-Bayern-Profi, konnte natürlich nichts dafür, dass der fußballerische Offenbarungseid der Équipe tricolore einen beinahe ins Wachkoma versetzte: Mit Empathie beklagte Scholl die seiner Meinung nach falsche Positionierung Ribérys ("es tut mir halt Leid, wenn der Franck da rechts so verhungert") und übte beherzt Kritik an dessen Mannschaftskollege Florent Malouda ("spielt, als hätte er die Fersen vorne"). Seiner Halbzeit-Einschätzung, ein "taktisch interessantes" Spiel gesehen zu haben, mochte man sich trotzdem nur bedingt anschließen - bei allem gebotenen Respekt für gut eingestellte Defensiv-Kollektive.

Bis Scholl womöglich in die Netzer-Rolle hineinwächst und er mit Beckmann die Grandezza des Duos Netzer-Delling erreicht, müssen beide sicher noch ein Weilchen üben. Bartels indes gebührte das Verdienst, die einzige Überraschung des torlosen Unentschiedens korrekt benannt zu haben: "Die Fantasielosigkeit der Franzosen überrascht durchaus." Auch seiner Schluss-Analyse konnte man zustimmen: "Die Franzosen hatten den Sieg nicht verdient, weil ihnen der Punch nach vorne gefehlt hat."

Van Nistelroy ist der bessere Italiener

"Spielschulden sind Ehrenschulden, wer wüsste das besser als Günter Netzer", begrüßte dann gewohnt Gentleman-like - und in Anspielung auf die schlechte Länderspielbilanz der Niederlande gegen Italien - Gerhard Delling seinen Widerpart. Und der wusste bei aller ritualisierten Neckerei immerhin ein sich später bestätigendes Wort des italienischen Trainers Donadoni beizutragen, wonach die italienische Mannschaft "technisch nicht in der Lage" sei, mit dem modernen Spitzen-Fußball mitzuhalten.

Reporter Steffen Simon machte einen guten Job. Zwar ist auch er nicht gegen Nullsummen-Sätze gefeit wie "Ein besseres Italien hätte daraus mehr gemacht". Aber er erklärt nicht jede aufgebauschte Zeitlupe, und beim kuriosen 1:0 der Niederländer durch Ruud van Nistelrooy, das aus abseitsverdächtiger Position erzielt wurde, hatte er schnell die entsprechende Regel parat. Erfrischend wirkte allerdings auch Netzer in der Halbzeit, der freimütig gestand, diese Regel sei "an ihm vorbeigegangen".

Polsters Fußballwalzer

Die weitere Party in Oranje stellte dann außer der Squadra Azzurra keinen mehr vor Probleme. "Ich hab' Sie zu wenig beschimpft heute", machte Netzer gegenüber Delling als einzigen Fehler geltend - nun ja, erträglicher Populismus. Richtig schlimm wurde es erst, als die ARD aus Bern nach Wien schaltete: zu "Waldis EM-Club" mit den Ex-Kickern Toni Polster und Hansi Müller sowie dem Kabarettisten Urban Priol. Da schlug die Stunde des Stammtischniveaus, der Nationalitätenklischees und der Autowitze - und die ebenfalls schreckliche ZDF-"Nachgetreten"-Runde um Ingolf Lück, Mike Krüger und Oliver Welke bekam ebenbürtige Konkurrenz.

Waldemar Hartmann bemühte das Rudi-Carrell-Zitat, wonach den Deutschen ein Holländer im Fernsehen lieber sei als 1000 Wohnwagen auf der Autobahn; Polster erklärte, Österreich wolle den Polen alsbald "was klauen", was entsprechende Kalauer inspirierte; und auf die Anekdote, Italiens im Training verletzter Abwehrchef Cannavaro habe dem Kollegen, der ihn gefoult habe, aus Wut die Auto-Scheibe zerkratzt, entgegnete Hansi Müller, das sei ihm in Italien auch ohne Foulspiel widerfahren.

Priol steuerte darüber hinaus den Wortwitz bei, es könne kein Zufall sein, dass so ein Jammer-Land wie Deutschland ausgerechnet in Klagenfurt erfolgreich gewesen sei. Dazu erklang zuverlässig das meckernde Lachen Polsters, der mit "Córdoba '78"-Aufdruck auf dem Ärmel seines Sweatshirts erschienen war. Wo ist eigentlich Oliver Pocher, wenn man ihn wirklich braucht?

Am Ende wurde ein "Fußballwalzer" von Polster eingespielt und auf die morgige Ausgabe verwiesen: mit Michael Rummenigge, Jörg Kachelmann und Django Asül. Zum Glück wird erst wieder Fußball gespielt.

Von Peter Luley
 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
etobicoke (10.06.2008, 14:02 Uhr)
Mal im Ernst....
...als absoluter Fußball-Fan und leidenschaftlicher EM- und WM-Zuschauer geht mir das genaze Drumherum unglaublich auf den Wecker. Was dem Zuschauer hier "in der Nachspielzeit" vorgestzt wird, ist an Niveaulosigkeit kaum noch zu toppen. Zum Glück spielt der Deutsche Fussball in einer anderen Liga als der Deutsche "Humor". Nach dem Spiel eine ordentliche und professionelle Analyse, eine Forecast auf die noch kommenden Spiele, und aus die Maus. Bitte KEINE Schenkelklopfer auf Stammtischniveau, diese Möchtegern-Comedians sollen sich auf den privaten Sendern auspowern, da fallen sie mit Leuten vom Schlage des fetten, unlustigen Profitlich nämlich gar nicht mehr auf.
Benkku (10.06.2008, 13:28 Uhr)
Den Franzosen fehlte wohl ein Tor,
... wie die ARD in einer großen Überschrift das Spiel vorankündigte, den Rumänen aber doch genau so. Fragt man sich, was den Erfindern solcher Sätze fehlt.
EspritCritique (10.06.2008, 12:58 Uhr)
Schwachsinn
Also diesen gequirlten Mist schaue ich mir nicht noch einmal an. Unwitzig, nicht das allergeringste Niveau und Priol glaubt auch allein, sein dämliches Haarstyling und sein Fränkisch wiesen ihn als besonders intellektuell aus. Das Gemeckere von Polster (von Lachen kann man da ja nicht mehr sprechen) war auch völlig daneben.
Die ARD war genauso übel. Über polnische Zeitungen regen wir uns auf, aber dann heißt es, dass die polnische Mannschaft ab 5.45 h zurückschießt. Was sollen solche geschmacklosen Bemerkungen über den WK II?
dimmelmann (10.06.2008, 12:58 Uhr)
Netzer
Ich kann mich irren, aber war der Netzer im Zusammenspiel mit Delling früher nicht wesentlich besser und schlagfertiger? Es bereitet mir mittlerweile ziemliche Schmerzen, Herrn Netzer zuhören zu müssen...Keinen Satz ordentlich zu Ende gebracht, teilweise richtiges Gestammel!! Ist zumindest mein Eindruck!
Dylan1941 (10.06.2008, 12:40 Uhr)
Priol wird schlechter !
Seit Priol öfters im TV auftritt verkommt auch der zum Clown.Alle anderen kann man nur als Gehirnamputierter ertragen und für diese Schwachmaten muss ich auch noch zahlen. Danke ARD/ZDF das jetzt die Resteverwertung von den Privaten stattfindet.
herrlehmann (10.06.2008, 12:11 Uhr)
Manieren, Beckmann!
Kann dieser Selbstdarsteller mal bitte zwei bis fünf Gänge zurückschalten. Er ist absolut unhöflich dem Kollegen Scholl ständig ins Wort gefallen und hat dessen Sätze beendet. Einfach nur nervig!
Gallagher (10.06.2008, 12:07 Uhr)
Lieber Stern,
Scholl ist gut! Jedenfalls allemal besser als die Schleimer vom ZDF... inklusiv Oberschleimer Kerner!
ritchie (10.06.2008, 11:56 Uhr)
Ingolf Lück - Schwachmat hoch 3
Diese Sendung unterbot sogar noch das Niveau von 7Tage/7Köpfe. Dieser 24 Stunden am Tag gut-drauf Rheinländer Herr Lichter hängt seinen Rüssel z.Zt. überall rein und geht mir nur noch auf den Wecker. Diese Sendung war nicht witzig, nicht eine Sekunde. Für so etwas GEZ-Gebühren zu nehmen ist eine Frechheit.
Druss (10.06.2008, 11:16 Uhr)
fands super...
also ich fand es sehr witzig!
auch stammtischniveau kann mich mal zum lachen bringen - und das war gestern der fall.
polsters lache alleine war schon goldwert :D
keine ahnung wer das hier kommentiert hat aber mit der einstellung wird alles im tv jenseits von christiansen oder fliege schon problematisch ;-)
sprich: locker werden und mitlachen anstatt den moralapostel zu sehen. komedy lebt auch von billigen und niveaulosen witzen.
Malt (10.06.2008, 10:50 Uhr)
Waldemar Hartmann...
... erinnert mich irgendwie immer an einen gestrandeten Wal... irgendwie ist der so will und kann nicht. Aber Urban Priol fand ich gut... da war der Kommentator wohl neidisch, dass ihm das mit Klagenfurth nicht eingefallen ist, und bestätigt gleich mal die Aussage Priols, der Deutsche könne sich nur beklagen!
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