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22. Juni 2008, 12:57 Uhr

Achtung, die Türken kommen

Neun Spieler der Türken sind verletzt oder gesperrt - trotzdem strotzt die Truppe vom Bosporus vor dem Halbfinale gegen Deutschland vor Selbstbewusstsein. Die Medien des Landes überschlagen sich mit überschwenglichen Schlagzeilen. Nur ein Bayern-Star sieht keinen Grund, nervös zu werden.

Hamit Altintop schreit seine Freude nach dem gewonenen Elfmeterschießen gegen Kroatien heraus: "Wichtig ist, dass wir weiter an uns glauben"© Kai Pfaffenbach/Reuters

"Dikkat Almanya - Achtung Deutschland!" Die Last- Minute-Männer der Türkei kommen mit breiter Brust nach Basel und wollen ihr Fußball-Märchen aus 1001 Nacht auch im Halbfinale gegen die DFB-Auswahl fortschreiben. Angst vor dem großen Konkurrenten Deutschland ist für das Halbmond-Team um den auch im Elfmeter-Drama gegen Kroatien überragenden Hamit Altintop ein Fremdwort. "Wichtig ist, dass wir weiter an uns glauben. Ich sehe keinen Grund, nervös zu werden, egal wie der Gegner heißt", sagte der Profi vom FC Bayern München vor dem Duell am Mittwoch im Basler St. Jakob-Park. Die drei Coups in Serie haben die ganze Türkei in einen Fußball-Rausch versetzt. Auch die nach dem Ausfall von Kapitän Nihat bedrohliche Ausmaße annehmende Verletztenliste kann die Euphorie nicht bremsen.

"Wir produzieren Wunder. Wir haben den Deutschen und dem Finale eine Botschaft geschickt: 'Die Türken kommen'", schrieb die Zeitung "Sabah" pathetisch. Längst hat der türkische Siegeszug bei der Europameisterschaft in den Alpenländern auch politische Züge angenommen. Ministerpräsident Recep Erdogan toppte die bislang gezeigte Fußball-Begeisterung der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ließ auf der Tribüne des Wiener Ernst-Happel-Stadions seinen Tränen freien Lauf. "Er verfluchte das Gegentor und freute sich wie verrückt über unser eigenes Tor. Der Fußball lässt sogar Ministerpräsidenten weinen", schrieb "Sabah".

Trainer Terim plagen große Sorgen

Trainer Fatih Terim plagen aber große Sorgen. Sein EM-Kader schrumpft und schrumpft. Der nächste herbe Dämpfer ereilte den innerhalb von zwei Turnier-Wochen in der Heimat vom Buhmann zum Imperator aufgestiegenen Coach am Samstag. Ausgerechnet Sturmführer Nihat reihte sich in die lange Ausfallliste ein. Der Angreifer vom FC Villareal kann wegen einer beim Sieg gegen Kroatien (3:1 i. E./1:1, 0:0) erlittenen Leistenverletzung gegen Deutschland nicht mitwirken. Noch funkt Terim nicht S.O.S. Trotz neun gesperrter, verletzter oder angeschlagener Akteure dürfte der 54-Jährige nach derzeitigem Stand ohnehin keinen Spieler nachträglich berufen. "Spieler können nur bis zum ersten Turnierspiel nachnominiert werden. Wir haben keine Absicht, diese Regel zu ändern", sagte Uefa-Sprecher William Gaillard.

Ganze 17 von 23 Akteuren standen gegen Kroatien zur Verfügung. Gegen Deutschland wären es nach derzeitigem Stand nur noch 14. Durch Nihats Blessur und die Gelb-Sperren gegen Tuncay, Arda und Emre Asik reduzierte sich der Kader weiter. Immerhin kehrt Mittelfeldmotor Mehmet Aurelio nach abgesessener Gelb-Sperre zurück. Über den Einspruch gegen die Rot-Sperre von Torwart Volkan entscheidet die Uefa am Montag. "Ich denke, sein Vergehen war vergleichbar mit dem von Bastian Schweinsteiger gegen Kroatien", sagte Terim und hofft auf eine Begnadigung seines Schlussmanns.

Bilic: Türken haben etwas Besonderes

Wer auch immer gegen Deutschland spielt, auf eines kann das Team von Bundestrainer Joachim Löw sich einstellen: Grenzenlose türkische Leidenschaft. Im Diktus des Oliver Kahn gibt Trainer Terim die Haltung der Türken aus. "Meine Philosophie ist: 'Niemals aufgeben'." Und seine Spieler folgen ihm aufs Wort und verkehren die frühere türkische Fußball-Mentalität des melancholischen Rückzugs im Moment der drohenden Niederlage ins Gegenteil. Gegen die Schweiz, Tschechien und Kroaten wurde das Aus drei Mal gerade noch abgewendet.

"Achtung Deutschland" lautet die Botschaft, die von den Türken ausgeht, und keiner hätte die Warnung besser artikulieren können als die auf demütigende Weise bezwungenen Kroaten. "Wenn die Türken weiter so viel Glück haben, muss Deutschland aufpassen, dann verlieren sie", sagte Klasnic. Sein Trainer Slaven Bilic entdeckte ein magisches Moment - vergleichbar mit dem Sensations-Triumph der Griechen vor vier Jahren: "Sie haben etwas Besonderes, was man im Fußball braucht", sagte er.

Seit 1992 nicht mehr gegen DFB-Elf verloren

Die Türken bleiben nach ihrem bislang größten Erfolg seit Platz drei bei der WM 2002 und dem ersten EM-Halbfinaleinzug überhaupt in Wien wohnen. Erst am Dienstag bricht das Team nach Basel auf, wo erstmals seit der WM 1954 wieder ein Turnier-Spiel gegen Deutschland ansteht - und das wieder in der Schweiz. Damals mussten die Türken in Zürich (2:7) und Bern (1:4) gleich zwei Vorrunden-Niederlagen gegen den späteren Weltmeister einstecken. Die jüngere Länderspiel-Bilanz macht den Halbmond-Männern mehr Mut. Seit 1992 haben sie gegen die DFB-Elf nicht mehr verloren.

Arne Richter und Gerd Münster/DPA
 
 
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