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4. Juni 2008, 11:49 Uhr

Mit dem "Sir" in die Pleite

Vor der Europameisterschaft erinnert stern.de in einer Serie an die magischen Momente der EM-Geschichte. Im achten Teil erlebt Deutschland einen neuen Tiefpunkt und blamiert sich bis auf die Knochen, während Europas Fußball im Jahr 2000 ein begeisterndes Turnier feiert. Von Nico Stankewitz

Hilfloses Trainergespann: Erich Ribbeck (r.) und Co-Trainer Horst Hrubesch beim 0:3-Debakel der Deutschen gegen Portugal© Sven Simon / picture alliance

Es war die kürzeste und unbefriedigendste Amtszeit eines deutschen Bundestrainers, die schrecklichen 21 Monate von Erich Ribbeck. Nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 1998 waren mit Klinsmann, Kohler, Köpke und anderen eine Reihe von alternden Säulen zurückgetreten, Berti Vogts hatte mit einer Malta-Reise und einem Kurz-Comeback von Stefan Effenberg einen letzten verzweifelten Versuch gestartet, seinen schon verlorenen Posten zu verteidigen. Aber der Kredit von Vogts bei Mannschaft, Funktionären und Medien war restlos aufgebraucht, sein Nachfolger wurde ein Pensionär, der schon 1984 für ungeeignet befunden worden war: "Sir" Erich Ribbeck.

Der 61-Jährige, ein netter Mann mit guten Umgangsformen, der aber abgesehen von zwei einjährigen Gastspielen bei Bayern und Leverkusen seit zehn Jahren ohne Praxis im Trainerbereich war und sich nach eigenen Angaben mit der "ran"-Sendung von Sat.1 über die Bundesliga auf dem Laufenden gehalten hatte, hatte von Anfang an einen schweren Stand.

Taktisch hinter dem Mond

Sein Assistent Uli Stielike, der von einer Satirezeitschrift nach einem besonders auffälligen Kleidungsstück bei seiner Inthronisierungspressekonferenz nur "Sakko des Grauens" genannt wurde, fühlte sich als eigentlicher Teamchef und wurde darin von einem Teil der Mannschaft bestärkt. Deutschland rumpelte mühsam durch die Qualifikation, blamierte sich beim Confederations-Cup in Mexiko und tat sich mehr durch zum Teil öffentliche Debatten als durch ansprechenden Fußball hervor.

Unmittelbar vor Beginn der europäischen Titelkämpfe in Belgien und Holland zog Ribbeck dann vermeintlich die Notbremse, feuerte Stielike und setzte voll auf Lothar Matthäus, den 39-Jährigen Rekordnationalspieler, als Leitwolf für eine zerstrittene Mannschaft. Da der Kapitän der Weltmeisterelf von 1990 zwanzig (!) Jahre nach seinem EM-Debüt nicht mehr schnell genug für ein moderneres Raumdeckungssystem war, setzte Ribbeck - international verspottet - als einziger Trainer unter den 16 Teilnehmern auf einen Libero und zwei Manndecker.

Deisler einziger Lichtblick

Der erste Auftritt gegen Rumänien bestätigte dann schlimmste Befürchtungen: Unmotiviert, langsam, unbeweglich und ohne Ideen spielte Deutschland im Auftaktspiel, ein Fernschuss von Scholl brachte den einzigen Treffer, und lediglich Oliver Kahn verhinderte bei seinem ersten Turnier eine Niederlage. Im Klassiker gegen England zeigte Deutschland sich zwar kämpferisch verbessert, unterlag aber unter dem Strich verdient mit 0:1 gegen Beckham & Co.

Die einzigen Lichtblicke kommen von einem jungen Spieler, der sich hier in den Vordergrund spielte: Sebastian Deisler. Im letzten Vorrundenspiel gegen Portugal musste nun ein Sieg her, gleichzeitig musste Rumänien gegen England gewinnen. Was der deutschen Mannschaft in die Karten zu spielen schien, war dass sich die Portugiesen mit zwei Siegen bereits für das Viertelfinale qualifiziert hatten und Portugals Coach Humberto Coelho mit einer B-Elf antrat, ohne seine Superstars Luis Figo und Rui Costa.

Blamage gegen Portugals Reserve

Am Abend des 20. Juni 2000 sind 51.500 Zuschauer in Rotterdam, und zumindest die deutschen Fans hoffen nochmal auf die "Turnierelf", auf die "deutschen Tugenden". Doch sie erleben von der ersten Minute an einen desolaten Auftritt der deutschen Mannschaft: Ganz schlecht eingestellt, mit haarsträubendem Stellungsspiel und ideenlosen Angriffen hat man Portugals Reservisten nichts entgegenzusetzen. Ein portugiesischer Spieler wird zum Helden: Sergio Conceicao. Der 24-Jährige Mittelfeldspieler ist von der deutschen Abwehr nicht zu stoppen und erzielt nicht nur den Führungstreffer in der 35. Minute, sondern auch zwei weitere Treffer (54. und 71.) zum vollkommen verdienten 3:0-Erfolg.

Und Deutschland? Nichts funktioniert, auch die beiden einzigen bisher überzeugenden Spieler Kahn und Deisler gehen mit unter. Hamann, Babbel, Rehmer übertreffen sich in Tollpatschigkeit, Matthäus erregt nur noch Mitleid, und die Offensivleistung ist nicht zu bewerten, weil nicht vorhanden. Insgesamt war es möglicherweise die schlechteste Pflichtspielleistung in der Geschichte des DFB.

Nächtliches Gelage nach der Pleite

England verlor im zweiten Gruppenspiel gegen Rumänien und konnte mit der deutschen Elf die Heimreise antreten. Zwei Dinge machten den desolaten Auftritt noch schlimmer: Auf der Terrasse des Spielerhotels wurde in der Nacht nach dem Ausscheiden viele Stunden gefeiert und gesungen ("Hebt die Hände zum Himmel") - eigentlich schöne deutsche Gewohnheiten, aber angesichts der Turnierleistung reagierten die Fans zu Hause, von fürsorglichen Boulevardmedien mit den Details versorgt, mit Wut und Ablehnung.

Dazu kam, dass der europäische Fußball sich weiterentwickelt hatte: Die vier Halbfinalisten Frankreich, Italien, Holland und Portugal boten begeisternde Partien, zeigten in dem besten Turnier der EM-Geschichte, wie weit sich der deutsche Fußball zwischen 1990 und 2000 vom Spitzenniveau entfernt hatte. Frankreich holte zwar glücklich den Titel, zwischen den Topteams waren aber nur marginale Unterschiede erkennbar. Immerhin sorgte der Schock nicht nur für die überfällige Entlassung von Ribbeck, der als schlechtester Bundestrainer aller Zeiten in die Geschichte einging, sondern auch für eine Reihe von Reformen im Jugendfußball, deren erfolgreiche Auswirkungen heute spürbar sind.

Die Versagerelf des Portugal-Spiels: Oliver Kahn, Jens Nowotny, Lothar Matthäus, Thomas Linke, Marko Rehmer, Dietmar Hamann, Michael Ballack (46. Paulo Rink), Mehmet Scholl (59. Thomas Häßler), Sebastian Deisler, Carsten Jancker (69. Ulf Kirsten), Marco Bode.

Von Nico Stankewitz
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
hiro42 (04.06.2008, 14:24 Uhr)
Danke Erich
Mann muss Ribbeck heute dankbar sein. Ohne sein grandioses Scheitern auf allen Ebenen hätte es keinen "Rudi Nationale", keine TFK (TrainerFindungsKommission), keinen Klinsmann, keine Reformen, keine WM 2002 (wir erinnern uns: fast verdienter Vize) und kein Sommermärchen gegeben. Deutschland ist bei der EM sicherlich kein Titelfavorit - aber so schlimm wie 2000 wird es sicher auch nicht werden - Dank Erich Ribbeck.
Dudu (04.06.2008, 14:18 Uhr)
Sir
Ribbeck und seine "Leistung" muss schon im Lichte der damaligen Zeit betrachtet werden. Es gab Gründe, warum nur der Trainer-Rentner (und Spieler-Rentner) in Frage kam und diesen Job machen wollte.
Wenn ich mich richtig erinnere, haben aktive Liga-Trainer mit Dank das Weite gesucht (sie wussten warum).
AchazIII. (04.06.2008, 14:00 Uhr)
Ribbeck hat es richtig gemacht
Er nahm das Ganze nicht allzu ernst und veräppelte den DFB, die Öffemtlichkeit einschl. Medien.
Außerdem war er sehr gut angezogen, konnte herrliche Schachtelsätze formulieren und sinnierte über objektive und subjektive Fragen (vgl. Zitatenschatz bei "Blutgrätsche.de"). Mitunter war sein Statement, wie die Frage gemeint sein könnte länger als die Antwort auf die gestellte Frage des Journalisten.
Ribbeck wurde unterschätzt. Die Jahre mit ihm bei DFB mögen sportlich nicht die besten gewesen sein, aber sie hatten zumindest eine adäquate Reaktion auf den bierernsten Blödsinn eines Fußballturniers. Wer sich dagegen den bierernsten Spießer Löw betrachtet, der jede Fußballluftpumpe
kommentiert, dem graust es.
Immerhin ging die EM 2000 mit dem Gesang "Anton aus Tirol" zu Ende, wohlgemerkt aus den Kehlen von Matheus und Co.
Das hat außer Ribbeck niemand geschafft.
Ich bin mal gespannt, was Löw für ein Lied auf den Lippen hat, wenn die deutschen Gurkentruppe 2008 frühzeitig ausgeschieden nach Hause kommt.
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