Seine Nationalelf zählt nach dem Sieg gegen Polen zu den Favoriten der Europameisterschaft. Feinde? Weit und breit nicht in Sicht. Selten war ein Bundestrainer von Fans wie Experten so geschätzt wie Joachim Löw - was ist sein Geheimnis? Porträt eines ungewöhnlich leisen Fußball-Lehrers. Von Mathias Schneider

Kein rotes Tuch, für niemanden: Freunde vergleichen Löws geschickte Art mit der eines Matadors. Beim Fototermin in Freiburg kurz vor der EM gab sich der 48-Jährige locker© Thomas Rabsch
Man stutzt einen Moment, weil es gar so abwegig scheint. Der zuvorkommende Joachim Löw, ein Torero? Auch schneidig, nein, schneidig schaut dieser Löw wirklich nicht aus in seinen Maßanzügen und dem Seidenschal, der wie ein Weichzeichner auf seine Erscheinung wirkt.
Doch Frank Wormuth bleibt bei seinem Bild. Er hat als Assistent Seite an Seite mit Löw beim türkischen Traditionsverein Fenerbahce Istanbul gekämpft. Seit einigen Monaten leitet er als Chefausbilder die Trainerakademie des Deutschen Fußball- Bundes. Man kann sagen, dass Wormuth, 47, zu den wenigen Vertrauten des Bundestrainers zählt.
"Wissen sie, ich bin ja eher ein Typ, der mal auf den Tisch haut, direkt im Gespräch auf den Punkt kommt", sagt Wormuth in seinem kargen Büro an der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Jogi aber sei nicht zu locken. "Er lässt einen im Gespräch einfach durchs rote Tuch rennen, wenn man auf ihn zugestürzt kommt wie ein Torero." Irgendwann rege man sich ab. "Und dann geht Jogi ruhig auf den anderen ein, und am Ende haben beide einen Konsens. Diplomatie habe ich von ihm gelernt."
Ein Matador, der sich den Attacken auf seine Person geschickt mit ausweichender Rhetorik entzieht, den Angreifer ins Leere laufen lässt. Löw bezwingt aber seine Gegner nicht, er zähmt sie, bis da nichts mehr ist als Harmonie. Eine seltene Gabe. Man lässt das Bild einsickern und muss noch oft daran denken, da man sich aufgemacht hat, diesem Joachim Löw auf die Schliche zu kommen.
Warum ist der Kerl nur so schrecklich beliebt? Wie kann es sein, dass man auf der Reise zu den Stationen seines Trainerdaseins, von Stuttgart bis Wien, nur wohlwollende Stimmen vernimmt? So sympathisch, der Mann. Keine Feinde weit und breit. Ach ja, und kompetent sei er auch. Himmel, wer wird bei so viel Lob nicht misstrauisch. Wo ist der Haken? Und kann so ein Mensch die deutsche Fußballnationalmannschaft bei dieser Europameisterschaft an die Spitze führen?
Konfrontiert man Löw mit seinem Image, blickt er erst einmal einige Sekunden ins Nichts. Er lässt sich ja immer viel Zeit mit seinen Antworten. Man spürt, wie alle Konsequenzen durchdacht werden, da rutscht nichts unüberlegt heraus. Dann sagt er in dieser unvergleichlichen badischhochdeutschen Löw-Sprache: "Ich versuche, immer authentisch zu bleiben. Mein Verhalten folgt nicht einer gewissen Strategie, ich benehme mich so, wie ich es für richtig halte und wie ich erzogen wurde."

Früher Triumph: Als junger Trainer des VfB Stuttgart gewinnt Löw den DFB-Pokal, Juni 1997. Ein Jahr später wird er gefeuert© Sven Simon
Man erntet viele solcher Sätze im Laufe von zwei entspannten Stunden. Löw baut keine Distanz auf. Doch über sich redet er nicht wirklich gern. Um Joachim Löw, geboren am 3. Februar 1960 in Schönau im Schwarzwald, nahezukommen, seine verbindlich wirkende Unverbindlichkeit zu durchdringen, muss man Geduld mitbringen, ihn einkreisen. "Es sind Highlights, wenn der Jogi mal etwas aufmacht", hatte Wormuth noch gewarnt.
Jetzt, da die deutsche Mannschaft mit dem Sieg gegen Polen erfolgreich in die EM gestartet ist, blickt die ganze Nation noch genauer auf auf ihn, doch Löw wirkt relaxt - so wie fast immer. Löw lebt mit seiner Frau Daniela in Freiburg im Stadtteil Wiehre, einem Viertel für Intellektuelle und Lehrer, und in gewissem Sinne ist er das fleischgewordene Freiburg in seiner Gründlichkeit und seinem Understatement. Die Mutter Hildegard und zwei der drei jüngeren Brüder sind in der Region heimisch. Hier schrumpft sich Löw sein staatstragendes Mandat auf ein bürgerliches Maß zurecht.
Übernommen aus ...
Ausgabe 24/2008