15. Juni 2008, 11:55 Uhr

Löws schwerstes Spiel

Da ist es wieder, das berühmte Schicksalsspiel: Gegen Österreich muss die deutsche Nationalmannschaft mindestens einen Punkt holen, sonst ist die EM gelaufen. Aber nicht nur das: Ein Scheitern würde ein ganzes System in Frage stellen - und eine Person wäre wohl kaum noch zu halten. Von Jens Fischer

Joachim Löw war gegen Kroatien der Verzweiflung nahe - alle Anweisungen des Bundestrainers wurden von den Spielern nicht befolgt©

Was waren alle froh: Die deutsche Nationalmannschaft war im eigenen Land gerade WM-Dritter geworden und hatte das deutsche Volk über vier Wochen hinweg mit ihrem "Sommermärchen" verzaubert. Alles war gut, alle liebten Jürgen Klinsmann und dessen emotional aufgeladene Art. Nur eines passte nicht: "Klinsi" hatte nach der WM keine Lust mehr. Was nun?

Zum Glück gab es zu diesem Zeitpunkt einen Joachim Löw - Verwalter des Klinsmann-Erbes und ein Fußball-Lehrer, dem alle Experten höchste Affinität zu moderner Trainings-Analytik sowie kraftvollem und schnellem Offensiv-Spiel bescheinigten. Löw übernahm das Kommando und das erfolgreich. Die Qualifikation für die EM wurde relativ mühelos bewältigt, alle waren zufrieden und unterstellten der deutschen Mannschaft internationalen Standard. Die Zeit des hässlichen Rumpelfußballs schien endgültig Geschichte, Deutschland war wieder auf dem Level, um ganz vorne mithalten zu können.

Viele Fragen, wenig Antworten

Zumindest auf den ersten Blick. Aber bereits in der Qualifikation schlichen sich erste Zweifel ein, was den wahren Leistungsstand der Löw-Truppe betrifft. Die Heimpleite gegen Tschechien (0:3!) gab erste Indizien, dass lange noch nicht alles gut ist im deutschen Team. Danach gab es im Vorfeld der EM zwar klare Siege gegen Zypern (4:0) und in der Schweiz (4:0), dazwischen lag aber auch das grauenvolle Auftreten in Österreich, wo man zwar gewann, aber spielerisch wieder beim archaischen Fußball aus den Zeiten Ribbecks und Völlers angekommen schien.

Und nun die Pleite gegen Kroatien und das bevorstehende "Endspiel" gegen den 92. der Weltrangliste, Österreich. Keiner weiß so richtig, wo die Mannschaft steht. Was war los gegen die Kroaten? War es Überheblichkeit? Wo war das Tempo? Wo war die taktische Flexibilität? Wo die Leidenschaft, wo der Mannschaftsgeist? Fragen, die sich Löw jetzt gefallen lassen muss - von ihm werden Antworten erwartet. Das weiß er auch, deswegen begibt er sich in den Tagen zwischen Kroatien und Österreich auf Spurensuche. Er holt sich die Spieler in den Garten des Quartiers, führt mit ihnen lange Einzelgespräche und versucht zusammen mit dem Mannschaftspsychologen Hans-Dieter Hermann herauszufinden, wieso die Mannschaft gegen die Kroaten völlig von der Rolle war.

Die Mannschaft wirkt zerstritten

Löw steht vor seinem schwersten Spiel. Er weiß: Gegen Österreich muss die Mannschaft anders auftreten, aber kann sie das überhaupt? "Ich werde nichts über den Haufen werfen", sagt Löw gleich einmal und macht sich somit auch zur Zielscheibe. Schließlich war es gerade die Taktik, die den Deutschen gegen die Kroaten zum Verhängnis wurde.

Löw ist davon überzeugt, dass Kroatien nur ein Ausrutscher war, er ist sich sicher, dass seine Mannschaft nur ihr großes Potenzial nicht ausgeschöpft hat. Die Reaktion der Spieler nach dem Spiel lässt aber durchaus auch anderes vermuten: Da beklagte sich der formschwache Miroslav Klose über den Egoismus in der Mannschaft, da wurde ein Bastian Schweinsteiger nach dessen roter Karten offen attackiert, da wurde von Kapitän Michael Ballack Überheblichkeit angeprangert. Innerhalb der Mannschaft scheint also nicht alles zu stimmen.

Was ist mit der Taktik los?

Auch in Taktik-Fragen muss sich der Trainerstab Fragen gefallen lassen. Löws Co-Trainer Hans-Dieter Flick machte diesbezüglich während er EM nicht immer eine glückliche Figur. Auf Fragen nach seinem Aufgabengebiet reagierte er unsicher, und vom kroatischen Überfall-Kommando so überrascht zu werden – das geht mit auf seine Kappe. Und auch auf die vom Chefscout Urs Siegenthaler.

Gegen Österreich steht die Löw'sche Philosophie auf dem Spiel. Bei einer Niederlage wäre er kaum noch zu halten, auch wenn DFB-Präsident Theo Zwanziger schon einmal vorgebaut hat und Löw eine Job-Garantie bis 2010 ausgestellt hat. Dass diese sehr schnell zur Makulatur werden kann, ist aber auch klar. Da genügt ein Blick in die DFB-Historie: Jupp Derwall, Erich Ribbeck, Rudi Völler – sie alle mussten nach einem EM-Debakel gehen.

System auf dem Prüfstand

Ein Scheitern Löws wäre auch ein Scheitern des Systems. Die Nationalmannschaft begeisterte mit Beginn der Klinsmann-Ära zwar die Fans, mit den Verantwortlichen in der Bundesliga gab es aber immer wieder Ärger. Speziell Teammanager Oliver Bierhoff wird Arroganz und Eigensinn vorgeworfen, die Interessen der Bundesliga würden von ihm nicht ausreichend berücksichtigt werden.

Fazit: Das gesamte Konstrukt "Nationalmannschaft" steht gegen Österreich auf dem Prüfstand - eine Niederlage hätte nicht nur historische Ausmaße, sondern würde wohl auch personelle Konsequenzen nach sich ziehen.

Von Jens Fischer
 
 
KOMMENTARE (10 von 22)
 
appaz (16.06.2008, 21:00 Uhr)
Immer auf die Trainer
Nein, es ist nicht Löws schwerstes Spiel. - Beweisen muss sich allen voran Kapitän Ballack!
Damit kein Missverständnis entsteht: Natürlich muss es jedem Spieler gestattet sein, auch über zwei Spiele (oder sogar zwei Turniere) teils weit unter seinen Möglichkeiten zu bleiben.
Wenn jemand aber von dieser Möglichkeit Gebrauch macht, sollte er es tunlichst vermeiden, sich als hinter den Kulissen tätiger Motivator zu gerieren!
Ohnehin ist Ballack nicht nur m.M.n. einer der meist überschätzten Kicker, weil er ganz besonders dann schwächelt, wenn’s um die sog. Wurst geht.
321aus (16.06.2008, 14:47 Uhr)
weinen in wien
www.fussballwahnsinn-oesterreich.at
Heute seid's ihr raus aus der EM, liebe Österreicher! ;) Der Countdown läuft noch und am Abend hat der Fussballwahnsinn dann ein Ende in der Alpenrepublik!
www.fussballwahnsinn-oesterreich.at
wanderer60 (15.06.2008, 20:20 Uhr)
nuja, lieber Stern...
fair ist diese Art der Berichterstattung sicher nicht. Beim ersten Ausrutscher der Mannschaft gleich alle runtermachen und versuchen, den Trainer zu demontieren ist echt BILD-verdächtig.
.
Ausserdem ist es doch meistens so gewesen, dass die deutsche Mannschaft sich im Laufe des Turniers deutlich gesteigert hat. Wenn alle aufgewacht sind, kann (und wird) es besser werden.
Neubayer (15.06.2008, 19:01 Uhr)
In Watte packen
Jammern hin,jammernher, die deutschen Spieler werden zu sehr verwöhnt. Eine härtere Gangart wäre angebracht. Bei mir entsteht nach den vielen Berichten der Eindruck, es fehlt jedem der Herren Fussballmillionäre nur noch ein persönlicher Butler, der sie Betreut.
Schlafen wie in der Jugendherberge und reichlich Druck (üben, üben, üben)würde diesem zum Teil sehr verwöhnt wirkenden Sensibelchen auf die Sprünge helfen. Wer das nicht aushält, hat in einer deutschen Nationalmannschaft nichts verloren.
muemmelfrau (15.06.2008, 16:30 Uhr)
peinlich
der artikel ist einfach nur peinlich. Vielleicht klappts beim nächstenmal besser hr. fischer. ^^
ausserdem ist die EM ja noch nicht beendet und die effizienz der jetzt so hochgelobten nationen kann man an der anzahl ihrer titel oder der anzahl ihrer finalteilnahmen der letzten 40 jahre sehen.
allerdings sollte man sich mal fragen woher z.b. kleine länder wie holland oder portugal ständig die internationalen stars ausgraben.
es macht schon einen unterschied ob ich mal eben einen robben und van persi einwechseln kann oder auf odonkor und neuville zurückgreiffen muss.
sophisticated (15.06.2008, 15:33 Uhr)
Der Artikel ist typisch deutscher Defätismus!
Was soll das eigentlich bewirken, wenn man seine eigene Mannschaft in einem Turnier so runterschreibt und runterredet?
Niemand ist unfehlbar, jedes Turnier hat seine eigenen Gesetze: Sieger können zu Verlierern werden, und Verlierer zu Siegern.
Jetzt haltet doch mal alle Euer Lästermaul, freut Euch an schönen Spielen und steht Eurer eigenen Mannschaft nicht im Weg.
Ein Spiel ist ein Spiel, nicht mehr und nicht weniger. Und: in 2 Jahren ist die WM.....
znew (15.06.2008, 15:10 Uhr)
Politische fehlentscheidungen
Österreich ist nicht Kroatien, aber dieses Gedicht von Thomas Gsella trifft es gut:
Wie entstand Kroatenland?
Jemand hat es anerkannt!
Also wer rief "Genscher vor"?
Alemannia Eigentor!
kaisergarten (15.06.2008, 15:07 Uhr)
WER IST dieser Fischer?
Außnahmsweise sind sich hier ja mal alle einigund das ist gut so. Erst Hui dann pfui? Arrogant waren von Anfang die Medien,dienicht kapiert haben, das wir gegen Polen (Gruppenerste gegen Portugal),gegen Kroatien (Gruppenerste gegen Rußland und England)sowohl demGastgeber (HEIMBONUS) eben keine leichten Spiele haben würden.Von wegen Freilos bis zum Finale. Und in allen anderenGruppen zeigt sich doch deutlich, dass jede Mannschaft gegen die andere gewinnen kann oder haushoch untergehen.Deswegen bin ich Fußballfan - weil es sauspannend ist. Diesesog. Experten sind Mist. Speichellecker und Königsmörder. Demwahren Fan - viel Spaß am Montag, Daumen drücken und dasBierkühlstellen.
BrunoK (15.06.2008, 15:06 Uhr)
Miesmacher
Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern.
Zitate vom Stern nach dem Polenspiel:
"Löw: Alles richtig gemacht"
"Die EM beginnt und prompt übernehmen die Leitwölfe wieder das Kommando. Ballack und Frings verlieren in 90 Minuten fast keinen Zweikampf, leiten das deutsche Spiel und zeigen Präsenz und Charisma."
usw.
Ein schlechtes Spiel, und siehe da, der Herr Fischer hat's ja kommen sehen. Wenn Deutschland nicht jedes Spiel 5:0 gewinnt stimmt irgendwas nicht im System.
Und natürlich, den Trainer absägen, der Nächste macht dann aus Ackergäulen Rennpferde, ist doch alles ganz einfach im Fußball. Wieso macht Jens Fischer nicht den Bundestrainer?
Man sollte dem Stern verbieten über den deutschen Fussball zu berichten, geschweige denn darüber zu analysieren und schlechte Stimmung verbreiten. Das Glas ist halb voll, und nicht halb leer...;-)
JoeSkeleton (15.06.2008, 14:56 Uhr)
was will...
dieser Mensch überhaupt? Eine prima Quali gespielt (mal abgesehen vom Tschechien-Spiel),und ein schlechtes Spiel soll reichen um alles in Frage zu stellen?Ich trauere Blendamed-Klinsi nicht nach,was hat er denn erreicht? WM-Dritter im eigenen Land zu werden ist so dolle nicht,zumal er an der ersten grossen Hürde (Italien) gescheitert ist. Ich würde sagen,abwarten was morgen passiert,die Östereicher sollte man nicht unterschätzen.
Vielen wird das Vorbereitungsspiel noch in Erinnerung sein,da war das Ergebnis nicht gerade dem Spielverlauf entsprechend.Mit dem Publikum im Rücken,die letzte Chance nutzen wollend,müssen und werden die Östereicher nach vorne stürmen.Wird ne Hürde,aber ist sicher machbar.
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