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20. Juni 2008, 13:28 Uhr

"Zur Halbzeit gehe ich mal hoch"

Public Viewing ist zur Zeit in aller Munde. Ob in Biergärten, Kneipen oder auf großen Plätzen, überall jubeln Frauen und Männer gemeinsam in Deutschland-Trikots. Im hessischen Bürstadt geht es etwas freizügiger zu: Deutschland gegen Portugal im FKK-Club. Von Christian Schnohr

Public Viewing und Deutschland-Fieber mal in ganz anderer Atmosphäre© Christian Schnohr

Portugal gegen Deutschland. EM-Viertelfinale. Wir schreiben die 22. Minute, als Sebastian Schweinsteiger mit rechts zur deutschen 1:0-Führung einschießt. Hübsche Frauen springen jubelnd und johlend auf, während die Männer klatschen und anerkennend nicken. Eigentlich wie überall in Deutschland. Wären da nicht die türkisfarbenen Badeschlappen, die die Männer an den Füßen tragen. Als Accessoire zu dem weißen Handtuch, das das Wenige gerade so zu kaschieren vermag.

Den Damen reicht in dem hochgeheizten Zimmer ein etwas breiterer Gürtel. Public Viewing nicht für alle - im FKK-Club Night & Day in der südhessischen Kleinstadt Bürstadt. Während der EM läuft hier jedes Spiel auf Großbildleinwand. Dafür hat der Chef kräftig die Werbetrommel gerührt, um einen Zuschauerschwund während der Begegnungen zu vermeiden. "Zu Beginn der EM war es eher ruhig, doch langsam läuft es. Vor dem Finale werden wir noch Promotionstouren in einigen Städten der Region machen."

Dieter hat alles im Griff

Der Chef heißt Dieter. Der 46-jährige ehemalige Installateur passt nicht ganz ins Ludenklischee. Aber immerhin schläft eine englische Bulldogge unter seinem Schreibtisch. Die markante Narbe unter seinem linken Auge zuckt etwas, als er den Ablauf in seinem Club im sympathischen Südpfälzerisch erklärt: "Wir sind kein Bordell im klassischen Sinne, ich also auch kein Zuhälter: Männliche Gäste zahlen 39 Euro Eintritt, wofür sie Zugang zu unserem Wellness- Bereich erhalten. Buffet und alkoholfreie Getränke sind inklusive."

Dieters schwarzes Shirt spannt über seinen mühsam antrainierten Muskeln, auf den Armen blitzen zwei Tätowierungen. Zur Blue Jeans trägt er schwarze Socken und hellbraune Slipper. Die weiblichen Gäste des FKK-Clubs sind selbständige Unternehmerinnen, die gegen ein Eintrittsgeld von 69 Euro im Club sexuelle Dienstleistungen auf den Zimmern im oberen Stockwerk anbieten dürfen.

Estelle tanzt zu Delling

Dort ist es jedoch seit Anpfiff etwas ruhiger, dafür lümmeln sich in der hauseigenen Bar rund zehn Männer und acht Damen auf schwarzen Ledersofas mit roten und goldenen Kissen vor der Leinwand und starren gebannt auf Poldi und Co. "Ich wäre zwar auch ohne Fußball gekommen, aber die Stimmung und die Aufmachung sind hier super", so Stammgast Michael, 53 Jahre alt. Während des Spiels ist körperliche Aktivität für Michael Tabu, "höchstens zur Halbzeit gehe ich mal hoch."

Dann würde Michael aber Tänzerin Estelle verpassen. Während im Hintergrund Gerhard Delling und Günter Netzer die erste Hälfte analysieren, schlängelt sie ihren Körper um die metallene Stange. Als der BH fällt, flimmert das Gesicht von Angela Merkel über die Leinwand.

Der Duft von süßlichem Parfüm

Kurz nach Wiederanpfiff füllt sich der Partyraum erneut, die Spannung steigt zusehends. Im Hintergrund schwirren Wortfetzen aus Brasilien und Osteuropa durch den schummrigen Raum. Luna kommt aus Deutschland. Die 21-jährige arbeitet erst seit vier Wochen im Night & Day, meist sieben Tage die Woche, oft während der kompletten Öffnungszeit von 11 bis 4 Uhr morgens. Sie freut sich über die Abwechslung und die gute Stimmung zu den Spielen. "Klar, ich fiebere auch kräftig mit der deutschen Elf mit. Und hoffe, dass kein Gast während des Spiels mit mir nach oben möchte." Für den Job mache es keinen Unterschied, welches Team gewinnt. "Entweder feiert man oder ich ziehe die Gäste wieder aus ihrem Loch heraus", grinst Luna süffisant.

Kurz vor Schluss ist die Luft schneidend vom süßlichem Parfüm und die Atmosphäre prickelnd. Weniger von den nackten Körpern als von der Spannung des Spiels. An der linken Seite sitzen drei Männer mit ausladenden Bäuchen aufgereiht nebeneinander. Die Männer haben nur Augen für den Ball, einer drückt sein Glas fest in der Hand, ein anderer quetscht eine Dame fest an seine Seite. Während zwei Frauen entspannt auf den Sofas vor der Leinwand liegen und eine Zigarette rauchen, können die Brasilianerinnen vor Spannung kaum noch hinsehen.

21:36 Uhr. Kollektiver Jubel im Partyraum des FKK-Clubs. Die Frauen schwenken kleine Deutschlandfahnen und tanzen vor Freude, die Männer klatschen begeistert. Eigentlich wie überall in Deutschland. Wären da nicht die türkisfarbenen Latschen.

Von Christian Schnohr
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
festbock (21.06.2008, 20:18 Uhr)
Wer's braucht...
Was sich so alles tummelt in deutschen Landen. Hochachtung !
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